#notyourhenne

Es ist wieder passiert. Ich dachte einen ’netten, normalen‘ Typen über Tinder kennengelernt zu haben. Hört ihr mich schon lachen? Ja, genau. Nehmt euch ein Glas Wein, oder gleich die Flasche Schnaps die ihr euch für einen Anlass im Schrank behalten habt- das ist er.

Nennen wir den Mann Chris und sagen wir er ist um die 30. Ich werde bald 27, also sind Männer um die 30 jetzt okay für mich. Wieso auch nicht? Nur weil sich innerlich alles wie ’suddenly 30′ oder eine absurd reale Version von ‚Freaky Friday‘ anfühlt heißt das noch lange nicht, dass ich meinem Äußeren entsprechend nicht mitspielen kann. Wir nennen den Typ also Chris.

Chris hat iwas mit Jus und BWL studiert und arbeitet fancy pancy für die Regierung. Er ist groß und dunkelhaarig und reist seinen Bildern nach gerne in den US herum. Wir scheinen also nicht komplett konträre Gegensätze zu sein und ich matche ihn. Nachdem ich Date-mäßig aber vor dem zweiten Lockdown noch schwer überlastet bin rutscht Chris irgendwie zwischen durch und ich erinnere mich erst nach ein paar Wochen wieder an ihn. Ihm scheint das aber nichts auszumachen und nach einer Weile fragt er ob es noch zu früh ist mich nach fb oder insta-Daten zu fragen. Ich finde das ist es nicht und wir verlegen das Kennelernen auf die „OMGMYLIFEISSOFUCKINGAMAZIN“-App unter den asozialen Medienkanälen.

Hatte ich schon erwähnt, dass Chris normal und nett wirkte? Tat er auch. Kommt aus einem Haushalt von drei Brürder, gut-bürgerlich bodenständigen Eltern und hat einen festen Job mit dem er sich sichtlich bemüht nicht zu prahlen. Es stört ihn gar nicht, dass ich mich im Studium mit Gott beschäftigt habe und tappt in keine der üblichen Fettnäpfchen. Ich freue mich mit ihm zu schreiben und warte manchmal sogar auf seine Nachrichten. Das ist schon verteufelt lange nicht mehr passiert und es ist ein gutes Gefühl. Er schreibt gut, nie zu viel, aber konstant und er interessiert mich einfach- dieser Chris.

Wie beiläufig kommt dann heraus, dass er schon ein Haus hat. Mit Pool. Und eine Wohnung in der Stadt oben drauf. Ich denke mir nur so „ookeeee“, da sind wir wohl doch weit mit den Lebensplanungen auseinander. Aber er stresst das Thema nicht, meint er hat einfach schon brav gearbeitet und wirkt ansonsten recht flexibel. Ich quetsche ihn auch nicht drüber aus ob er sich alleine ein Haus gebaut hat, oder mit einer Ex-Freundin. Kinder hat er jedenfalls keine und das reicht mir für den Augenblick.

Ich bin ja dann immer gleich mal für ein Treffen. Männer online auszusuchen funktioniert für mich nicht mal so mittelprächtig und auch wenn ich jemanden beim Schreiben schon mal sympathisch finde heißt das halt leider noch nicht, dass er es mir in Persona dann auch ist. Ich schätze mal das ist die berühmte „Chemie“, aber nagelt mich nicht daran fest. Christ ziert sich jedenfalls total. Zwei Mal spreche ich es an, aber er meint „du musst noch ein bisschen auf mich warten“ und ich frage „Worauf? Darauf, dass du dir den Vorweihnachts- oder CoronaLockdown-Speck vor dem ersten Date heruntertrainierst? Stört mich überhaupt nicht!“ …aber er scheint noch nicht bereit zu sein und nach gut zwei Wochen hin und her schreiben weiß ich nicht wie lange ich da noch Zeit in dieses ungewisse Irgendwas investieren will.

Und dann passiert es: der Schuss ins Aus. Das Faul. Der Fail. Die Katastrophe.

Er bezeichnet mich als wilde Henne.

Bitte WHAT?!?

Ich bin irritiert. Wer bezeichnet eine erwachsene Frau als Huhn? Nochdazu als wildes Huhn? Als Henne? Ich mein…auch auf die Gefahr hin, dass ich mich hier wiederhole aber—WHAT?!?

