Ausgebremst. Das Leben danach.

Die Liebe geht, wo geht sie dann hin? Und was bleibt? Aus meiner Perspektive bleibt ein Haufen Scherben aus verletzen Gefühlen, geplatzten Träumen, die sich in Albträume entwickelt haben, ein bisschen Wut, ungelöste Fragen und unbequemen Wahrheiten und Tatsachen vor die man gestellt wird. Ich bemerke, dass ich mich an diesen Scherben auch noch Wochen und Monate nach meiner Trennung immer wieder neu blutig schneide. Und ich staune ein bisschen darüber, dass die Wunden, alte wie neue die aufgerissen werden, auch jetzt immer noch wie wild bluten.

Ganz oft stehe ich vor einem Berg, der sich aus Traurigkeit und Hilflosigkeit vor mir auftürmt, den ich nicht verursacht habe, dem ich aber ausgeliefert bin und auf den mein Ex-Partner immer wieder von neuem (unbewusst oder bewusst, das sei jetzt mal dahingestellt) drauf packt. Kann ich diese Traurigkeit definieren? In klaren Momenten versuche ich diese unendliche Bedrücktheit zu erfassen und beschreibe sie dann konkret mit einer Traurigkeit über das Alleine sein. Nicht nur das Alleine sein, sondern über das Verlassen sein. Das ist nochmal eine ganz andere Art von Einsamkeit, weil sie viel totaler ist und nicht selbst gewählt ist. Und sie lässt sich auch nicht von alleine beheben.

In dieser Traurigkeit steckt auch viel von ‚so habe ich mir das nicht vorgestellt‘ und auch Fassungslosigkeit darüber, wie sich ein Mensch, der einen doch vorgab zu lieben, so behandeln kann. Wie er sich so verhalten kann. So ganz allgemein und überhaupt. Und darin mischt sich vielleicht die Trauer des Verlustes, weil es den Anschein hat, dass ich nicht nur unsere Beziehung zu Grabe trage und mit ihr unsere Träume und unsere Liebe, sondern auch die Person. Roland ist tot. Mein Roland zumindest. Eine andere, schauerliche und mir ganz und gar fremdartige Person lebt. Aber das ist niemand mit dem ich Gefühle oder Erinnerungen verbinde.

Die Zeit nach der Trennung, nach dem Verlassen werden (wie immer brutal und unerwartet es ausgefallen sein mag) ist für mich bislang ein Aushalten. Ein Ausharren. Ein zwischenzeitliches Erstarren vor Schmerz, Schreck und Schock. Ein immer wieder zusammenbrechen und dann ein uns ausatmen, um mich zu beruhigen. Um mich daran zu erinnern, dass das Leben nicht nur aus Scherben-Schmerzen besteht. Als Twentysomething trifft mich meine erste Trennung, für unseren Kulturkreis, wohl recht spät und vielleicht nage ich auch deswegen so sehr daran. Wäre es möglich, dass ich mich als Teenager schneller damit abgefunden hätte? Aber natürlich wären das ja dann auch ganz andere Voraussetzungen und Bedingungen gewesen.

Rolands und mein Leben fand jedenfalls ein, von ihm, plötzlich hereingebrochenes Ende. Er hatte sich neu verliebt, oder wie auch immer man das was da innerhalb von zwei Tagen damals passiert ist beschreiben soll. Da sind viele ungelöste Fragen, auf die ich keine Antwort bekomme, weil er vermutlich selber keine hat. Für ihn ist es nun einfach wichtig alles, also mich, möglichst schnell hinter sich zu lassen und mit der ‚Neuen‘ durchzustarten. „Endlich geht es für mich einmal bergauf.“, hat er gesagt und mir damit das Gefühl gegeben ich wäre ein Mühlenstein, der ihn die letzten fünf Jahre hinuntergezogen hätte, ihm die Lebensfreude und seine eigene Identität geraubt hätte. Dabei war ich nie ein überzogener Pärchen-Typ. Im Gegenteil.

