Der Rich-Boy. Teil 2.

So meine Lieben, hier kommt der zweite und letzte Teil meiner Opernball-Richboy-Story. Pünktlich zum Opernball (der war gestern) und zum Ende der Ballsaison in Wien. Dieses Jahr war ich übrigens auch dort, allerdings nicht zur Eröffnung, sondern erst viel später. Weil ich ein Rebell bin und auf das gesellschaftskonforme Herumreichen keine Lust hatte und ich mich langsam aber sicher gegen meine Erzeuger durchzusetzen lerne. *muuuhahahahaaaa*

Um wen es geht? Um Rich-Boy Justus und meine gemeinsame Zukunft mit ihm. Justus war hochgewachsen, hatte ein Babyface ohne jeglichen Hauch von Bartwuchs und seine blonden Haare waren mit Haargel und Spray in eine nach hinten aufgetürmte Frisur geformt. Oben lang, seitlich kurz. Irgendwie so die gängige Frisur der Herren im Moment und es wunderte mich nicht, dass auch Justus, das Anwalts-Dynastie Söhnchen, diesen Haarstyle gewählt hatte. Instagram-Homeboy halt. Mitschwimmer im Strom der Selbstaussteller und Society-Schönlingen. Für alle die den ersten Teil der Geschichte verpasst haben, bitte hier lang:Der Rich-Boy. Teil 1.

Nicht die Mutter Gottes, aber Justus Maria

Justus Maria und ich mussten unter den Augen aller sich wichtig nehmender (und tatsächlich wichtiger) Menschen in unserer Loge auf „uns“ anstoßen. Zuvor hatte man sich nicht selbst zugeprostet, sondern auf eine schöne Ballnacht angestoßen. Dieser Illusion, dass es ein schöner Abend werden würde, konnte man sich nach 3 Stunden in hochhackigen Schuhen und zu warmen Fracks, nun wohl nicht mehr hingeben. Und so zwinkerte man uns beiden zu und erhob sein Glas. „Auf Justus und Ida!“, rief Justus Vater Ewald und nickte meinem Vater zu, der wiederum das Gesagte wiederholte und mir einen bedeutungsvollen Blick zuwarf. Ich wollte dringend sterben. In dem Aufputz wäre ich sogar „a schene Leich“ gewesen. Aber die Götter meinten es wohl nicht gut mit mir und mein erlösender spontan-Tod trat leider nicht ein.

Ich musste mich zum Anstoßen unter den aufmerksamen Augen aller zu Justus drehen. Zu meinem großen Erstaunen schien dieser das Ganze überhaupt nicht so furchtbar zu finden wie ich. Selbstgefällig lächelte er mich von oben herab an (okay, ging auch nicht anders, weil ich zwutschgi klein bin) und hatte die Nerven mich über das Glas hinweg anzuzwinkern. Fand der mich nicht genauso scheiße wie ich ihn?! Dachte der es wäre eine gute und fortschrittliche Idee sich von seinen Eltern verkuppeln zu lassen? Aus den Augenwinkeln konnte ich meine und Justus Mutter beobachten, die vor Begeisterung glühten. Ich fühlte mich gefangen, nicht nur in meinem Kleid und dieser beschissenen Loge, sondern ganz allgemein in meinem Leben.

Ich trank mein Glas eher weniger subtil in zwei Zügen aus und fühlte mich ein kleines bisschen berauscht, aber noch nicht wirklich besser. Man isst ja auch so gut wie nichts, wenn man weiß, dass man sich in zu enge Kleider zwängen muss und von allen möglichen unvorteilhaften Seite aus fotografiert wird. Justus erkannte seine Chance und ließ mir nachschenken, bzw. organisierte mir vom nächsten Kellner ein frisches Glas. Ich war ihm fast dankbar, wäre er nicht der Grund gewesen warum ich überhaupt das Gefühl hatte trinken zu müssen.

Die Charme-Offensive

Man konnte Justus viel vorwerfen, aber nicht, dass er sich keine Mühe gab. Zumindest fiel sein Drang mich irgendwie beeindrucken zu wollen, nachdem er verstanden hatte, dass mich seine bloße Existenz jetzt noch nicht vom Hocker haute, in diese Kategorie. Er fragte nicht viel nach mir und meinem Leben, entweder, weil er sowieso schon über alles informiert war, oder weil es ihm gar nicht in den Sinn kam sich für jemand anderen zu interessieren. Ich denke es war eine Mischung aus beidem. Wir verbrachten die Zeit während dem Essen eng aneinander gepresst in der Loge und ich musste mir viel zu viel Hühnchen in den Mund stopfen, um nicht schnippische Kommentare wie Patronenkugeln aus meinem Mund schießen zu lassen, die garantiert nicht nur das reicher Erben-Söhnchen verletzt hätten.

