Es gibt Liebe

Es gibt Liebe in meinem Leben und nie ist sie mir so sehr bewusst wie in diesen Tagen.

Mein Mann steht hinter mir, also meine Großmutter von mir geht. Ich halte ihre Hand, wie ich es bei sterbenden Menschen in meinem Leben noch nie getan habe und ich sehe ihr Gesicht durch meine Tränen nicht. Das hier ist das letzte Bild meiner Liebe zu ihr.

Gerade waren wir noch in Rom, mein Mann und ich. Wir sind durch Gassen eglaufen, haben Eis an fragwürdigen Ecken gegessen und mit den Römern ihr 1:0 im Fußball gefeiert und anschließend zwei Tage lang gefeiert. Ich habe gelacht und gelacht und niemals daran gedacht, dass ich nur wenige Augenblicke später meine Koffer hastig packe und in das nächste Taxi zum Flughafen springe um mich von der person zu verabschieden von der alle sagen ich wäre ihr am ähnlichsten.

Meine Oma war eine starke Frau. Mehr als 3/4 ihres Lebens schwer krank, aber niemals am aufgeben interessiert. Ihre Welt war nicht größer als ihr Gemüsegarten hinterm Haus, aber ihr Herz war weiter als der Horizont meiner Emotionen zu erahnen vermag.

Von ihr habe ich die wilden dunklen Haare, die Intuition beim Kochen, die Liebe zu Pferden, den eigenwilligen Kopf, die braunen tiefen Augen und die kleinen Hände. Und ihr habe ich meine Begeisterung für den Heimatkanal und alte Schnulzen zu verdanken.

Von ihr habe ich das Lachen und meine Freude am Tanz. Sie war der Rhytmus in meinem Leben noch bevor ich ein Gefühl dafür bekam und ich habe ihr versprochen für sie durch das Leben zu tanzen das sie nie entdecken konnte.

Meine Oma war ein uneheliches Kind der letzten Kriegsjahre, das nie mehr als eine Volksschulbildung und wohl eher wenig Anerkennung erfahren hat. Ihr Leben war voller Entbehrungen, Ängste, Ungerechtigkeiten und Schmerzen und auch wenn sie das hart gemacht hat, so war sie doch manchmal weich wie der Bisquitteig, den ich noch nie so hinbekommen habe wie sie.

Wenn ich mich mit meiner Oma gestritten habe, dann immer so, dass es krachte und die Versöhnung hinterher nicht ausblieb. Für Menschen alles besser zu wollen als für einen selbst, das geht meiner Generation verloren- meine Oma hat es nie lernen müssen.

„Wie fühlt sich Liebe an?“, frage ich mich, wie ich am Bett meiner Großmutter sitze und den Schmerz in meinen Körper einfahren lasse. Ich habe Liebe erfahren- von ihr. Wenn sie mit ihren kranken Händen feine Pommes aus Erdäpfeln aus dem eigenen Acker schnitt, weil wir die so gern aßen. Oder wenn sie im Alter immer wieder dieselben Geschichten erzählt hat, von früher, einfach nur um mich an ihrem ich und ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Liebe ist die Erinnerung, an das laute Radio-Steiermark, zu allen Tageszeiten, die schwarz-weiß Fotos am Lampenschirm im Schlafzimmer, der irgendwann mal verschwand, und die im trägen Mittagswind an heißen Sommertagen das Mobilé waren mit dem wir in den kollektiven Mittagsschlaf versunken sind. Behütet, geborgen, versorgt, unterstützt zu sein- so wie man ist- angenommen zu sein. Das ist Liebe; und ich hoffe wir konnten meiner Oma hiervon etwas zurückgeben.

Ich werde mich immer daran erinnern wie viel Mühe sie sich gegeben hat mir ihre Liebe zu zeigen. Wie sie selbst mit zwei Krücken und unter großen Schmerzen zu meinen Reitabzeichen gefahren ist, mir ein Dirndl- in dem von ihr auserkorenen besten Geschäft- gekauft hat. Wie sie sich zu meiner Sponsion geschleppt hat- einfach um dazu sein. Um für mich dazu sein. Ich wede mich an die Weihnachten und Geburtstage erinnern. An die Gespräche beim Esstisch und die Nachmittage im Garten. Ich werde mich bei jedem Huhn das ich sehe und jedem Ei das ich esse an meine Oma erinnern und ich werde meinen Kindern von dir erzählen und wie sehr du mir gezeigt hast was Liebe it und dass ich würdig bin sie zu empfangen.

Der Tod meiner Oma war keine Überraschung per se. In ihrer Geschichte war er eine Erlösung. Eine Belohnung. Ein Geschenk. Und ich weine nicht, weil ich traurig bin, dass es ihr jetzt besser geht, sondern weil ich sie vermissen werde. Alle Tage meines Lebens.

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