Während Roland davon läuft, bzw. ‚neu durchstartet‘, bin ich im Scherbenhaufen dieser Beziehung gefangen. Ich kann nicht einfach neu anfangen, kann vielleicht schon mit dem nächst Besten ins Bett springen, aber will nicht. Ich möchte mich nicht ablenken und damit einen anderen Menschen (mit Gefühlen) in mein Chaos hineinziehen. Durch den Bruch dieser Beziehung sind schon genug Menschen verletzt worden. Ich muss da nicht auch noch mit unbedachten Ablenkungs- und Verdränungsmanövern meinen Teil dazu beitragen. Und klar, wir Twentysomethings sagen immer so locker lässig, dass das ‚Ja eh okay ist, wenn beide nur einfach casual sex haben wollen‘, aber ganz ehrlich: Was bitte ist an Sex casual?

Die ‚Neue‘ schläft jetzt in meinem Bett, das ich damals organisiert habe. Sie schläft auch mit ihm. Mit dem Mann, dem ich damals alles geschenkt habe und dem ich mich geöffnet habe. Dem ich bedingungslos vertraute, weil er mir versicherte ich würde bei ihm immer sicher sein. In dem Haus in dem wir vier Jahre lang zusammengewohnt, gefeiert, gelacht, Kekse gebacken und getanzt haben. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass sie jetzt in meinem Zuhause, zuhause ist. Eine vollkommen Fremde. Willkommen. Jemand der mich in wirklich allen Bereichen des Lebens zu ersetzen scheint. Die es besser zu machen scheint. Die besser als ich zu sein scheint, zumindest für Roland.

Ich würde diesen mir nun so fremd gewordenen Menschen, der mich aber, trotz all dem fremd sein und dem kühlen Abstand der plötzlich, nach all den Jahren der Nähe und Vertrautheit nun zwischen uns herrscht, immer noch verletzt, gerne hinter mir lassen. Vielleicht nicht alles vergessen, aber ihm nicht mehr diese Bedeutung einräumen. Aber das kann ich nicht, weil ich mich zwar völlig alleine fühle, es aber technisch gesehen nicht bin. Das ist nicht so kompliziert wie es sich jetzt vielleicht liest, aber die richtigen Worte um es konkret aufzuschreiben wollen noch nicht so ganz auf Papier gebracht werden.

Ich habe das Gefühl, dass viel mit mir gemacht wurde, dass ich vor veränderte Tatsachen gestellt wurde und ich in all dem nicht mitreden konnte. Totaler Kontrollverlust. Totaler Absturz. Totale Trennung. Totaler Albtraum. Ich möchte Kontrolle zurückerlangen. Über meinen Körper. Über meine Gefühlswelt. Über meine Welt, mein Leben. Und das nicht erst irgendwann. Ich möchte kein Opfer mehr sein. Ich will frei sein.

Klar ist, dass so oder so etwas von dieser Liebe die es einmal gab, zwischen zwei Menschen die es so aber nicht mehr gibt, bleiben wird. Auf die eine oder auf die andere Weise. Es wird mehr sein als das Gefühl der Trauer und Fotos aus längst vergangenen Tagen. Es wird mehr sein als die Gewissheit betrogen worden zu sein. Es wird hoffentlich über die vielen bösen Worte und Taten hinausgehen. Wenn die Liebe geht, dann bleibt erst mal dieser Scherbenhaufen. Aber das muss ja nicht so sein. Ich fasse jetzt den Mut und laufe einfach mal bloßfüßig wie ich bin über sie hinweg, hinaus aus den Splittern und Splintern. Ich bremse mein Leben nicht mehr für meinen Ex-Freund und ich lasse mich von ihm und meinen verletzten Gefühlen, meiner Ohnmacht und meinen Umständen nicht mehr ausbremsen. Das Leben geht weiter. Auch für mich.

 

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