IrgendMEIN Romeo

Gestern nach der Kirche (ja so beginnen alle guten Geschichten, oder?), saßen die jungen Leute, wie eigentlich immer, nachher noch bei der Agape zusammen. Das ist die Zeit nach der Messe bei der wir gutes selbstgekochtes Essen verzehren, trinken, neue Leute kennenlernen und uns unterhalten können. Der Sonntag-Abend Gottesdienst, den ich meistens besuche, ist ganz allgemein immer sehr gut besucht und das Gemeindeleben absolut lebendig. Man findet schnell Anschluss, unternimmt viele kleinere und größere Unternehmungen und Reisen miteinander. Über die Jahre hinweg sind hier enge Freundschaften und sogar das ein oder andere Liebespaar mit Kindern entstanden. Fruchtbarer Boden. In jedem Sinn.

Beim Essen setzte sich ein Typ neben mich, den ich noch nicht kannte. Anscheinend war er auf ein Skilager mitgefahren und hatte so Kontakt gefunden. Ben war ein bisschen komisch. Er starrte mich förmlich in Grund und Boden und stellte mir eine Unmenge an Fragen. Seine erste Frage war genauso ungewöhnlich wie er selbst. „Bist du Fisch?“, wollte er wissen und da war gerade beim Essen waren dachte ich zuerst er fragte mich danach ob ich Fisch esse. Eigentlich wollte er aber mein Sternzeichen wissen. Für Katholiken normalerweise nicht so ausschlaggebend. Irgendwie irritierte mich dieser Ben, der mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und die mir irgendwie zu viel war. Irgendwann brachte er mir dann sogar ungefragt ein Glas Wein und meinte: „Ich hatte irgendwie so das Gefühl, dass du das gerne hättest.“ Er sprach überhaupt sehr viel von Gefühlen und davon, dass er mich gerne umarmen würde.

Meine Freunde bemerkten, dass mir der Typ ein bisschen zu sehr auf die Pelle rückte und lösten mich aus dieser sich ewig fort spinnenden Situation des Unbehagens. Ich war auch nicht die Einzige der hier auffiel, dass Ben anders war. Auf keine besonders gute Art. „Du, der steht ja voll auf dich.“, meinte eine. Anscheinend war er aber auf seinem Frauen-Beutezug nicht wirklich besonders wählerisch. Ich war ganz froh, als meine Freundin Lucy sich neben mich setzte. Wir hatten es in der vergangenen Woche verabsäumt uns auf einen Kaffee zu treffen und anscheinend war seitdem viel passiert. Gerade war sie noch auf einem romantischen Kurztrip mit ihrem Freund gewesen, nachdem die jüngste von ihm verursachte Krise überstanden war, da hatten sie sich auch schon (wieder) getrennt. Gegen Lucys stürmisches Leben, ist meines in der totalen Windstille.

Wir beschlossen, dass der Gemeindesaal vermutlich nicht der beste Ort war um die ganze grauenvolle Beziehung und alles was nun wieder vorgefallen war aufzurollen und zu zerlegen und entschieden uns dazu in eine Bar zu gehen. Lucy hatte schon viel zu lange aus Liebeskummer heraus nichts mehr gegessen und auch bei der Agape nicht zugelangt. Ganz mütterlich nötigte ich sie also praktisch sich zumindest körperlich zu stärken, wenn sie es schon nicht seelisch schaffen würde. Eine weitere Freundin, Maria, schloss sich uns an und so nach und nach kam Lucy über einem Grillteller ins Reden. Und das sind Geschichten, sage ich euch! Absolut unfassbar und ganz genauso grauenvoll. Über Lug und Betrug, bis hin zu Gewalt ist da eigentlich alles dabei. Dass sich das Ganze in dieser Form schon gut neun Monate lang zog, machte es nicht besser. Aber Liebe ist immer unbegründet und in ihrer Natur vielleicht auch dumm und kann einen selbstlosen und dadurch selbstzerstörerischen Trieb haben, vor dem man sich nicht schützen kann. Bis es dann eben gar nicht mehr geht und ich hoffe, dass Lucy jetzt an diesem Punkt angekommen ist. Endlich.

