Was du verlierst wenn du gewinnst

Was du verlierst wenn du gewinnst? Meine persönliche Antwort darauf lautet leider: Freunde. Ich habe im Laufe der letzten zwei Jahre wirklich viele Freunde verloren.

Lange war mir das gar nicht so bewusst. Vermutlich auch weil ich es auch nicht wahr haben wollte. Sie sind einfach viel beschäftigt- habe ich mir gesagt. Wir leben nicht mehr in der selben Stadt- habe ich mir gesagt. Ist doch normal- habe ich mir gesagt. Bis ich es eben wirklich überhaupt nicht mehr schön reden könnte.

Die Wahrheit ist, dass viele meiner Freunde einfach keine mehr sind. Dass die mit denen ich studiert habe, nach meinem Abschluss weiter und mit anderen studiert haben, und das was ich als Freundschaft empfunden hatte, nicht über das gemeinsame Studium hinaus ging. Egal wie sehr ich mich auch bemühte. Der Fakt, dass ich schnell(er) studiert hatte als der Rest meiner Crowd, wurde nicht gut verdaut. Mein Einstieg ins Berufsleben kam einer Provokation gleich. Meine Erfolge…nur schwer ertragbar.

Ich habe versucht Rücksicht zu nehmen. Habe nichts von meinem Studienabschluss gepostet. Weil ich den Druck ja selber kenne, und hasse. Auch andere Erfolge behielt ich für mich. Aus Rücksicht. Auch aus Angst. Vermutlich eben diese Angst diese Menschen zu verlieren.

Als ich dann auch noch meinen Beruf aufgab, um- zumindest in den Augen der Anderen- etwas noch krasseres und exklusiveres zu machen…tja. Da war es dann wirklich offensichtlich, dass sie mich mieden. Und das tat weh. Tut es. Nicht nur weil diese Menschen mir etwas bedeuten, sondern auch weil ich sie einfach gern habe. Und ich nicht fassen kann, dass mich Erfolg disqualifiziert.

Mein Freundeskreis ist keiner der besonders erfolgsorientiert wäre. Mehr so chillige künstler-Typen, verlorene Träumer und Kinder, die mit knapp 30 noch studieren, und das Leben am liebsten von der Liege aus beobachten. Ein bisschen bin ich auch so. Aber eben dann doch nicht. Eigentlich dachte ich nicht, dass das tatsächlich ein Problem wäre.

Ich würde gerne sagen, dass mir alles egal ist. Dass es mir egal ist wie lange ich studiere, wie erfolgreich ich mich weiter drehe und durchwurschtle und wo ich in 10 Jahren bin  Und ich würde es dann auch gerne so meinen. Ich würde gerne ihren Rat annehmen, es den anderen gleich machen und einfach auf alles scheißen, alles hinschmeißen, der Welt und den Dingen die mich anfucken meinen Rücken zudrehen, und ganz eigene und neue Wege gehen. Die x-te Prüfung zum 1000 Mal absagen, anstatt sie zu schreiben, und dir Seminararbeit nie abgeben.

Aber ich tu es nicht. Tat es nicht. Tu es nicht, nicht weil ich es mir noch nie gewünscht hätte, oder es vielleicht auch noch nie getan habe, sondern weil das nicht ich bin. Weil ich aus dem einen Weggehen früher gelernt habe, dass es mir widerstrebt. Nicht authentisch ist. Weil ich eine von denen bin die bleibt. Und kämpft. Und den struggle lebt. Weil alles vor dem du wegläufst, dich einholen wird. Weil alles was du aufgibst, an dich zurückgesendet kommt. Ewig präsent ist. Nichts ist weg, weil du weg bist. Alles ist da. Ständig. Immer.

Nicht weil ich masochistisch bin, bleibe ich, auch wenn es verlockend wäre aufzugeben, sondern…weil ich an den Kampf glaube. Weil ich schon so oft erfahren habe, dass er sich lohnt. Dass ich mich in ihm entwickle, größer werde. Besser werde. Ich werde. Weglaufen. Augen zu halten. Das ist einfach nicht mein Konzept. Und es muss das Konzept von niemandem sein. Aber es darf. Ich würde nie jemanden deswegen anders anschauen.

Ich würde gerne sagen, dass mir alles egal ist. Hinschmeißen und weggehen. Nicht mehr zurück schauen, und neu anfangen. Aber weder ist mir alles egal, noch könnte ich mich in zweiter Sache belügen. darin belügen nämlich, dass es anderswo anders ist. Neu. Dass ich anderswo anders und neu bin. Nein. Und selbst wenn. Auch das hier kann anders werden. Besser. So besser wie es wo anderswo, wo ich nicht bin, mir aber denke es könnte besser sein, besser sein könnte.

