Der Ex-Freund

Es ist Samstag Abend und ich sitze mit einem bunten Haufen Freunde aus aller Welt in einem Irish-Pub und feiere Geburtstag. Nicht meinen, sondern den von Jean. Ein paar Leute sind extra aus Frankreich und Amerika für diesen Anlass angereist. Wir haben aus einem Foto von seinem Gesicht Masken gebastelt, weil irgendjemand diese besoffene Idee hatte und wir sie gut fanden. Mittlerweile finden wir sie nur mehr gruselig, aber jetzt ist sein Gesicht nun schon mal auf Karton ausgedruckt und ausgeschnitten und da setzten wir sie auch auf. Einfach rein aus Prinzip. Wir haben zwar vielleicht schlechte Einfälle, aber wenigstens ziehen wir sie durch. Auch das ist irgendwie konsequent und wirft man uns Twentysomethings nicht immer vor wir wären so sprunghaft und würden nie etwas zu Ende bringen?

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Na jedenfalls sitze ich in dieser Bar und habe gerade eine gute Zeit und sämtliche Leute beginnen Videos und Fotos von Jeans „Überraschung“ und den anderen Dingen die so abgehen in Facebook- und WhatsApp-Gruppen zu posten, für die Leute, die noch später an den Ort des Geschehens nachkommen und schon mal wissen wollen was sie alles verpasst haben. Ich trinke schon meinen zweiten süßen Cider und logge mich kichernd und gackernd bei Facebook ein um das hässlichste Foto von mir zu finden und darüber zu lachen, da entdecke ich etwas auf meiner Timeline, das mir schlagartig die Stimmung verhagelt und mit dem ich überhaupt nicht gerechnet habe. Ein Foto von ihm. Von meinem Ex-Freund. Von dem Mann, mit dem ich fünf Jahre lang in der wohl kränksten und ungesundesten und zerstörendsten Beziehung war. Leider wurde mir das, wie so vieles, erst im Nachhinein so wirklich klar.

Es ist ein Foto von ihm, seiner neunen Freundin und einem gemeinsamen guten Freund irgendwo in einer Festhalle in der letzten Provinz in Hintertupfing, die der unspektakulärste Flecken Österreichs zu bieten hat. Er trägt einen Anzug und eine schwarze Krawatte und grinst neben seiner neuen rothaarigen tätowierten Schlampenfreundin in die Handykamera. Okay, ich weiß natürlich nicht, ob sie tatsächlich eine Schlampe ist, aber ich brauche irgendetwas Wütendes und Ausdruckstarkes um in diesem Moment Druck abzubauen. Für mich ist sie einfach nur eine Bitch, in dem vollen Bewusstsein, dass ich nicht mehr und nicht weniger für sie bin. Dieser Ort und diese Frau passt zu ihm. Es ist alles sehr einfach dort.

Ich habe die Schlampe das erste mal bei meiner eigenen Geburtstagsfeier, einen Tag vor unserem Jahrestag, gesehen/getroffen. Als mein Ex-Freund und damals noch irgendwie-Freund, sie ungefragt in den Club mitbrachte in dem wir feierten. In vollem Bewusstsein, dass ich auch da war. Mit voller Absicht wissend, dass er noch zwei Tage zuvor auf meinem Sofa gesessen hatte, mich küssen wollte und mich bat wieder mit ihm zusammen zu sein. So wie er das die paar Monate davor, in denen ich Abstand suchte, auch gemacht hatte. Weil er mich einfach zu wenig respektierte um meine Bitten, Entscheidungen und meine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Ich war mir nicht mehr sicher ob ich ihn wirklich liebte. Ob ich nur mit ihm zusammen war, weil ich ihn brauchte, oder ob ich ihn wollte.

Wie ihr euch sicherlich denken könnt, war das ein ziemlicher Schock, den Mann mit dem ich so vertraut war, dem ich so vertraute und für den ich so viel empfand und der mir immer versichert hatte mich zu lieben und nur mich zu wollen, eng umschlungen und angepresst am Hintern einer anderen, mir fremden, Frau vorzufinden. Ganz bewusst. Ganz provokativ. Ganz verletzend. Zum Geburtstag.