„Wir sollten tanzen!“, verkündete Justus überschminkte Mutter nach dem Essen und erstickte die Widerrede ihres Mannes mit einem strengen Blick. Anwalt Ewald war ganz offensichtlich zum Netzwerken auf den Opernball gekommen (und um nebenbei seinen Sohn unter die Haube zu bringen) und weniger um mit seiner verwelkten Ehegattin das Tanzbein auf dem wie Sardinen gefüllten Parkett zu schwingen. Mit einem Blick auf Justus Mutter war mir klar welches Schicksal mich ereilen würde, wenn ich Justus Maria nicht nur die Hand zum Tanz sondern auch zum Bund fürs Lebens reichen würde: Verbitterte Society-Gattin mit Mutter-und Shopping-Karriere, die chronisch untervögelt zu ignorieren versucht, dass ihr Workaholic-Mann vermutlich die fünfte Sekretärin im Büro flachvögelt. Klingt böse, ich weiß, aber lieber böser Durchblick als böses Erwachen im Nachhinein. Und Justus Mutter war mit ihrem selbst gewählten Schicksal ja nicht alleine. Praktisch die ganze Opernball-Gesellschaft spielgelt dieses Gesellschaftsmodell einer bestimmen Schicht wieder.

Justus stand auf und blickte mich erwartungsvoll an. Na super, stöhnte ich innerlich und nahm seine ausgestreckte Hand in meine und ließ ihn meinen Arm unter seinen einhaken. Später, auf den Fotos fiel mir dann auf, dass wir rein optisch eigentlich ganz gut zusammen aussahen. Ein sehr kleiner Grund um sich nochmal mit ihm zu treffen. Nicht, dass ich das zu irgendeinem Zeitpunkt je vorgehabt hätte. Aber ich in meinem roten Kleid und den langen dunklen halb hochgesteckten Haaren sah neben ihm im schwarzen Anzug und der Rose die er mir später schenkte ganz schön „sauber“ aus, wie der gemeine Österreicher sagen würde.

Wie tausend in einer Nacht

Justus Maria und ich tanzten, nachdem wir uns von unserer Loge aus, hinter unseren Eltern und deren Freunde, über die Treppen in den Saal gekämpft hatten, mehrere ganz passable Walzer mit vielen Überbrückungsschritten. Er hatte ganz offensichtlich Tanzstunden und die obligatorischen Benimmstunden besucht und wusste sich zu präsentieren. Das hätte sicherlich beeindruckt, aber in diesen ‚Kreisen‘ (wie bescheuert das klingt!) ist nun mal jeder auf ‚kleiner-Lord‘ getrimmt worden und damit nichts mehr Besonderes. Seine blonde Instagram-Homeboy Frisur und das glattrasierte Babyface überzeugten mich genau so wenig wie seine endlosen Geschichten über seine krassen Reisen in ferne Länder mit genauso gestopften Kumpels oder das Auslandssemester in Gott-weiß-wo. Richtig fett schien auf jeden Fall alles zu sein was Justus Maria so tat. Ich war für dieses Level an Coolheit und Exklusivität (Alkohol-technisch) noch nicht fett genug.

Mein Märchen von Tausend und einer Nacht verwandelte sich in einen Albtraum von tausend in einer Nacht. Tausend Gespräche die ich nie führen wollte. Tausend Tänze mit einem Mann die ich nie tanzen wollte. Tausend neugierige Blicke von ‚Bekannten‘ die Justus und mich vielsagend und wissend beäugten. Tausend Berührungen die es nie gebraucht hätte. Tausendmal zu viel an Opernball in einer Nacht.

„Ich brauch eine Pause!“, sagte ich irgendwann und löste mich aus Justus erstaunlich starken Armen und meinte damit nicht nur eine Pause vom Tanzen oder von Justus sondern vom Leben allgemein. Er hielt uns zwischen zwei Walzer-Schritten geschickt an und manövrierte uns aus der Menschenmenge hinaus. Am Rand der (tanzenden) Gesellschaft angekommen zerschlugen sich meine Pläne vor Justus Maria fliehen zu können gänzlich. Es schien so als würde die halbe Welt hier Justus und Justus die ganze Welt kennen. Ständig begrüßten uns Leute und ja, ich schreibe bewusst ‚uns‘! Der liebe Justus legte nämlich demonstrativ seine Hand um meine Hüften und stellte mich brav beim ersten Satz den er sprach seinen Gegenübern vor. Ganz offensichtlich war ich keine eigenständige Person mehr, sondern „die von“. Von Justus. Ich hätte schreien können vor Wut.

