Der Baklava-Boy

Ich lerne für Verfassungsrecht. Das heißt eigentlich tue ich es nicht. Aber ich sollte es wirklich tun, und die Bücher dazu liegen auch offen vor mir, aber…nein. Ich lerne nicht. Ich schnupfe und prokrastiniere vor mich hin und starre aus meinem Fenster in den Schulhof der Schule gegenüber, der leer aber hell erleuchtet ist. Bewegungssensoren. Schrecklich. Ich frage mich was den ständig angehen lässt und wie minimal die Bewegung oder der Bewegungsauslöser sein muss, um die Flutlichter angehen zu lassen. Schon komisch, dass sie die in der Nacht nicht ausschalten.

Wo war ich?

Achja. Ich lerne nicht für Verfassungsrecht. Es ist gar nicht so uninteressant, aber ich bin zml krank und zml unmotiviert, und die Umstände sind ziemlich schlecht, denn während aus meiner Nase der Rotz läuft, läuft aus meiner Vagina die Monatsblutung und ich fühle mich aufgebläht und unsexy und ungemütlich. Nicht dass ich mich sexy fühlen muss um Verfassungsrecht zu lernen, nein, aber vielleicht würde es mir jetzt gerade auch ein bisschen helfen.

Es klopft an meiner Zimmertüre. Nichts in mir will aufstehen. Nichts in mir will zur Tür gehen. Nichts in mir will jetzt mit irgendjemandem vor meiner Tür Konversation führen müssen und meinen Füchse-auf-Fahrrädern-Pyjama präsentieren. Wobei- der Pyjama ist vielleicht ohnehin das Coolste meiner Besitztümer.

Es klopft erneut. Ich steh auf, geh zur Tür und öffne P. P studiert hier mit mir und ist mit seinen vorherigen Studien ähnlich exotisch wie ich in dieser altehrwürdigen Institution. Das verbindet.

Er trägt seinen eleganten schwarzen Mantel und einen Schal der zu seiner Anzughose passt, und überreicht mir wortlos ein kleines, in Alufolie eingewickeltes, Päckchen. Honig tropft auf meine Finger, und meine Augen werden vermutlich so groß wie mein Mund, von dem mir gerade die Kinnlade herunterklappt. BAKLAVA!!

Ich lasse ihn an der offenen Tür stehen, und laufe zu meinem Tisch wo ich eine Serviette habe um den Teller mit Baklava abzustellen. Sein Zoll ist bezahlt und P weiß, dass er mir in mein Zimmer folgen darf. Ich schlecke meine klebirgen Honigfinger ab und schenke ihm Eierlikör in das einzige Glas das ich hier besitze ein, und frage Alibi-halber ob er was von den Nuss und Pistazien-Baklava haben will. He knows better than to say yes.

Wir sitzen uns gegenüber, draußen geht das Flurlicht an und aus, und mein Mund ist voller klebrig süßer Köstlichkeit. Verfassungsrecht ist vollkommen vergessen.

„Das Armband is voll schön“, sagt der Baklava-Boy zu mir und deutet mit seinem Kopf an mein Handgelenk, an dem ein, zugegeben sehr hübsches, Kugel-Armband mit einem Kreuz, aus Muranoglas (oder so ähnlich) baumelt. Ich drehe meine Hand und betrachte es auch nochmal genauer. Ja, es ist wirklich nett. „Hat mir ein Freund aus dem Vatikan mitgebracht.“, sage ich und muss grinsen.

„Der Typ der mir das mitgebracht hat ist übrigens auch für meine Baklava-Liebe verantwortlich.“, schmunzle ich, und beginne dann von ihm zu erzählen. Es ist das erste Mal, dass ich wirklich mit jemandem über ihn spreche. Das erste Mal seit über einem Jahr dass ich ihn gegenüber irgendjemandem erwähnt. Aber auch so. Ich rede nicht über ein ausgelöstes Drama durch ihn, sondern einfach nur von ihm. Und von Baklava in Tirol. „Ich glaub, so gute wie damals hab ich echt nie mehr gegessen.“, denke ich laut nach.

„Also ist er der „Original-Baklava-Boy“?“, fragt P. Ich schüttle den Kopf, dass mein Pferdeschwanz-Zopf fliegt. Fühlt sich irgendwie nicht richtig an das so zu sagen. „Du bist Baklava-P!“, rufe ich und stopfe mir das klebrige Gold weiter in den Mund. „Er ist einfach…“ -der Froschprinz. Aber das sage ich nicht laut.

„Okay!“, sagt Baklava-P. und sieht wieder viel glücklicher aus. „Dann besuchen wir jetzt bis zum Sommer alle Baklava-Läden Wiens, bis die Baklava aus Tirol aus deinem Kopf verschwunden sind!“, verkündet er, und es klingt so ernst, dass ich kichern muss. „Okay?!“, ruft er viel zu laut. „Okay!“, lache ich noch lauter und schlage in seine dargebotene Hand zum High-Five ein.

Baklava-Boy is on a mission.

 

 

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