Mein Balkon der Wahrheit

Ich schreibe in meinem Tagebuch und blicke, auf dem Balkon sitzend, über die Berglandschaft inmitten derer ich sitze. Hinab auf das Tal und die Dörfer, hinauf auf die Bergspitzen, Pässe und Gipfelkreuze. Ich sitze hier schon seitdem ich ein kleines Mädchen bin. Klar, nicht durchgehend. Aber beständig. Das hier ist der Ort an den ich komme um mich zu finden, wenn ich mich im turbulenten Treiben und in all der Veränderung meines Lebens nicht mehr erkenne; mich verloren habe. — Dann komme ich hier her, setze mich im zweiten Stock auf den Boden des Balkons des Zimmers mit dem schönsten Ausblick, in dem Haus das meine Großeltern mit ihren Händen selbst gebaut haben, und schreibe in mein Tagebuch.

Manchmal stelle ich mir vor, dass viele kleine Ichs neben mir sitzen. Alle Ichs die vor mir schon hier auf ihren Platz kamen um nachzudenken, Gedanken zu ortnen und die immer so lange blieben bis sie wieder das Gefühl hatten sich selbst zu spüren. Wenn ich mich konzentriere, kann ich sie sehen.

Hier auf diesem Balkon schreibe ich auch immer Briefe an mich selbst. An ein späteres Ich. Heute auch. Ein Brief der erst 2030 geöffnet werden soll. „Liebes Ich…“ beginnt er. Liebes Ich.

Oft ist es gar nicht so leicht zu seinem Ich lieb zu sein. Öfter noch ist es schwerer dieses Ich tatsächlich greifen und begreifen zu können. Es ärgert mich, dass Ich Ich bin, gerade dann, wenn ich mich nicht darauf konzentriere Ich zu sein. Oder so zu sein wie ich sein will. Authentisch bin ich dann, wenn ich mich loslasse. Der Versuch das eigene Ich zu begreifen und zu erfassen ist wie der Versuch seinen Schatten zu fangen oder einzuholen– unmöglich. Glaub ich.

Gerade ist wieder so viel im Umbruch und alles schreit nach Aufbruch. Ich werde der stetigen Veränderung noch nicht vollkommen müde, aber ich suche sie nicht mehr so sehr wie früher. Wie letztes Jahr noch. Ich bin 26. Keine meiner Ichs davor hätten sich jemals vorstellen können wo ich heute bin. –gut, gerade auf dem Balkon. Aber abgesehen davon. Ich überrasche mich. Oder: etwas lässt mich mich überraschen.

Viel trennt mich von den Ichs die schon mal hier gesessen haben. Kennt ihr das, wenn man sich selbst fremd ist? Nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit? Es gibt Episoden in meinem Leben, Kapitel die geschlossen sind, Lebenswege die abgebrochen wurden, die sich so fremd anfühlen, dass sie kaum meine sein können. Und doch waren sie es. Ich bin immer ich; aber eben doch nicht. Ich weiß nicht ob es da vielen Menschen gleich geht. Vielleicht muss man dazu auch so krasse Kehrtwendungen gemacht haben wie ich es tat und tue, um sich selbst so fremd zu werden. Manchmal fühlt es sich so an als wäre ich ein Puzzle und die Teile ergeben kein Ganzes.

Trotzdem glaube ich, dass uns, alle meine Ichs durch die Zeit, auch wenn uns fast nichts zu verbinden scheint, dieser Balkon und diese Tätigkeit hier verbindet. Hier zu sitzen und zu schreiben und sortieren- das haben wir alle gemeinsam. Das scheine wirklich Ich zu sein.

Ich nenne ihn den Balkon der Wahrheit. Oder der Erkenntnis. Jedenfalls ist er wichtig. Sehr wichtig. Weil er mich zusammenhält, auffängt und erhält. Auf ganz einfache und zugleich absurd komplizierte Art und Weise.

Morgen werde ich zur Diplomatin. Ganz offiziel. Und ganz weit weg von diesem Balkon. Und wenn ich wiederkomme, werde ich wieder anders sein, und mich dennoch hier finden. Das ist kein Versprechen. Das ist die Wahrheit.

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