Mit dir will ich atmen

Ich weiß nicht was wir sind, aber dein Eintrag in meinem Jahrbuch lässt eindeutig vermuten, dass wir das was da zwischen uns schlummert und brodelt jetzt ausschreiben. Wenn auch noch nicht aussprechen. Oder du es zumindest tust. Denn geschrieben hast du, damit es alle lesen können. Du hast 1000 Worte wo ich glaubte keine zu finden.

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Du bist das Ebenholz zu meinem Schneewittchen-Hautbild und von Anfang an hat die Chemie einfach gestimmt. Das erste Mal sprachst du mich auf den Stiegen zu unseren Wohnräumen an. Ich war auf dem Weg nach unten, du auf dem Weg nach oben. Wir gingen dann gemeinsam und irgendwie trifft das wohl seitdem zu.

Du bist 2 Meter groß und deine Schultern sind so breit, dass du mich mit meiner Zwergenstatur bei Protestmärschen durch Wien darauf setzen und eine Stunde lang herumtragen kannst. Das Foto das jemand von uns machen wird werden sie in den Medien zeigen. Wir zwei, schwarz und weiss, gegen das Schwarz-Weiss-Denken unserer immer noch rassistischen Welt.

Aber wir sind kein Symbolbild. Wir sind weder Ying noch Yang und uns verbinden keine Gegensätze, sondern nur Gemeinsamkeiten. Wenn du meine Hand nimmst dann fühlt sich das richtig an und wenn du lachst dann lacht alles in mir mit dir. Mein Herz kennt keine Farben und meine Augen sehen alles in rosa. Du, mein Großer.

Wenn du alleine unterwegs bist setzen sich Menschen in der U-Bahn nicht neben dich, oder stellen sich am Bahngleis weiter von dir weg. Wenn wir zusammen sind dann kommen öfter dumme Sprüche oder ungenierte Blicke als sonst. Es hat gedauert bis du mir das gestanden hast. Als hättest du mich weiße Frau den weißen Männern meiner Stadt weggenommen. How dare you.

Aber auch an deiner Seite lerne ich nachwievor mehr über Rassismus als dass ich ihn erlebe. Direkt. Der Hass richtet sich meist an dich. Blicke kassieren wir beide. Wörter die wir vorgeben nicht zu hören haben sich nachhaltig eingebrannt. Du wirkst angsteinflößend durch deine Statur und deine ruhige, selbstsichere Präsenz. Selten will es jemand darauf ankommen zu lassen. Aber nachts würden wir trotzdem nicht durch einen Park spazieren.

Alles in mir will sich wehren. Mit Worten. Weil das auch gegen Sexismus meine Waffe der Wahl ist. Aber Rassismus ist anders. Eskalation vorprogrammiert. Sprachlosigkeit ist keine Lösung, aber ein Schutz. Ich will schreien.

Also hast du mir gelernt still zu sein. Hass zu ignorieren. Meine Augen und Ohren abzuwenden. Weg zu gehen. Und ich verstehe das. Weiß, dass es so besser ist um durch den Tag zu kommen. Aber wenn überall auf der Welt der gleiche Rassismus lebt, wohin willst du dann gehen? Wie viele Zugabteile willst du wechseln, bevor du bemerkst, dass dich in jedem davon mindestens eine Person aufgrund deiner Hautfarbe abschätzig behandelt?

Meistens hilft es, wenn wir in der Öffentlichkeit Französisch miteinander sprechen. Absurder Weise trauen sich die Menschen dann nicht so stark zu kommentieren. Ich schätze mal du könntest auch ein Tourist aus Frankreich sein. Touristen sind Devisenbringer, die macht man nicht so leicht blöd von der Seite an. Aber eigentlich sollte das doch egal sein.

Mein Leben mit dir sind Momente von Neuem. Und nicht die Art von „neu“ die man in neuen Beziehungen und Frendschaften kennt. Ich zumindest nicht.

Mit dir lerne ich die Welt anders zu sehen, weil sie dich anders sieht.

Ich will mir nicht anmaßen zu verstehen wie es ist du zu sein. Aber ich weiß wie es ist wir zu sein. Schwarz und weiss. In einer Gesellschaft die zwar keine Armbinden mehr zur Ausgrenzung verteilt, aber zu glauben scheint, dass die Natur das für sie übernommen hat. Wie kann es so viel Hass geben, wo so viel Liebe lebt? Ich bin davon überzeugt, dass wir Worte finden müssen für das was passierte, aber vor allem für das was immer noch passiert. Ich bin nicht so der Typ für silent resistance.

Ich will mit dir atmen, bis es keine Luft mehr gibt. Aber nicht weil sie uns jemand abdrückt.

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