Jetzt, Jürgen, sag halt auch mal was!

Ich habe meine dunkelste Zukunftsversion gesehen. Direkt am Nachbartisch und mir ist nach weinen zu Mute.

In dem Restaurant war es Abends gut voll. Wir wurden begrüßt und an einen Tisch geführt. Ich mochte die schummrige fake-Kerzenschein-Atmosphäre und bestellte mir Rotwein. „Der ist aber schwer.“, mahnte mich mein Vater. Perfekt. Wer will schon bei einem schrecklich netten Familien-Dinner vollkommen bei Sinnen sein?

Es fing damit an, dass meine Mutter schon bevor der Apparrativ serviert wurde eine Miene zog, die nicht mal mehr als säuerlich durchging. Himmel, die Frau ist eine Stimmungskanone wie keine andere! Zuerst machte sie die Weinbestellung zu einer politischen Diplomatenaufgabe, an der mein Vater (der kein Diplomat ist) kläglich scheiterte und dann beschwerte sie sich über die Fischkarte, an der ihr absolut gar nichts passte. Ich war sehr froh draüber für mich schweren Wein bestellt zu haben. Sehr froh.

Mein Bruder hing nur an seinem Smartphone und machte ständig seine Justin Bieber Posen, in dem er das Gesicht so seltsam verzieht und den Hals so komisch reckt, weil er, glaube ich, glaubt, dass er dadurch dünner wirkt. Das ist noch so ein Komplex aus seiner Fetti-Zeit. Ich hielt das alles sehr schwer aus.

Das Gesprächsthema fiel auf die Hochzeit meines Cousins und die damit verbundenen Verwandtschaftsstreitereien. Mein Bruderherz meinte dazu nur, dass Instagram-technisch dieser Sommer absolutes Gold für ihn sei. „Zuerst die Schwulenhochzeit!“, sagte er mit leuchtenden Augen. „Wir werden so offen und liberal wirken! Unglaublich!“ Ich unterdrückte den Impuls ihn zu schlagen. „Und dann die ganze Asien-Reise“, triumphierte er. „Das wird geile Pics geben, dass die Neider nur mehr hate über haben werden.“ Ich unterdrückte den Impuls über den Tisch zu hechten und ihn zu würgen.

Stattdessen aber, trank ich noch mehr Wein und redete mir ein, dass ich gar nicht zu dieser Familie gehöre. Wohl auch deswegen, ließ ich meinen Blick durch den Raum schwefen und sah mich nach einer potentiell neuen Familie um. So gut wie einen Tisch weiter, fand ich sie – zwar nicht die Familie von der ich gerne adoptiert werden möchte, aber die Art von Family dich ich vielleicht mal haben werde. Wenn alles ganz, ganz schlecht läuft.

„Jetzt, Jürgen, sag halt auch mal was!“, ätze die Frau, die ich optisch in 20 Jahren sein könnte. Ihre Teenie-Kinder, saßen mit am Tisch und zeigten ihrer emotional schwer aufgebrachten Gebärerin die kalte Schulter und keinerlei Respekt, während sie an ihrer eiskalten Cola zuzelten. Jürgen, der immer wieder aufgefordert wurde etwas, seine Frau unterstützendes zu sagen und dem dann doch immer wieder über den Mund gefahren wurde, wenn er ihn aufmachte, war die Defintion eines Beta-Männchens und er fügte sich kampflos in diese- von ihm selbst gewählte- Rolle.

Ich beobachtete die Frau Mitte 40, die ihre besten Tage wohl echt schon hinter sich hatte, wie ihre Finger nervös und dabei fast brutal mit dem Hals des Weinglases vor ihr spielten und ihn wohl stellverdretend für den ihrer Kinder drehte. Wie sie da so in ihrem zu engen roten Kleid saß, von dem sie sich vermutlich einfach nicht trennen kann, weil es sie an eine andere Zeit und andere Umstände erinnert, gefangen in ihrem Dasein und der Rolle die sie sich wohl selbst auferlegt hat, an der sie aber fast selbst zu ersticken droht.

Jürgen ist ihr keine Hilfe, kein Partner und auch wenn sie an einem vollen Tisch mit Kindern sitzt, die ihre eigenen sind, ist sie trotzdem alleine. Isoliert. Bestimmt hat sie auch nur Freundinnen, die genauso in ihrem Leben festsitzen und sich in irgendeiner romantischen Vorstellung, die genauso nie erfüllt wird wie alle anderen Märchen auch, selbst zum Gefangenen gemacht haben. Sich selbst verloren im Diktat und Druck der Gesellschaft.

Die Dame trinkt. Ich trinke auch. Jürgen sagt immer noch nichts. Mein Bruder, der die ganze Zeit über von der Schwulenhochzeit gesprochen hat, wendet sich plötzlich an mich und fragt: „Wie stehst du als Theologin eigentlich zur Abtreibung?“ Ich ersticke fast an meinem Rotweinschluck und versuche mich hustend und prustend aus der Situation zu winden. „Das ist kein Thema für ein Abendessen.“, sage ich. Das ist überhaupt kein Thema. Meine Mutter entschließt die Konversationszügel in die Hand zu nehmen und reist eher unsanft die nächste Wunde auf. „Na, wann wirst du jetzt endlich mit dem Studium fertig?“ Ein ganz toller Abend!

 

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Myriade sagt:

    Na ja, die Freuden der traditionellen Familie halt …..

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  2. Annas Welt sagt:

    ja diese Frage nach dem Abschluss kenn ich nur zu gut

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    1. Nicht die beste aller elterlichen Fragen 😂

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      1. Annas Welt sagt:

        du sagst es ^^

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