Die Rosen sind rot und die Liebe ist tot.

„Das sind ganz besonders schöne.“, sagt die Frau die mich, nachdem ich fünf ratlose Minuten recht verloren in ihrem mit Blumen überfüllten Geschäft gestanden bin, mit den Worten: „Was kann ich für Sie tun?“, aus meiner Schockstarre gerissen hat. Ich weiß noch nicht, wie dankbar ich ihr dafür bin.

Die adrett rundliche Floristin um die 30 lächelt mich freundlich an und deutet auf eine riesige Vase voller Rosen. Gelbe Rosen. „Das sind ganz besonders schöne Rosen.“, wiederholt sie das eben bereits Gesagte und es ist keine Meinung sondern eine Feststellung. Ich habe den leisen Verdacht, dass sie mich vielleicht für ein bisschen dumm hält, weil ich noch nichts außer eben „Ich brauche Rosen.“, gesagt habe und auch jetzt stumm wie ein Fisch herumstehe. Ich nicke nur. Ja, das sind ganz passable Rosen.

„An was haben Sie denn konkret gedacht?“, fragt mich die Frau, die in Kundenbetreuung ganz offensichtlich Profi ist. An Rosen habe ich gedacht. „Rose ist nicht gleich Rose!“, klärt sie mich auf und hält mich jetzt ziemlich sicher für ein bisschen dumm, oder schockierend ignorant. „Es soll aber schon für einen Strauß sein?“ Ich nicke. Ja, es soll bitte für einen Strauß sein. Ein Strauß Rosen. „Rote Rosen.“ Die Blumenflüsterin nickt und lotst mich zu den roten Stachelblumen, in einer anderen Ecke des Geschäfts.

Ich nehme dunkelrote Rosen, weil sie mich an dicke Blutstropfen erinnern. Die Floristin ist mit meiner Wahl einverstanden und ich bin darüber ganz erleichtert. „Soll ich sie Ihnen einpacken?“, fragt sie und ich nicke. „Aber bitte kein Plastik oder Zellophan oder so.“, sage ich. „Aber dann sieht man ja die Rosen gar nicht mehr!“, empört sich die Floristin. „Wir packen sie aus.“, erkläre ich. Mehr oder weniger widerwillig werden die roten Rosen nun in Papier gewickelt, aber auch nur, weil ich Königin bin. Ich, die Kundin.

„Schönen Valentinstag!“, ruft sie mir hinterher, als ich den Blumenladen mit den Blumen verlasse. Ich laufe über den Parkplatz, durch den Regen zu meinem Auto und schmeiße die Blumen auf den Beifahrersitz und die Fahrertüre hinter mir zu. Einige Augenblicke verharre ich bewegungslos hinter dem Steuer, weil über die Welt gerade die Sintflut hereingebrochen zu sein scheint und autofahren in diesen Minuten eher unmöglich erscheint. Ich fühle mich leer, wenn ich die Rosen neben mir betrachte. „Schönen Valentinstag!“, hat sie gesagt. Wie absurd.

„Da bist du endlich!“, seufzt Lena erleichtert, als ich aus dem Auto steige und umarmt mich fest. „Ging nicht schneller.“. murmle ich. „Regen.“ „Ich glaube sonst sind schon fast alle da.“, sagte sie und ich bin mir nicht sicher ob sie meine irgendwie-Entschuldigung überhaupt gehört hat. Mir fallen ihre schönen schwarzen Lackschuhe auf und das elegante schwarze Kleid. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mir heute Morgen die Haare gekämmt habe. „Komm.“, sagte Lena, nimmt die Rosen und in die einen und mich an der anderen Hand. „Welche Farbe?“, fragt sie, auf die Rosen bezogen. „Rot.“, erwidere ich.  Lena nickt.

Der Saal ist gut gefüllt. Überfüllt, wie der Blumenladen der Frau vorhin. Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, dass das hier auch ein Blumenladen ist und all die Menschen hier Blumen und Gewächse. Der dicke Mann in der Ecke ein Bonsai-Bäumchen, seine frigide wirkende Frau mit der auffälligen Frisur und den adrigen Händen eine Orchidee. Lena zieht mich an ihnen allen vorbei, in die zweite Reihe, zu einem Sitzplatz. Sie hatte recht, alle anderen sind schon da. Auch sie ist da. Natürlich ist sie da. Wegen ihr sind schließlich auch alle gekommen. Wegen ihr. Und der Liebe. Der Liebe zu ihr. Am Valentinstag.

Ein Mann beginnt zu sprechen. Über die Liebe und darüber, wie einzigartig sie ist. Dass Liebe ein Geheimnis ist. Ein Geschenk. Etwas das bleibt, auch wenn alles andere geht und gehen muss. Die Liebe lebt, sagt er. Die Liebe überlebt. Menschen rings um mich herum weinen. Ich bin eine von ihnen. Manche nicken auch. Ich bin keine von ihnen. Es ist mutig zu sagen, dass etwas überlebt, an einem Ort an dem so viel tot ist. An einem Ort an dem der Tod ist. Der Mann spricht weiter. Darüber, dass sie weiter lebt. In der Liebe. In jedem von uns. Ich weiß nicht wie ich das machen soll. Wie ich sie in mir und durch mich (weiter) leben lassen soll, ich weiß ja nicht mal wie ich selbst leben soll.

Lena verteilt meine Rosen. Auch ich bekomme eine. Keine ihrer Stacheln sticht mich und trotzdem blute ich. „Die Rosen sind rot.“, flüstert die Mutter meiner toten Freundin mit erstickter Stimme und drückt mir die Hände. Ja, die Rosen sind rot. Mehr muss sie nicht sagen. Eigentlich hätte niemand hier irgendetwas sagen müssen. Nicht das Geschwafel über das Leben und den Tod. Nichts darüber, dass sie zu früh hat gehen müssen, oder dass die Besten immer zuerst gehen. Nichts davon. Es ist wie ihre Mutter sagt: „Die Rosen sind rot.“ Und die Liebe ist tot. Ein Ende der Romantik.

 

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