Bei selbstgemischten Cocktails (übrigens keine sehr gute Idee) und weißen Spritzern kamen wir dann auch noch über alles Mögliche andere zu reden und irgendwann lachte Lucy sogar ein bisschen. Ich heiterte sie mit meinen Männergeschichten und Begegnungen auf und Maria, die keine zu erzählen hatte, vergrub die Hände im Gesicht und dankte dem Herrn, dass sie sich nur auf ihr Studium zu konzentrieren gedachte. Irgendwann kamen wir dann wieder auf Ben zu sprechen und über ihn dann auf die ganzen anderen Männer in unserer Gemeinde die wir kannten. Vor einem Jahr waren wir gemeinsam, mit anderen (Männern) aus der Kirche, nach Israel gefahren und ließen das Revue passieren. „Das war schon verrückt!“, lachte ich in Erinnerung an all die abenteuerlichen Unternehmungen von damals. „Und könnt ihr euch noch an Romeo und seine Hollister-Garderobe erinnern?“ Alle konnten das. Romeo (der zwar in Echt nicht so heißt, aber das ergibt später noch Sinn, warum ich ihm hier diesen Namen gebe), hatte nämlich nur Klamotten von Hollister dabei und wurde deswegen ziemlich von mir aufgezogen. Weil ich gemein bin. Deswegen.

„Der stand ja auch voll auf dich.“, meinte Maria und ich musste nachfragen um in meinem Hirn zu prozessieren was sie meinte. „Wer? Der Hollister?!“ Ich ging damals nämlich dazu über ihn nur mehr ausschließlich so zu rufen. „Ja!“, sagte Maria und ich schüttelte den Kopf. „Nein.“, sagte ich abwinkend. „Der Steff war in mich verschossen. Aber doch nicht der Romeo.“ „Oh doch!“, insistierte Maria. „Ich habe mit ihm mal eine halbe Stunde auf der Dachterrasse nur darüber geredet wie toll du bist und dabei hat eigentlich nur er geredet.“ Ich war ganz schön perplex. „Was?!“, fragte ich absolut ungläubig. „Wirklich?“ und meine Stimme wurde dabei in eine quietschende Tonlage katapultiert, die wohl ziemlich unbestreitbar verriet, dass ich aufgeregt war. Lucy grinste.

„Erzähl! Erzähl! Erzähl!“, forderte ich und nahm einen tiefen Zug durch den Strohhalm von meinem Drink. Jetzt grinste auch der Barkeeper. Maria erzählte, dass Romeo und sie im Studentenwohnheim auf demselben Flur wohnten, mit demselben Zugang zur Dachterrasse und dass sie sich dort einmal getroffen hätten. Nur sie beide und dass sie dann…nur über mich gesprochen hätten. Und darüber wie toll ich bin. Eigentlich eh klar 😉

Warum mich das so, im positiven Sinne, aufregte? Weil ich Romeo mochte. Die meisten Männer die ich necke und trietze mag ich. Als ich vor einem Jahr in Israel war, war ich noch in einer Beziehung, in der ich damals schon seit vier-einhalb Jahren feststeckte. Meine Abenteuer-Reise nach Israel war im Nachhinein betrachtet der Befreiungsschlag für mich und der Ruck den ich brauchte im mich aus dieser Abhängigkeitsbeziehung zu lösen. Auch wenn mir mein Ex-Freund immer das Gefühl gegeben hatte, dass ich ohne ihn praktisch nicht lebensfähig wäre, so erkannte ich auf dieser Reise (die erste ohne ihn oder meine Eltern), dass das einfach nicht stimmte. Und wenn ich im Grenzgebiet zwischen Israel und Palästina alleine zurechtkomme, dann doch wohl bitte auch daheim im schönen Österreich.

Aber jetzt wollen wir mal nicht abschweifen. Auch wenn die Beziehung damals schon auf sehr ungesunden, wackeligen Beinen stand, war ich immer noch irgendwie vergeben. Unglücklich, aber vergeben. Romeo gefiel mir. Dabei machte das wenig Sinn. Er ist nicht besonders groß, sein Bartwuchs mehr in Spurenelementen vorhanden und nicht wirklich ‚männlich‘ genug um plausibel erklären zu können was mir an ihm gefiel bzw. irgendwie immer noch gefällt. Anziehung stirbt in den seltensten Fällen plötzlich und meine hält immer noch an. Irgendwie halt. Irgendwo bei einem Beduhinen zuhause teilte man uns damals in Israel eines Abends beim Improvisationstheater spielen die Rollen der Julia und des Romeo zu. Ich war die Julia und er war der Romeo (daher jetzt also meine fake-Namensgebung). Es kam zu keinem romantischen Kuss. Ich erschlug ihn theatralisch zuerst mit einer Bibel und dann mit einer Ukulele und weigerte mich mit ihm zu sterben.

