Der Rich-Boy. Teil 1.

Justus war hochgewachsen, hatte ein Babyface ohne jeglichen Hauch von Bartwuchs und seine blonden Haare waren mit Haargel und Spray in eine nach hinten aufgetürmte Frisur geformt. Oben lang, seitlich kurz. Irgendwie so die gängige Frisur der Herren im Moment und es wunderte mich nicht, dass auch Justus, das Anwalts-Dynastie Söhnchen, diesen Haarstyle gewählt hatte. Instagram-Homeboy halt. Mitschwimmer im Strom der Selbstaussteller und Society-Schönlingen.

Tu Felix Austria!

In Österreich veranstalten und gehen wir gerne auf Bälle. Gar nicht so sehr um wirklich zu tanzen, sondern eher zum Leut‘ ausrichten. Es ist das Sehen und Gesehen werden, die mit Blattgold verhangene Atmosphäre in den barocken Sälen, die Kleider in die man eingenäht wurde und die roten Teppiche auf den Empfangsstiegen auf denen man empor schreitet, die die ‚Society‘ aus ihren Apartments im ersten Bezirk lockt. Ich persönlich freue mich ja auch immer über die in weiß gewandeten Debütantinnen mit ihren hässlich kitschigen Krönchen, die man danach behalten darf (muss), von denen jedes Jahr eine vor Hysterie zusammenbricht und von denen ich auch mal eine war.

Ich mochte das Schauspiel der anderen Art das sich hier in der Oper darbot auf eine fast schon perverse Weise und glitt auf dem Parkett der Oberflächlichkeit recht souverän dahin. Es war zwar real, aber in wirklich jeder Form unwirklich. Küsschen hier Küsschen da und dann geflüsterte Worte hinter halb vorgehaltener Hand, sobald man sich wegdrehte. „Das war aber auch eine neue Mang-Nase!“ „Schamlos das Dekolleté!“ „Ich gebe ihr zwei Monate, dann hat sie die 10 Kilo wieder drauf!“ Mir wurde sehr schnell bewusst, dass ich nicht wirklich viel hiervon vermisst hatte und doch hätte nichts an alle dem österreichischer sein können 😉

Gesellschaft Verpflichtet

Neben meinen Eltern stand ich für kurzen, schmerzvollen Smalltalk lächelnd im Weg herum, wurde von Männern die meine Väter hätten sein konnten zu viele Mississippi lang umarmt und gebusselt (=Österreichisch für auf die Wange geküsst) und von Politiker und Ärzte-Gattinnen ob meiner jugendlichen (und ihrer verblassenden) Schönheit süß-feindlich-falsch in den Boden komplimentiert. „So eine hübsche Tochter!“, sagten sie alle und tätschelten mir dabei brutal meine Hand. „Ganz reizend!“ „Bezaubernd!“ Ich hätte ohne zu zögern jedem der mir versucht hätte in die Wange zu kneifen, sofort in die Hand gebissen. Garantiert! Hat aber keiner und so verlief der erste Teil der langen, langen Ballnacht erfreulich reibungslos.

Wir drückten uns an Kameras und einer Menge anderer sich wichtig nehmender Personen vorbei zu unserer Loge mit Sitzplatz. Mit dieser Annehmlichkeit kam aber auch die Unannehmlichkeit der Gesellschaft sämtlicher Geschäftspartner meines Vaters mitsamt ihren gähnend langweiligen aufgespritzten Gattinnen hinzu, mit denen ich am Tisch sitzen musste. Egal, es gab Alkohol, ich würde das schon aushalten, sagte ich mir und hatte noch keine Ahnung was mich erwarten würde. Ach was bin ich doch kindlich naiv!

Story-time meine Lieben!

Die Logentür wurde mir geöffnet und ich quetschte mich nach meiner Mutter hinterher in die kleine Box. Ich wurde im gesellschaftlich konservativ konformen Sinn herumgereicht und erklärte den Herrschaften gerne, wie jedes Jahr wieder, dass ich die Tochter meiner Eltern bin und was und wo ich denn studierte und mit meinem privilegierten Leben anzustellen gedenke. „Ach, interessant!“, nickten die Bussiness-Männer das Gesagte in die hinterste Ecke ihres Kopfes, wo sie es garantiert vergessen und mich nächstes Jahr deshalb wieder dieselben Fragen fragen würden. Aber darüber rege ich mich gar nicht auf. Das kenne ich kaum anders.6888399566_0b82fb884d_k

Mein Vater stand in einer Ecke mit einem grau melierten Herrn, in furchtbar teurem Anzug, seines Alters zusammen und deutete in meine Richtung. Ich war gerade dabei mich von der Parfumwolke einer am Balkonrand positionierten Damen zu erholen, die ich gerade begrüßen musste, als er mich zu sich herüberwinkte. „Ewald, meine Tochter!“, verkündete er mit einer ausladenden Handbewegung in meine Richtung und ich hatte fast das seltsame Gefühl als müsste ich einen Knicks vor diesem Ewald-Typen machen, so gebieterisch blickte mich der feine Herr von oben herab an. Nach kurzer Betrachtung schenkte er mir ein wohlwollendes Lächeln und stellte fest, dass es angenehm war mich kennenzulernen. Ich wünschte an dieser Stelle dasselbe behaupten zu können, verkniff mir den Kommentar aber natürlich. Für Ehrlichkeit ist in so einer Loge kein Platz.

