Es ist 22 Uhr und er sitzt auf meinem Bett.

Er schreibt mir kurz vor 19 Uhr. „Bist du da?“ Ich schreibe zurück: „Ja.“ Weil ich ja auch wirklich da bin. Raus aus dem Haus meiner Eltern und wieder zurück in die Hauptstadt. „Ok! Ich komme zu deinem Zimmer.“

Ich wusste nicht genau wofür oder warum. Ich dachte er hätte vlt eine Frage oder ein Problem. Irgendwie war es wohl dringlich, wenn er sich so unverblümt ankündigt/selbst einlädt.

Keine halbe Minute später stand er vor meiner Tür. 2 Meter Mann grinsen mich mit weißen Zähnen im schwarzen Gesicht an und er umarmt mich und ich atme für einen kurzen Moment in seine obere Bauchregion. Ach was wäre ich gerne ein Stückchen größer. „HI!“, sagt er. „Hallo.“, sage ich. Verwundert. So wie er vor mir steht wirkt das jetzt nicht wie ein Notfall.

Ist es auch nicht. Er kommt mich wohl anscheinend einfach besuchen. Er drückt sich an mir vorbei in mein Zimmer und setzt sich auf…mein Bett. Es gibt einen freien Sessel. Neben dem Bett. Den nimmt er nicht. Irgendwie irritiert stelle ich nun also fest, dass er da ist. Da ist er wohl. Da sind wir wohl. Keine Ahnung was das (bedeuten) soll.

Ich setze mich auf den anderen freien Sessel und warte ab was da jetzt passiert. Spannung liegt in der Luft. Wie sie das immer tut, zwischen uns. Elektrische Verbindung? Ich weiß nie wie ich mit solchen generischen Beschreibungen umgehen soll. Aber vielleicht fühlt es sich so an, diese ominöse elektrische Verbindung? Die Chemie die man in der Luft spüren kann? Die Funken die fliegen? Ich öffne das Fenster.

Zuerst ist das Gespräch recht allgemein. So banal, dass ich schon gar keine Ahnung mehr habe um was es ging, wie ich das hier schreibe. Er beginnt von seinen Sommer und Zukunftsplänen zu erzählen. Er wird noch ein Jahr in Ö bleiben. Nicht heim in den Senegal fahren. Auch den Sommer will er großteils hier verbringen. Ob ich ihm mein Bundesland zeige? Klar doch.

Dann erzählt er viel von daheim. Von seiner Mutter, seinen Geschwistern. Seinem Vater. Seinem Opa, der eine weiße Frau aus Canada geheiratet hat. Ich weiß nicht die wie vielte Frau sie war. Ich habe nicht gefragt. Er erzählt auch von einem Onkel der nur fünf Jahre älter ist als er und viel mit weißen Frauen unterwegs war. Das hat seine eigentlich progressive Mutter verstört. Und in letzter Zeit hat er deswegen viele Diskussionen mit ihr.

Eine weiße Frau zu heiraten, davon wäre seine Familie nicht begeistert. Aber wenn sie schon weiß sein muss, dann doch bitte wenigstens muslimisch. Religion kommt noch vor Hautfarbe. Ich bin also auf allen Ebenen eine ganz und gar inakzeptable Partie.

Der Mann auf meinem Bett sieht das nicht so. Glaube ist doch Glaube- sagt er. Gott ist doch Gott. Wir glauben an den einen Gott. Wir beten ihn nur unterschiedlich an. — ganz so einfach ist es aber natürlich nicht, sage ich und erkläre kurz was kirchenrechtlich relevant ist. Es ist kompliziert. Auf allen Ebenen. Und ich schaffe normal-komplizierte Gefühle und Beziehungen schon kaum.

Ich bin mir nicht ganz sicher wieso er hier ist. Warum er nicht geht. Weshalb er mir alle diese Dinge erzählt. Gestern waren wir bei einer Grillfeier im Garten. Beim Vorbeigehen strich er mir einfach über den Arm. Bewusst. Finger spielend. Es war keine random, sondern eine zärtliche Berührung. Die Kollegin die gerade mit mir im Gespräch war hob die Augenbrauen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich stehe auf und schließe das Fenster.

Er erzählt von dem ersten Präsidenten seines Landes. Der war Christ, in einem fast rein muslimischen Land. Und der jetztige Präsident hat eine religiös bunte Familie. Christen, Juden und Muslime. Ich höre mir das an. Nicke. Sage dass das toll ist. Weiß aber nicht warum er das alles erzählt.

Seine Ex-Freundin war die erste Frau die er seiner Mutter vorgestellt hat. Er überlegte sogar ihr einen Antrag zu machen, aber es fühlte sich nicht richtig an. Und schlussendlich war sie auch nicht die Richtige. Warum genau teilt er mir das mit? Seine Ex meinte immer er wäre nicht gut darin seine Gefühle mitzuteilen und wäre nicht offen genug. Er sitzt seit 2 Stunden auf meinem Bett und macht das mit der Offenheit recht gut.

Nach knapp 3 Stunden ist es draußen dunkel und er geht. „Danke, dass du mich besucht hast.“, sage ich an der Tür und weiß nicht warum ich das sage. Mein Zimmer riecht nach ihm. Mein Bett riecht nach ihm. Ich stehe auf und öffne wieder das Fenster. Bleibe davor stehen und atme tief ein. Ich weiß nicht was du willst. Ob du von mir etwas willst. Etwas das über Freundschaft hinaus geht. Sind das Signale die du mir sendest? War das ein abtasten? Ein annähern? Oder war es einfach nur seltsam? Oder vielleicht doch eher nichts und ich mache aus nichts einen eigenen Beitrag?

Ich bin so schlecht in sowas.

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