Das Letzte (bist du)

Es ist spät in der Nacht und wir sitzen bei offenem Fenster auf den viel zu kalten Stiegen, an einem Ort der mir jedes Mal weniger vertraut wird. Aber du bist hier, und ich glaube ich mag deine Präsenz mittlerweile, und dass du bei Liebeskummer wegen anderen Mädchen, dann zu mir kommst um mit mir drüber zu reden, das ist…oke. Eine klare Funktion im Leben eines Menschen zu erfüllen kann gut sein.

Ich werde hier nicht deinen Liebeskummer teilen. Der gehört dir- alleine. Weil sie, die Frau um die es immer wieder bei dir geht, ihn ja gar nicht empfinden kann. Aber ich muss zugeben, dass dir zuzuhören, mir gut tut. Gut, weil ich das erste Mal Beweise habe, dass es auch Männer so erwischen kann- im Gefühls-und Gedankenchaos. Dass auch ihr, wenn ihr verliebt seid, keine Grenzen kennt. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Es macht mir unmissverständlich klar, dass schon lange niemand mehr wirklich in mich verliebt gewesen sein kann.

Dein verletztes Herz will ich heilen. Bin aber machtlos, und weiß darum. Also erzähle ich dir von dem zweit schlimmsten Erlebnis in meiner Liebesgeschichte. Von dem Satz: „Du bist nicht das Letzte woran ich denke wenn ich einschlafe, und nicht das Erste woran ich denke wenn ich aufwache.“

Dem Mann auf der Stiege neben mir stockt der Atmen und ihm springen fast die Augen aus dem Kopf. „WHHHAAAAAT?“, ruft er. Nicht weil er extra dramatisch sein will, sondern weil unsere gemeinsame Sprache Englisch ist.

Ich grinse, weil ich ein kleines bisschen des Schmerzes sehe, den ich damals empfunden habe. Ja. Das tat damals schon weh.

Der Mann auf der Stiege ist fassungslos. Ein fürchterlicher Korb! Wie habe ich das nur überstehen können? Gute Frage. Vielleicht weil ich nicht drüber stand, sich das mit mir und dem Mann, der das damals zu mir sagte, danach trotzdem nicht für mich erledigt hatte -ich den Korb versuchte mit Hoffnung zu füllen. Weil ich dumm war. Weil Verliebtheit dumm macht. Blind und taub und dumm.

Der Mann auf der Stiege will mehr über den Mann wissen der ganz offensichtlich „das Letzte“ ist, wie er ihn mit russischen Akzent bezeichnet. Ich lache ein bisschen über die Empörung, die ein anderer über meine Abfuhr empfinden kann. Viel erzähle ich aber nicht. Nur, dass es letztlich dieser Satz ist, festgehalten auf diesem Blog, der mich davor bewahrt wieder auf ihn hereinzufallen. Mich ihm und mir und irgendwelchen Gefühlen wieder auszusetzen.

Es war nicht das Letzte, was „das Letzte“ zu mir gesagt hat, aber es war das Letzte das blieb. Das was bleibt. Letztlich, das was mich rettet.

Ich hoffe für den Mann auf der Stiege, dass seine Wortnarben irgendwann auch zu extra starken Schwielen werden, und sie ihn davor beschützen werden wieder dumm zu sein.

„Du bist nicht das Letzte woran ich denke wenn ich einschlafe, und nicht das Erste woran ich denke wenn ich aufwache.“ -fast poetisch. Und heute irgendwie zum Lachen.

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wolfgang R sagt:

    aber wenigstens war er ehrlich…

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    1. Absolut. Wobei das auch relativ war. Mal so, mal so.

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  2. „Du bist nicht das Letzte woran ich denke wenn ich einschlafe, und nicht das Erste woran ich denke wenn ich aufwache.“

    Völlig unabhängig vom unerfreulichen Kontext: Dieser Satz ist toll.

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