Ich kann irgendwie nicht glauben, dass auch junge Männer immer noch nicht kapiert haben, dass unsere Gesellschaft gerade einen schon längst überfälligen Wandel durchlebt. Ein Wandel an dessem Ende es auch dem letzten Vollhorst klar sein wird, dass man Frauen nicht mehr ungefragt auf den Arsch greift, sie nicht mehr „Fräulein“ oder „Schätzchen“ nennt, ihnen unverholen auf den Busen glotzt oder sie leicht herabwürdigend als „wüde Henn“ oder dergleichen betitelt. WHAT THE ACTUAL FUCK?!

Ich spreche ihn darauf an indem ich ihm sage ich hab mich schon gewundert warum ein Typ wie er single ist, bis er mich -eine erwachsene und ihm weitesgehend immer noch unbekannte Frau- als wilde Henne bezeichnet hat.

Seine Reaktion ist chauvinistisch männlich im stereotypischen aber leider zutreffenden Sinn:

Me?! Done something wrong? What are you talking about?

Jesus fucking Christ ich habs so satt. Wann frisst die Revolution endlich die übrig gebliebenen Kinder?!

Er schreibt danach gleich mehrere Nachrichten hintereinander und ich stelle sie euch alle hier herein weil…naja weil ich kann und keinen Bock habe den Mist auch nochmal zu tippen.

Kurzfassung gefällig? Ich verstehe seine Humor (noch) nicht. Fast habe ich damit gerechnet er schreibt das „hab dich nicht so, Mäuschen“ aus und nicht nur zwischen die Zeilen hinein. Für den Fall, dass ich seinen ‚Humor‘ nicht verstehen will bin ich natürlich humorlos. Eh klar.

(Das Hühnchen Gif ist natürlich von mir)

Bitch-please. Bei deinem „feinen“ Humor kannst dich gleich mal gepflegt vornehm ins Knie ficken.

Sind die Kerle noch zu fassen? Oder hat meine Mama recht und „die guten Männer“ sind jetzt langsam aber sicher alle vergeben? Aber wo waren die in den Jahren bis hierhin? Dieser erneute Tiefschlag im Tinder-Dating-Jungle gibt mir irgendwie den Rest. I am ready to die.

Festzuhalten aber ist: I am not your Henne, du Hansl! Willkommen im 21. Jahrhundert und byebye antiquierte Verniedlichungen oder Verkleinerungen von Frauen. Ein bisschen mehr Respekt und ein bisschen weniger „swag“, das wär nicht neet, sondern angebracht.

Boy Bye.

17 Kommentare Gib deinen ab

  1. Dein Beitrag hat mich zum schmunzeln gebracht, ebenso wie die Bezeichnung “wilde Henne“, die ich so noch nie gehört hatte.
    Ich glaube ihm, dass es nicht böse gemeint war, dennoch kann man da tatsächlich viel über seine Einstellung rauslesen. Dennoch könnte es ja sein, dass er dich bei einer genaueren Erklärung verstehen würde und sich entschuldigt? Vielleicht muss er nur noch ein paar Dinge lernen und ist an sich trotzdem ein netter Kerl?🤔 aber ich kann nachvollziehen, dass man bei Tinder irgendwann keine Lust mehr hat sich groß mit den Leuten auseinanderzusetzen.

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    1. Ja, alles was du sagst macht sicher total Sinn. Aber da ist für mich, sicherlich auch eine sehr empfindliche, Grenze irgendwie überschritten. Wer erwachsene Frauen als „wilde Hennen“ bezeichnet und dann SO EINE ANTWORT-FLUT drauf schreibt der…hat echt nichts verstanden. ALso nichts von dem was mir wichtig ist. Und nachdem das Tinder ist…sortiere ich ihn besser jetzt gleich aus.

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  2. Wildes Huhn ist eine gebräuchliche Redewendung. Und ob jetzt Huhn oder Henne, ist egal.
    Daran ist sicher nichts abwertendes.

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    1. Doch, ich finde das kann man sich sparen.

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      1. Bin ich froh, dass es solche Empfindlichkeiten in meiner Generation nicht gibt. Das wäre mir viel zu anstrengend.