Gerade bin ich wütend. Wütend, dass ich Menschen verliere, die mich über Jahre begleitet haben. Menschen die mir nahe waren. Menschen die mir bei der ersten Kleinigkeit raten aufzugeben. Wegzugehen. Hinzuschmeißen. Aber wo wäre ich denn dann, wenn ich das immer so gemacht hätte?! Nicht da wo ich jetzt bin. Weit weg von ihnen. Weil sie im Scherbenhaufen ihrer jungen Leben sitzen, und nicht aufstehen und zusammenräumen wollen, sondern nur von Haufen zu Haufen ziehen und neue Trümmerlandschaften hinterlassen.

Es ist erst jetzt, dass mir so wirklich bewusst wird, wie wenig diese Menschen nicht nur in den letzten Jahren keine Freunde waren, sondern vielleicht überhaupt. In meinem Weiterkommen hat sich nicht nur niemand von ihnen mit mir gefreut, nein…sie haben es sogar versucht zu verhindern. Nicht meinetwegen. Ihretwegen. Weil unzufrieden und unglücklich sein irgendwie nicht so toll alleine ist?

Vielleicht liest sich das zu dramatisch. Längst aber noch nicht dramatisch genug. Ich weine. Weine, weil meine Freunde glauben mein Leben wäre einfach und perfekt und ich einfach nur besonders begabt, und lasse mir alles in den Schoß fallen. Bullshit. Nichts könnte ferner sein. Ferner an mir und meiner Wahrheit. Und wie sie mich alle zurückgehen wollen sehen. Ihr „Gib auf!“ kommt aus keinem fürsorglichen Herz für mich gesprochen. Die Unzufriedenheit macht sie zu schlechten Freunden. Zu unglücklichen Menschen.

Ich würde gerne sagen, dass ihnen nicht alles egal ist. Dass ich ihnen nicht egal bin. Ich würde es dann auch gerne so glauben. Aber ich kriegs nicht hin. Ich bin keine Gewinnerin. Ich bin eine Kämpferin. Und das macht mich einsam. So unendlich einsam. Weil das keiner sehen will. Zumindest niemand von den Menschen die doch eigentlich meine Freunde hätten sein sollen. Langsam lerne ich, dass ich nicht immer wieder in mein Dorf, oder meine Uni-Stadt fahren muss, um sie zu sehen. Weil sie mich eh nicht sehen wollen. Weil die Ausreden immer unkreativer werden. Oder die Antworten ausbleiben. Haben sie mir einfach nichts mehr zu sagen, oder wollen sie nur das nicht hören was ich zu sagen hätte?

Ich bin keine andere. Aber ich werde wohl dazu. Auch aus dem Grund, weil sie mir keine Türe mehr offen lassen.

Man kann nicht alles haben- sage ich mir. Du wolltest Veränderung. Du bekommst sie. Schaffst sie dir selbst. Lebe damit. Lebe sie. Die Konsequenzen.

Das tut jetzt weh. Ich weiß das. Ich lasse es zu. Ich gewöhne mich daran. Arbeite mich noch ein bisschen daran ab. Zwei Freundinnen sind mir geblieben. Frauen die stark genug sind mich stark sein zu lassen. Menschen die MICH sehen und mögen und lieben. Das sind keine perfekten Freundschaften. Aber es sind welche. Und das macht sie perfekt.

Trotzdem. Es ist mir nicht egal.

Und ich muss mich daran erinnern: Das ist meine Stärke.

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Annas Welt sagt:

    Seinen eigenen Weg zu gehen kann manchmal recht einsam sein aber um so schöner ist es wenn man sieht wohin einen die eigenen Füße getragen haben und zu welchen schönen Aussichtspunkten man gekommen ist weil man seinem eigenen Herzen gefolgt ist.

    Gefällt 1 Person

    1. Schön ausgedrückt. Ich hoffe ich kann auch öfter das Positive darin erkennen

      Gefällt mir

  2. Kim sagt:

    I feel you. Bei mir hat sich auch gerade das letzte Jahr viel gelichtet was Freunde angeht. Früher hätte ich das furchtbar gefunden. Heute trauere ich diesen Leuten nicht mehr nach. Nicht aus Frust o Verbitterung, sondern weil es schöner ist zwei tolle Freunde zu haben, als zig Leute, mit denen man iwie Zeit verbringen kann, aber bei denen man sich nicht wirklich angenommen und wohl fühlt. Zeit ist so kostbar.

    Gefällt 1 Person

  3. Wolfgang R sagt:

    Ich kannte bislang nur die Variante dass „Not“ zeigt wer tatsächlich Freund ist. Und Du hast gleich zwei davon!

    Gefällt mir

  4. Maria sagt:

    In der heutigen Zeit ist es schlicht zu einfach geworden, langfristige Ziele fallen zu lassen und sich seine Bestätigung per Express von woanders zu holen…. Menschen, die kämpfen und streben, sind anstrengend, machen sie doch das aufgebaute Selbstbild kaputt.
    Doch es gibt noch Menschen, die ebenso streben und kämpfen und wollen! Eins, zwei davon sind mehr wert als ein Haufen Leute, die dich nur runterziehen wollen! Es ist hart, ich weiß… Doch ich hoffe, du kannst dennoch glücklich werden!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine Worte. Sie ermutigen mich ein bisschen!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s