Meine Waffen

Lange Zeit habe ich nicht verstanden was ich da vor mir her trage, konnte meine Wirkung auf das männliche Geschlecht nicht begreifen, war selbst noch so viel mehr Mädchen als Teile von mir immer MEHR und mehr Frau wurden. Es dauerte lange. Eigentlich bis ich 23 und das erste Mal in meinem erwachsenen Leben single war. Da begann ich zu begreifen, weil andere angreifen wollten und…ab da begann ich dann auch eine wirklich verkrampfte Haltung zu meinen Brüsten zu entwickeln.

Ich hatte oft das Gefühl, welches auch bestätigt wurde, dass Mann mich auf meine Oberweite reduziert. „Reduzieren kann man das bei dir ja fast nicht nennen!“, lachten da manche dreckig und glaubten wohl mir ein Kompliment zu machen. Es gibt nicht genug Wasser auf der Welt um die Blicke auf meine Brüste abzuwaschen. Es gibt nicht genug feministische Texte um mein Hirn mit dem Gehörten zu überspielen. Mein Körper gehört mir. Aber ich trage ihn spazieren. Er trägt mich spazieren und unweigerlich werde ich gesehen. So wie ich bin. Oder eben auch überhaupt nicht.

„Die Waffen einer Frau.“ werden sie genannt. Mir kamen sie immer wie Selbstzerstörungssprengkörper vor. Sie sind zuerst im Raum, nehmen ihn ein und sind im Zweifelsfall das was bleibt. An Erinnerung. Als Lehrerin. Als Theologin— ein zusätzlicher Albtraum. Ich wurde gut darin mich wie ein Sack zu kleiden. Während andere Frauen pushen und nach Ausschnitten suchten, war ich nur damit beschäftigt ab-und wegzudrücken und alles andere in den Vordergrund zu rücken, nur eben bitte bitte nicht meine megagroßen Brüste.

Ich bin klein. 1,62m wenns hochkommt und manchmal da sieht man wirklich nicht viel mehr als Melonen an mir. „Betonen sie Ihre Taillie“-ist bei mir kein guter Ratschlag. Wenn ich Taillie zu suchen beginne dann heißt das Brüste nach oben, was extreme Rückenverspannungen und Schmerzen bedeutet und mir die Möpse quasi bis unters Kinn schnallt. Kein Dekolté, kein Bauch. Nur ein Kopf und zwei Kugeln und dann stummelige Beine. That’s me. An sehr selbstzerfressenden Tagen.

Für meine Brüste schämte ich mich die längste Zeit. Für die Blicke von Männern wie Frauen, von schockierten Müttern und älteren Herren. Für das was gesagt und all das was nicht, oder zumindest nicht zu mir gesagt wurde, schämte ich mich auch. Vielleicht war ich tatsächlich „schwer bewaffnet“, damit aber auch schwer überfordert. Mehr noch als mein Umfeld.

Ich habe mal im Internet gesucht ob ich eine Big Boobs Selbsthilfegruppe finde, die nichts mit Pornografie zu tun hat. Aber so wirklich fündig bin ich nicht geworden. Meine Brüste verkleinern will ich auch, zumindest noch, nicht. Tut man das, kann man nämlich seine Kinder nicht mehr stillen, hat große schmerzhafte Narben etc. So eine Reduktion ist wirklich der allerallerletzte Schritt/Schnitt.

Wisst ihr wie das ist, wenn sich Leute nicht mehr genau an dich erinnern können und in einer Gruppe dann versucht wird einem auf die Sprünge zu helfen und die Person simpel aber eindrucksstark beschrieben wird? Wie etwa „Das ist die mit den wilden rote  Haaren“ oder „Der mit dem lauten Lachen“ oder „Die mit der Zahnlücke“ und dann sagen alle in der Runde „Achsoooo!! Die oder der!! Natürlich! Jetzt erinnere ich mich!!“ Und wisst ihr wie das ist wenn zu meiner Beschreibung eine einzige Handbewegung im Brustkorbbereich ausreicht um so eine kollektive Reaktion hervorzurufen? Wisst ihr das?

Ich würde es mit demütigend bezeichnen, weil so eine Handbewegung immer mit einem peinlichen oder anzüglichen Lachen von jemandem gepaart ist, auch wenn man den Teenager-Tagen schon längst entwachsen ist. Und es ist egal wie sehr man sich bemüht für etwas Anderes bekannt zu werden als seine großen Brüste. Sie bleiben.

Aber irgendwie und irgendwann hatte ich es satt mich vor meinen eigenen Brüsten zu fürchten. Eine Angst, die gar nicht unbedingt ihnen, sondern den Reaktionen galt, die ich schon zu oft erlebt habe. Hat man große Brüste und verbirgt sie nicht krampfhaft, wird nämlich automatisch davon ausgegangen, dass man total geil und willig ist. Und zwar auf ausnahmslos jeden der sie sieht. Weil man will ja, dass sie gesehen werden, sonst würde man sie nicht zur Schau stellen, oder?! Nein! Falsch! Ich stelle meine Brüste nicht zur Schau, wenn ich ein Tank-Top trage. Zumindest nicht mehr als auch den ganzen Rest von mir. DU siehst nur Brüste, aber wieso sollte das auf ewig mein Problem sein??

Ich will nicht die Männerwelt erziehen. Ich will auch nicht jeder Frau erklären müssen, dass mich anzustarren und zu wispern und zu deuten einfach scheiße ist. Ich will nicht die ober-Feministin sein und jeden anspringen der mich anzüglich objektifiziert. Ich habe die Energie dazu nicht. Ich will mich auch nichr ständig damit beschäftigen müssen. Ich will einfach nur Strandkleider tragen und TShirts anziehen können, ohne sexualisiert zu werden. Ohne mich „bewaffnet“ zu fühlen.

Aber das geht nicht. Weil es hier nicht nur auf mich ankommt; nicht nur darum geht mir über meine dicken Brüste ein noch dickeres Fell anzulegen. Es geht um euch. Um jeden Einzelnen. Ich will mir genauso wenig die Brüste abbinden wie ich euch die Augen verbinden will. Ich will einfach nur meine Ruhe und keine bekloppten Blicke oder Sprüche mehr.

Danke für Eure Aufmerksamkeit. Ab jetzt bitte weniger davon für meine Oberweite.

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