Im Nachhinein aber fällt mir auf, dass wir sehr häufig zusammen waren. Er auch meistens sein Nachtlager auf unserer Reise in den Schlafsäcken bei mir oder in meiner Nähe aufschlug. „Gibt es eigentlich irgendjemanden der dich nicht mag?“, hat er mal gefragt und das ganz ernst gemeint. Er war es auch der bemerkte, dass ich bestimmt eine gute Mutter wäre. Ein komisches Kompliment, aber von ihm ziemlich ‚bedeutungsschwanger‘. Außerdem haben wir viele Gemeinsamkeiten und entdecken immer noch viele weitere. Nicht nur Werte, sondern auch Interessenstechnisch sind wir uns sehr nahe und dadurch gut kompatibel.

Warum ich jetzt aber einen ganzen Artikel über irgendeinen Romeo-Typen verfasse, obwohl er mich nie außerhalb unserer Kirchen oder Freundeskreis-Treffen eingeladen hat oder dergleichen? Weiß ich nicht so wirklich. Vielleicht weil ich ihn mag. Weil er mich beschäftigt. Weil es ja sein könnte, dass er nicht nur irgendein, sondern vielleicht mein Romeo ist? Und die Vorstellung gefällt mir. Anscheinend. Neulich erst waren wir bei einem Eishockey-Spiel und unterhielten uns köstlich. Ich mag Eishockey übrigens, aber vermutlich aus den völlig falschen Gründen. Ist es verwerflich, dass es mich ein bisschen anmacht, wenn sich muskulöse Männer rangeln? Hollister/Romeo ist jedenfalls keiner von der Sorte Mann die das machen würde. Oder könnte. Und trotzdem schreibe ich jetzt über ihn und nicht über einen der Spieler.

Vor einem halben Jahr blieb er nach einem Filmabend mit der Israel-Gruppe noch ein bisschen länger und wir tranken Rotwein und schwatzen bis spät in die Nacht hinein. Ich erzählte ihm ein bisschen vom Froschprinzen und dem Ex-Freund und er berichtete davon, dass das Mädchen mit dem er ‚etwas gehabt hatte‘ für ein Auslandssemester gen Osten gezogen war und sich das jetzt wohl verlieren würde. Die junge Frau aus seinem Studentenwohnheim hatte ihm zwar aus der Ferne Briefe geschickt, aber er hatte (noch) nicht geantwortet und wusste auch nicht ob er das überhaupt irgendwann würde. Er schien mir recht unschlüssig und hin und her gerissen. Ich stellte mir vor, dass der Froschprinz mit seinen Freunden so ähnliche Gespräche über mich führen würde. Das Mädchen im Osten tat mir ein bisschen leid. Mittlerweile ist sie übrigens wieder da und Hollister weiß nicht so recht ob er ‚was-auch-immer-es-ist‘ wieder beginnen soll, oder lieber doch nicht.

Ich frage mich warum er mich noch nie in Betracht gezogen hat und weiß, dass er das doch getan hat und genau deswegen nichts mit mir angefangen hat. Romeo mag mich. Sehr sogar und das auch als Freundin. So sehr, dass er da nichts zwischen uns verhauen will, dass man später nicht mehr kleben könnte. Und weil er weiß, dass ich ein Angebot einer anderen Universität habe und wenn ich das Angebot nicht annehme dann ziemlich sicher für zwei Jahre nach Afrika gehen werde im nächsten Jahr. Natürlich ist nichts fix, aber ihm gegenüber habe ich das zumindest immer so kommuniziert. Und habe das ja auch so vor. Trotzdem frage ich mich jetzt, ob ich nicht ein bisschen die Initiative ergreifen soll. Er kommt ohnehin immer überall dorthin wo ich auch bin. Ob ich ihm mal einen kleinen Schubs geben sollte? …vielleicht mal doch besser sein Chaos mit der aus dem Osten heimgekehrten Studentin abwarten…

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. daschah sagt:

    Gib ihm einen Schubs. Männer können nicht riechen, was wir Frauen wollen und umgekehrt 😉 Am Ende ärgerst du dich nur über eine eventuell verpatzte Situation.

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  2. Kim sagt:

    Würde da auch ein bisschen richtungesweisend eingreifen 😉

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  3. Starks7 sagt:

    Also, ich weiß ja nicht. Der klingt doch auch wie so ein Kandidat, der dann kurz vorm Sex noch fragen würde, was du eigentlich von ihm erwartest, oder?

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    1. Hahaha^^ 😂😂 Nein, der nicht. 😉 Da bin ich mir zml sicher. Aber…was heißt das schon…

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