Eine Wien-Wien Situation

Ich hoffe der Titel erinnert euch an eine ähnlich klingende Phrase. Win-Win Situation nämlich. Gut, jetzt wo das geklärt wäre kann ich euch dann ja hier teilhaben lassen, warum die Wien-Wien Situation tatsächlich nicht so ein Gewinn ist.

Wir fahren schon Sonntag am Abend mit Bussen los, in denen 80 getestete und mit lächerlichen Ninja-Pässen ausgestattete Testosteron-Teens im Alter von 16-19 sitzen, damit wir am Montag bereits um 8 Uhr mit dem Programm für die Landpomeranzen in Wien starten können. Ich weiß- ein langer Satz, aber es war auch eine laaaaange Woche.

Ich erspare euch die ekelhaften Details der Hinfahrt. Nur so viel: es gibt Pfurzwettbewerbe in geschlossenen Bussen bei denen nicht einmal mehr FFP2 Masken einen Schutz bieten.

In Wien angekommen gibts die nächsten Tage über wenig Schlaf. Sehr wenig Schlaf. Ich bereue es zunehmend während meinem Doktorat in meinem angestammten Beruf zu arbeiten. Im Moment scheint alles andere besser zu sein.

Das Hostel in Brigittenau ist schrecklich. Vom Essen, für das man sich 25 Minuten anstellt, bekommen alle Bauchweh, ich muss ständig aufs Klo. Dass ich dann doch nicht mit 30 Kindern am Gang duschen muss gibt mir ein echtes Gefühl von Luxus und das alleine ist schon traurig.

Die Wände sind so hellhörig, dass es sich anfühlt als würde der schnarchende Mann im Stock über mir neben mir im Bett liegen. In einer anderen Nacht werde ich von links mit Schlagermusik und von rechts mit Hip-Hop Bass beschallt. Um 1 Uhr lade ich meine Schüler dann zu mir ins Zimmer ein und gebe ihnen eine Kostprobe davon wie sich ihr Verhalten auf meinen Schlaf auswirkt. Danach ist Ruhe. Was bin ich doch pädagogisch wertvoll!

Jeden Tag kleben wir Ninja-Pass Pickerl und versuchen dabei nicht zu verzweifeln. Der Schlafmangel ist eklatant am randalieren, vor allem weil wir nicht die einzige Schule hier sind und uns den Stock mit einer Unterstufe teilen. Ideal. Deren Lehrerinnen sind von der ganz alten Schule, im übertragenen Sinne und haben an den Außentüren Zettel mit Namen und Bewertungssystem für die Sauberkeit des Zimmers angebracht. Um 6 Uhr machen sie Weckdienst, was zur Folge hat, dass sie sich praktisch den Gang entlangklopfen und man zwangsläufig aufwacht, weil sie das bei jeder Tür solange machen bis die Kinder aus den Stockbetten gefallen sind und die Türe öffnen. Ich hasse es. An Tag 2 sage ich es ihnen auch. Das geht ja wirklich gar nicht. Eure Schüler:innen sind 13, nicht 3, die stehen auch für die Schule auf. Die schaffen das schon– und sonst ruft sie eben an, aber klopft um Himmels Willen nicht das gesammte Stockwerk aus dem Bett und führt dann Unterhaltungen am Gang als wäre es 15 Uhr am Nachmittag.

Natürlich werden Kinder krank, bzw Teen-Monster. Natürlich will keiner nachhause, muss dann aber doch. Natürlich stehe ich jeden Tag am Bahnhof und schicke ihren besorgten Eltern Fotos der verschickten Kinder.

Ich bin müde. Müde von dieser ausgesprochen gewinnlosen Wien-Wien Situation und der Gewissheit, dass ich damals als ich in Wien gewohnt habe, nie damit gerechnet hätte mit 80 Pubertierenden, zu vier Lehrpersonen, in Brigittenau zu landen. Aber heads-up: es ist keiner gestorben. Von den her doch ein win.

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. marie sagt:

    Da kommen Erinnerungen auf 😂😂😂

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    1. Bei mir auch! Aber als Schülerin war das BEDEUTEND lustiger als als Lehrperson

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      1. marie sagt:

        Das glaub ich dir aufs Wort! War am Donnerstag mit ‚meinen‘ Jugendlichen bei einer Laufveranstaltung in Graz und DAS war schon anstrengend 😆.

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      2. 5 1/2 Tage Wien-Woche mit 80 Hanseln sind 5 1/2 Tage zu viel.

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      3. marie sagt:

        😂😂😂😂😂

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  2. Meine Wien Woche mit der Schule war wie folgt: Ich krank (Keine Stimme und Halsschmerzen). Essen schrecklich. Schlaf kaum. Ebenso bescheidenes Wetter (Im Juni unter 20 Grad 🥶). Trotzdem war es unglaublich schön mit vielen richtig lustigen Erinnerungen 😍😂
    Sieht man ja als Schüler auch irgendwie anders als die Lehrer 😆

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    1. Stimme hatte bei uns an Tag 3 auch keiner mehr 🙈 Der Wind in Wien, der permanente Schlafmangel, die meisten muss man fast prügeln die kurzen Hosen im Hostel und die Jacke mitzunehmen…

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  3. Kim sagt:

    Oh Gott 😱 wie oft musst das machen im Jahr ?

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    1. 1x. Aber ich werd mich nächstes Jahr weigern!

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