Der Mann der kleinen Freuden.

Er ist wieder da. Unser letzter Abschied war gelinde gesagt ein bisschen traurig und dramatisch und ich habe Bauchweh, aber auch ein gutes Gefühl, weil er sich wieder bei mir gemeldet hat. Nach dem Urlaub. Der Urlaub mit Freunden, der ihn irgendwo ans Meer geführt hat. Weit weg von mir. Eine Woche lang.

Ich habe ihn vermisst und ich ohrfeige mich innerlich dafür, dass ich ihn vermisst habe. Weil es doof ist und umständlich und ungünstig, wenn man jemanden vermisst von dem man nicht weiß ob auch er einen vermisst. Ich liege an mehr Nächten wach an denen er nicht bei mir ist als umgekehrt und so sollte das im Leben eines Twenysomething-Mädchens, das gerade einen heißen Typen kennengelernt hat, verdammt nochmal nicht sein.

‚Gerade kennengelernt‘ stimmt mittlerweile auch gar nicht mehr, weil es schon drei Monate sind in denen wir uns sehen. Aber er hat sich immer noch nicht festgelegt oder entschieden oder auch nur eine kleine klare Ansage gemacht die ich dann auch wirklich hätte ernst nehmen können und deswegen verschweige ich den meisten Menschen denen ich von ihm erzähle wie lange wie wir uns nun eigentlich schon treffen. Weil ich tief drinnen weiß, dass sein Verhalten nicht günstig für mich ist? ‚Nicht nachdenken!‘, flüstere ich mir zu und das sind so verzweifelte und verliebte Mädchenmoves, die alles nur noch schlimmer machen, in dem Versuch sein Herz zu beschützen.

Er ist also wieder da und schneller als gedacht steht er in meiner Tür. Er ist mit dem Rad gekommen und weil noch ein bisschen Sommer ist steht ihm der glitzernde, perlende Schweiß auf der Stirn und irgendetwas perverses in mir möchte davon kosten. Ich kann mich aber glücklicher Weise beherrschen, weil er glücklicherweise Essen mitgebracht hat. Das hat er zuvor auch noch nie. Er hat Döner mitgebracht. Für mich extra-scharf, ohne Tomaten und für ihn mild ohne Zwiebel.

Ich trage ein Sommerkleid und meine Haare sind geflochten. Ich werde ihm nie, nie, niemals erzählen, dass ich für die Frisur extra zu meiner Nachbarin/Freundin gelaufen bin, weil ich ums verrecken keine Haare flechten kann, für ihn aber schön sein wollte. Weil er irgendwann mal erwähnt hat, dass ihm hochgebundene/geflochtene Haare gefallen und ich verliebte dumme Nuss mir das in meinem übergroßen Mädchenhirn natürlich sofort abgespeichert habe. Unter lebenswichtige Infos. Manchmal finde ich mich selbst anstrengend.

Er hat nicht nur Döner mitgebracht. Er hat auch Kekse mitgebracht. Schokoladenkekse. So gute, die man in Milch tauchen kann und soll. Solche die man nur in Italien und Kroatien bekommen kann und die eigentlich auch nur dort schmecken, weil man vom Urlaub und der vielen Sonne so berauscht ist. Aber ich freue mich unglaublich. „Da sind Sterne drauf.“, stelle ich entzückt fest, weil auf den runden braunen Schokokeksen, weiße Sterne zu sehen sind. „Ja.“, sagt er. „Andere mögen dir die Sterne vom Himmel holen, aber ich kenn dich besser! Ich bring dir Schokokekse mit Sternen!“ Wenn es in meinem Leben irgendwann jemals einen Moment gegeben hat in dem ich einen Mann küssen musste, dann war es dieser.

Wir sitzen am Balkon und er erzählt mir von seinem Urlaub. Dass er hauptsächlich gegessen und geschlafen hat und im Meer geschwommen ist. Dass es schön war. Ich finde ihn schön. Seine dunklen Locken und die vollen Lippen. Das Seltsame, das nur ihm gehört und ihm etwas Verwegenes verleiht.  Bei mir ist in der Zwischenzeit auch total viel passiert von dem ich ihm berichten könnte, aber gerade fällt mir nichts ein. Gerade verfalle ich ihm. Wieder.

„Ich hab noch was für dich.“, sagt er und zieht etwas aus seiner Tasche. Ich bin überrascht, weil ich von dem Döner und den Keksen schon überrascht war. Aber er zaubert noch etwas hervor. Eine Ansichtskarte. Mit Lesezeichen am oberen Rand, den man abnehmen kann. „Ich wollte sie dir schicken, aber konnte mich dann nicht mehr an die Hausnummer erinnern und wollte nicht nachfragen, weil es ja eine Überraschung sein sollte…“ Er wirkt verlegen. Ich bin sprachlos, als ich erkenne, dass er auf die Karte ein Gedicht geschrieben hat. Das ist nicht nur wegen dem Inhalt romantisch, sondern weil es das Gedicht ist, dass ihm am (tatsächlichen) Anfang unseres Kennenlernens nicht mehr einfiel und…er sich daran erinnert hat.

Mit dem Gedicht hat er das Lesezeichen beschrieben und auf dem Rest der Karte steht das übliche Urlaubsgequatsche. Diese Karte ist der Beweis. Er hat sich wirklich etwas dabei gedacht und noch wichtiger: Er hat an mich gedacht. Im Urlaub. Mit Freunden. Ganz weit weg von mir. „Eine kleine Freude.“, sagt er und wirkt unbeholfen in der Stille zwischen uns. Anscheinend kann er nicht so ganz einschätzen ob ich mich nun freue oder nicht.

 

Das war letzten Sommer. Inzwischen ist viel passiert. Kleine Freuden. Große Freuden. Katastrophen. Gefühls-stürme. Der Mann der kleinen Freuden ist er geblieben, aber auch der Mann der großen Enttäuschungen. Der Döner wurde kalt. Die Kekse zerbröselten. Heute lebt er nur noch in meiner Erinnerung.  Die Karte aber, die in meiner rechten unteren Schreibtischlade, unter ganz vielen Rechnungen und Zetteln, wohnt, ruft manchmal noch leise nach mir. Und dann weiß ich, dass ich die kleinen Freuden mit ihm nicht alle nur geträumt habe.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Über das Leben und Lieben sagt:

    Wie schön und traurig zugleich! Dieser Text beschreibt das Wort „bittersweet“ auf jeden Fall treffend… 😌

    Gefällt 3 Personen

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