Ein Haufen seiner ebenfalls Jus, oder Medizin, oder ‚Public-Relations‘- studierenden Freunde blieben für mich genauso gesichts-wie charakterlos und ich wartete einfach nur darauf mit meiner freundlich falschen Maskerade aufzufliegen. Tat ich aber nicht. Und warum? Weil alle um mich herum genauso falsch und gespielt künstlich waren wie ich. Nur dass das für diese Leute ganz normal war. „Und was studierst du?“, fragte mich ein blond gefärbtes Mädchen, das genauso am Arm eines Model-Typen hing wie dessen Rolex-Uhr und wahrscheinlich genauso unter „Besitztümer“ fiel wie die Uhr. „Theologie.“, erwiderte ich und sah schon an ihrem Blick, das sie nicht so ganz wusste was das war. „Das mit Steinen?“, meinte sie. „Nein, das mit Gott und so.“, erklärte ich ihr und lächelte sie an. Ein echtes Lächeln, weil sie sich hier wohl genauso fehl am Platz fühlte wie ich und trotz ihrer hübschen Aufmachung ganz offensichtlich nicht hier her gehörte. „Dein erster Opernball?“, fragte ich. „Ja!“, lachte sie nervös und strich sich die Haare und das teure Kleid glatt. „Gewöhnt man sich irgendwann daran?“ Ich hätte gerne „An was?“ gefragt. An die teuren Kleider? Die falschen Gesichter? Das Geld das man zur Schau stellt und von dem man nie genug haben kann? Die Oberflächlichkeit? Ich wollte zu all dem nein sagen. Nein, man gewöhnt sich nie wirklich daran, denke ich. Trotzdem sagte ich „Ja.“, weil klar war, dass das Mädchen das von mir in diesem Moment hören musste. „Man gewöhnt sich daran.“

Das Ende einer Geschichte die nie einen Anfang hätte haben dürfen

Justus war nicht furchtbar. Also nicht furchtbarer als andere verwöhnte Schnösel-Söhnchen auch und ich hätte mich vielleicht auch für ihn interessiert, wenn er sich um 180° gedreht verändert hätte. Aber unter den gegebenen Voraussetzungen war das kein Thema. Im Taxi nach Hause mit meinen Eltern wurde abgetastet wie ich ihn denn nun fände, den Justus, mit dem ich praktisch sowieso ohne Diskussion schon verlobt war. „Ein vielversprechender junger Mann.“, betonte mein Vater.

Justus hatte nicht nach meiner Nummer gefragt, was mich irgendwie hoffen ließ. Als ich am nächsten Tag aber eine Nachricht von ihm erhielt war klar, dass er nicht nach meiner Nummer hatte fragen müssen, weil er diese bereits besaß. Er lud mich ein. Zu was genau weiß ich gar nicht mehr. Vermutlich gleich zum Standesamt und dann in die gemeinsamen Flitterwochen auf Hawaii oder so. Ich flüchtete am nächsten Tag. Nicht auf Hawaii, aber in meine Uni-Stadt davon.

Ich sehe Justus noch ab und zu. Am gestrigen Opernball allerdings nicht. Er ist gerade in Miami. Mein Vater richtet mir immer Grüße von ihm aus. Mein Bruder, der mit seinem Bruder befreundet ist (weil mein Bruder genauso ein reiches Schnösel-Söhnchen ist, wie die beiden) tut das auch. Ich weiß nicht so ganz, was ich davon halten soll. Ich habe mich jedenfalls nie getraut dem Rich-Boy tatsächlich einen Korb zu geben. Wer weiß was das für Konsequenzen hätte. Im Moment kann ich mich noch gut mit der Entfernung zwischen unseren Lebensmittelpunkten rausreden. Einem Kaiser gibt man schließlich keinen Korb. Ich wette, Justus Maria weiß das.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Myriade sagt:

    *kicher* Heißt der Knabe tatsächlich Justus Maria ?

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    1. Nein, nein. Aber ähnlich albern 😅
      Hihi^^ ich lass hier meine ganz dunkle Seite raus. Das Internetz ist schon was Schönes

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  2. Dem Kaiser gibt man keinen Korb?
    Ist man irgendwie abhängig von ihm?

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    1. Das war eine Referenz zum erste Artikel 😉

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