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      2. Ich finde so eine Behandlung, den unterschwelligen Sexismus, das konstante Kleinhalten aufgrund des Geschlechts, die Überheblichkeit mancher Männer nur aufgrund ihrer Männlichkeit, die gläserne Decke, die Pink-Tax und noch ganz vieles mehr das in diese Kategorie hineingehört anstrengend.
        Klar, das war jetzt nur ein „kleiner Kommentar“. Aber mir persönlich reicht der schon, weil er- voll allem in dem was er danach noch geschrieben hat- schon zeigt aus welcher „Denker-Ecke“ er kommt. Ich lasse mich von fremden erwachsenen Männer werder als Huhn, noch als Mädchen, Maus, Schätzchen oder wildes Luder bezeichnen. Natürlich ist das aber meine Entscheidung. Meine Einstellung. Meine Grenzen die ich ziehe; genau da wo ich das Gefühl habe als Frau nicht auf Augenhöhe von jemandem gesehen zu werden.
        Du kannst das handhaben wie du willst 🙂 Ich allerdings auch. Und da lass ich mich dann ungern als „anstrengend“ bezeichnen. Der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Sexismus ist anstrengend. Frauen die dafür kämpfen sind es aber nicht. Weder schwierig, noch empfindlich, noch sonst etwas- außer klar genug für sich einzustehen und ihre Grenzen aufzuzeigen die zu respektieren sind.

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      3. Bin da ganz bei dir! Klar ist das abwertend und sexualisierend gemeint. Sprache formt unsere Realität und wenn einen das Gegenüber als wilde Henne bezeichnet, dann ist das einfach ein No Go. Zumal ihr euch nicht kennt. Wärt ihr ein Paar und das wäre als neckender Scherz gemeint, ist das ja auch wieder in nem anderen Kontext zu sehen. Aber ganz ehrlich, mit manchen Typen stimmts doch einfach nicht. Du die wilde Henne, ich das süße Mäuschen. Man schreibt nen Kerl doch auch nicht mit „süßer Knuffibär“ oder „geiler Hengst“ an.

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      4. Ja eben! My thoughts exactly! Danke für die moralische Unterstützung ❤

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    2. Wildes Huhn ist ja wohl keine gebräuchliche Redewendung, oder wann sagt man sowas sonst so?

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      1. Jecke Nudel, wilde Hilde…

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  3. Kim sagt:

    Das triggert mich unendlich. Und zwar eher seine Antwort auf deine Reaktion. Fehler machen wir alle, bestenfalls lässt sich die “wilde Henne”-Bezeichnung noch als Fettnäpfchen seinerseits bezeichnen. Doch wenn du ihn darauf ansprichst und ganz eindeutig klar machst, dass dir das nicht gefällt, nicht so genannt werden möchtest und er SO reagiert, ist das unglaublich übergriffig und jenseits von “altbacken” oder “schlecht informiert”. Es ist reiner Sexismus, und noch viel schlimmer finde ich aber doch, dass Frauen, die sich dagegen wehren, dann als anstrengend bezeichnet werden von anderen Frauen!! Was für ein Rückschritt, was für ein Kleingeist! Diese Art Frauen sitzen in ihrem Käfig und schlucken lieber den Schlüssel zur Freiheit, anstatt einfach rauszugehen. Vllt stört sie deshalb die Bezeichnung “Henne” nicht….

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    1. Ja, ab dem Zeitpunkt der Antwort-Flut wars dann für mich vorbei. Da war iwie klar, dass das kein „blöder Ausrutscher“ oder so war.

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  4. „süßer Knuffibär“? Eher „aufgeplusterter Gockel“….

    Ich lese daraus, dass ihr definitiv noch nicht auf dem Level „Kosenamen“ angekommen wart?

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    1. Nein, das waren wir nicht. Wilde Henne würd ich jetzt auch nicht als solchen Bezeichnen. Es war nicht angebracht. Nicht nur aus den oben genannten Gründen nicht, sondern auch für den Fall, dass man es als „Kosenamen“ kategorisieren würde. Er schrieb das als Antwort darauf, dass ich ihm in seinem „Männer-Schnupfen“ nicht mehr zur Seite gestanden bin. Es war schräg.

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  5. Johanna sagt:

    Um Gottes Willen, allein die erste Nachricht von ihm hätt mir schon gereicht. Du hättest seinen feinen Humor noch nicht verstanden?? Fein is daran garnix und diese Formulierung kommt ziemlich überheblich rüber.
    Naja, weg damit;) und ich bin mir übrigens sicher, dass deine Mutter in diesem speziellen Fall nicht Recht hat. Da sind noch eiiinige völlig normale endzwanzier/anfangdreißiger Singlemänner unterwegs, heutzutage haben die meisten doch keinen Stress mehr bei der Partnerwahl.
    und selbst nicht stressen lassen!:)

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    1. Deine Worte sind Balsam auf meiner alternden Twentysomething Seele ❤😉

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