Am nächsten Tag fuhr ich wie zuvor ausgemacht zu ihm. Ich sperrte die Haustüre auf, begrüßte unseren Hund und wollte die Stiegen hinauf in unser Schlafzimmer gehen, als ich aus den Augenwinkeln, im letzten Moment noch, Schuhe erblickte. Damenschuhe. Nicht meine Damenschuhe. Ich wusste nicht wie schnell man den Boden vollends unter den Füßen verlieren konnte. Wie schnell ein ganzes Leben, eine ganze Welt zerstört werden konnten. Ich musste mich an der Wand abstützen um nicht auf den Boden zu sinken. Mein ganzer Körper zitterte. Nichts drehte sich mehr. Alles war angehalten. Wie in Trance griff ich nach meinem Hund, suchte meine nötigsten Sachen zusammen und verließ fluchtartig das Haus, das vor wenigen Augenblicke noch mein Zuhause war.

Im Auto zitterte ich immer noch. Langsam begann alles gerade gesehene und erlebte zu sacken. Er hatte eine Frau mit in unser zuhause genommen. In mein Zuhause. Zu meinem Hund. In unser Zimmer. In unser Bett. In mein Bett. Mit all meinen restlichen Möbeln. Mit all meinen Bildern (die er, wie ich später feststellen konnte, einfach umgedreht hatte, so dass man sie nicht sah). Er hatte gewusst, dass ich kommen würde. Er hätte auch zu ihr fahren können…er hätte….er…Es gibt keine Worte für die Momente die sich nicht wie Momente anfühlten. Wenn es eine Hölle gibt, dann war sie das. Nicht nur ein kleiner Vorgeschmack. Das war sie. Garantiert. Meine Gedanken rasten mit meinen Gefühlen um die Wette. Ich wollte in den nächsten Baum rasen und einfach nicht mehr sein. Weil Sein zu grausam war. Zu schmerzhaft.

Ich wusste nicht wohin mit mir. Wusste, dass ich nicht weit fahren konnte in diesem Zustand und fuhr zu gemeinsamen Freunden, die nicht weit weg wohnten. Ich weinte. Ich schrie. Ich wimmerte. Ich erbrach. Ich weinte noch mehr. Ich war ganz still. Ich schlief kurz vor Erschöpfung ein. Wachte auf und war immer noch gefangen in dem was nicht Realität sein konnte, es aber trotzdem war. Meine Freunde waren hilflos. Fassungslos. Ratlos. Ich war all das und noch ganz viel mehr.

Das hier war ein Albtraum und nichts würde mehr so sein wie es einmal war. Ich wusste das in diesem Moment schon, auch wenn ich nach der Aktion im Club noch gedacht hatte man könne darüber reden, was das denn sollte. Ich verstand, dass er mich verletzen wollte, dass er wütend war, weil ich ihn immer wieder zurückgewiesen hatte, wir hätten darüber reden können, hätten miteinander sprechen können hätten…ich weiß nicht was man alles hätte können. Ich wusste nur, dass in dem Moment in dem die Schlampe mein Bett berührt hatte, nichts von all dem mehr möglich war. Dass er sich irgendwie entschieden hatte, obwohl ich nicht wusste, dass es eine Entscheidung zwischen etwas überhaupt gab.

Auch wenn ich dachte es könnte nicht mehr schlimmer werden, so wurde es das doch. Mein Ex-Freund war ein völlig anderer Mensch. Er war bösartig, brutal, verletzend, gehässig, unfair, ohne jegliche Reue, egoistisch und ekelhaft. Ich war so erschüttert und so verwirrt durch alles was abging, dass ich jeden Tag erneut das Gefühl hatte in einem zugefrorenen See in eiskaltes Wasser eingebrochen zu sein und irgendwie um mein Überleben kämpfen musste. Genauso hilflos, genauso verzweifelt, erschöpf und müde war ich, wie jemand der in einem See im Winter eingebrochen ist und alleine kämpfen muss, mit immer schlaffer werdenden Armen nach rutschigen Eisschollen greift um irgendwo Halt zu bekommen.