Das Gespräch zwischen meinem Vater, diesem Anwalt-Ewald, der nicht aufhören konnte über die Arbeit zu sprechen und mir (die eigentlich nur unbeteiligt, als Zierde, danebenstand) wurde glücklicherweise nicht durch mein Gähnen, sondern durch die Erwähnung eines Namens unterbrochen. „Wo ist denn Justus Maria?“, fragte die Ehegattin des Ewalds und trat zu unserem kleinen Kreis, mit meiner Mutter am Arm, hinzu. Justus wer? Mein Gesicht blieb regungslos in meinem höflichen Lächeln eingefroren. Genauso, wie man sich das hier erwartete. Eigentlich ist jeder Opernball ein Maskenball.

Auftritt Rich-Boy

Es stellte sich heraus, dass Justus Maria der Sohn des Juristen und seiner Frau war, die irgendwie etwas mit meinen Eltern zu tun hatten. Justus war seines Zeichens unweigerlich verwöhntes Einzelkind und Dynastien-Spross, Jus-Student, baldiger Absolvent und damit für den Einstieg in die erfolgreiche Familien-Kanzlei bereit. Noch bevor ich so richtig kapierte was denn hier eigentlich plötzlich abging hatte man das Schnösel-Söhnchen auch schon herbeigepfiffen. „Ihr werdet euch sicherlich ganz wunderbar verstehen!“, flötete Justus überschminkte Mutter mir unter einem durch falsche Wimpern dramatischem Augenaufschlag zu. Aha. War mir eigentlich egal, ob noch jemand mit uns in der Loge sitzen würde, auch wenn dieser Neuzuwachs bedauernswerter Weise einen besonders bescheuerten Namen hatte.

Justus Maria kam dann auch eiligst herbei. Hohe Wangenknochen, hohe Stirn, hohes Näschen. Hochnäsig. Er war mir sofort bis in die letzte Faser meines Körpers hinein unsympathisch. Seine geleckte Frisur entsprach seiner geleckten Art und er nickte seinem Vater zur Begrüßung geschäftsmännisch zu. Herzlich konnten sie beide schon mal nicht. Ich fragte mich, ob Justus seinen Vater wohl ‚Sir‘ nennen musste. Jedenfalls trat das reiche Erbensöhnchen an mich heran, begutachtete mich wie ein Stück Fleisch, oder vielleicht auch eher wie eine Investition und lächelte süffisant, selbstsicher. Er kam sich wohl unwiderstehlich vor. Der Duft von Selbstüberschätzung strömte aus all seinen Poren.

Die jungen Jahre (k)einer Kaiserin…

Kleine Jungs, die große Männer spielen, wie Justus habe ich schon gefressen, bevor sie mir noch serviert wurden. Auf die ganz, ganz schlechte Art. ‚Wo sind eigentlich die IS-Terroristen, wenn man sie braucht?‘, schoss es mir geschmacklos durch den Kopf, als Justus und ich miteinander formell bekannt gemacht wurden und man uns Champagner zum Anstoßen gab. Die Korken knallten, während ich schon davon träumte Justus zu (eine) zu knallen. Es war wie in dem ‚Sisi eine junge Kaiserin‘-Film-Schlager, als Franz-Josef, gespielt von Karl-Heinz Böhm (den ich übrigens persönlich kannte, macht mich das jetzt zu einer besseren Österreicherin?) seiner zukünftigen Frau vorgestellt wurde. Ich war genauso wenig begeistert davon wie die historische Prinzessin von Bayern.

„Aber einem Kaiser gibt man keinen Korb.“, hatte Elisabeths Mutter damals nüchtern festgestellt und die Hochzeit mit dem österreichischen Monarchen, der irgendwie dachte ein Recht darauf zu haben sich egal welche Frau zu nehmen, wurde durchgezogen. Das Unglück zog sich dann auch. Durch die ganze Ehe hindurch. Nicht wirklich meine Idealvorstellung. Aber der kleine Kaiser stand nun schon mal vor mir und meine Mutter hätte sicherlich einen ähnlichen Spruch gebracht, hätte ich sie darauf angesprochen. Meine Mitgift war vermutlich auch schon zwischen unseren Vätern ausgehandelt. Gefühlt wurde es in der engen Box plötzlich noch enger.

Das war erst der Anfang. Fortsetzung folgt.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. OMG ich bin so gespannt auf Teil 2. Super geschrieben!

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  2. christophrox sagt:

    Hattest du keine Handgranaten in der Handtasche?

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    1. Nein, ich werde wohl nachlässig… 😛

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  3. Dreamon sagt:

    Du schreibst sehr unterhaltend. 😀

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    1. Danke 😉 Das freut mich!

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