Diese Trennung, die meine erste war, hatte noch viele grauenvolle kleine und große Episoden nach dieser Nacht und diesem Tag. Meinem Geburtstag, unserem Jahrestag- für immer vollkommen zerstört. All das liegt jetzt schon eine Weile zurück. Ich denke nicht mehr an ihn. Verstehe, dass es die Person die ich aufrichtig liebte nie gab. Dass das alles Maskerade war. Dass er mich gebraucht hatte. Es gebraucht hatte gebraucht zu werden und mich damit in völlige Abhängigkeit zu ihm drängte. Weil Liebe für ihn so funktioniert. „Lass das, ich mach das schon. Ich helfe dir.“ Worte die für mich seitdem einen ganz, ganz gefährlich bitteren Beigeschmack haben und mich in Panik versetzen. Das was du abgezogen hast war alles, aber nicht hilfreich. Keine Hilfe. Es war die stückweise Enteignung meiner Selbst. Der stückweise Verlust von Kontrolle. Von Lebensmut. Von Mut. Von Lebenslust. Von Lust. Von mir.

Und nun dieses Bild. Ich hatte es nicht erwartet. Es traf mich völlig unvorbereitet und ich fühlte mich kurz wieder wie in den Eissee geworfen. Meine Lungenflügel zogen sich zusammen, wie mein Herz und ich rang nach Luft. Ich habe viel Zeit gebraucht um mich Stück für Stück selbst zusammenzusetzen. Mich selbst zu finden, in all dem Chaos und all der Fremdbestimmung. Nach der Gefangenschaft. Ich musste wieder atmen lernen. Oder schwimmen. Oder wie auch immer man leben bezeichnen will. Es war ganz grauenvoll schmerzvoll und ist sicher noch kein abgeschlossener Prozess. Aber ich gebe nicht auf. Flüchte mich nicht in etwas anderes hinein. Suche nicht nach ‚Hilfe‘. Ich bin stark. Ich halte das aus. Nur dann, bin ich wirklich frei. Ich öffne Gurkengläser jetzt alleine.

Und nun dieses Bild. Es reicht eben nicht, wenn man den Ex-Freund von allen social-media Plattformen löscht und blockiert. Will man ganz sicher sein nie mehr wieder in Berührung kommen zu müssen, sollte man auch die gemeinsamen Freunde verbannen. Tja, ich lerne wohl immer nur aus Fehlern. Es ist ein kurzer Moment in dem ich mich unendlich elend fühle und ein grässlicher Ring-Ton in meinem Ohr jegliche andere Geräusche in der Bar ausblendet. Es ist ein Moment in dem mich ein Gefühl plötzlich erfasst und ich die bewusste Entscheidung treffe es von mir zu weisen. Es los zulassen. Den Moment, Moment sein zu lassen und ihn weiter ziehen zu lassen. Ihn untergehen zu lassen in dem was Leben ist und zum Leben dazu gehört. Auch zu meinem. Es ist ein Moment. Aber es ist nicht mehr als das. Und das ist eine bewusste Entscheidung.

Ich like das Foto auf der Timeline meines Freundes. Es gefällt mir zwar nicht, dass er die nächste Frau verstören und mit ein bisschen Pech auch zerstören wird, so wie er es mit mir fast gemacht hätte, aber darum geht es nicht. Ich like dieses Foto, weil ich es kann. Ich bin frei. Frei genug das zu tun. Mein Ex-Freund ist mein Ex-Freund. Er ist nicht nichts, weil es sonst des „ex“, nicht bedurfte. Aber er ist auch nicht mehr mehr als das. Er war ein Fehler. Ein Fehler den ich machte, weil ich es nicht besser wusste. Weil ich gar nichts wusste. Gar nichts verstand. Mich erst irgendwie (und dabei auch gar nicht) durchzusetzen lernte, als ich nicht mehr anders konnte als zu spüren, dass ich so nicht weiter machen konnte. Nicht glücklich war. Angst hatte ihn nicht glücklich zu machen. Weil mit mir ja vielleicht etwas nicht stimmte, wenn ich mit jemandem der mir doch immer nur helfen wollte, nicht zurecht kam. Nicht glücklich war.

Nicht jede Hilfe ist selbstlos. Es gibt viel aus dem ich gelernt habe. Aus dem Fehler. Aus der Beziehung mit dem Ex-Freund. Der Ex-Freund. Ein Fehler. Ein Ex-Fehler. Ein Ex. Nichts weiter. Ich trinke auf ex. Ich scrolle weiter. Neue Bilder erscheinen auf meiner Timeline. Mein Leben geht weiter. Danke Facebook.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ja Du bist stark! Du trainierst ja auch, z.B. mit Gurkengläsern 🙂
    Ich wünsche Dir, dass es einmal gar nicht mehr weh tut!
    LG Ottilie

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    1. Oh vielen Lieben Dank!! ❤

      Gefällt mir

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