Loslassen

Ich hasse siedeln. Ich hasse es! Ich hasse es! Ich hasse es! Dass ich in nicht mal einem Jahr nun 2x umziehe ist für mich wirklich eine Art persönlicher Albtraum. Aber es kommt noch schlimmer.

Einmal bin ich mit 18 von Zuhause ausgezogen und gleich zu meinem Freund übersiedelt. Damals nahm ich teile meiner Kinderzimmereinrichtung mit und alles an Habseligkeiten die man als fast erwachsener Teenager nun mal so besitzt. Ein paar Bücher, ein paar mehr Kleidungsstücke. Alles hatte in einem Zimmer Platz. Was vor allem daran lag, dass ich in einem Hasuhalt wohnte, den ich nicht führen musste.

Nach drei Jahren beim Ex-Freund und seiner Familie, mietete ich in meiner Uni-Stadt, in der er nicht wohnte und zu der ich unter vielen Kosten und Mühen aufwendig pendeln musste, ein WG-Zimmer an. Was ich nicht wirklich überblickte war, dass ich nun quasi zwei Standorte irgendwie zu füllen begann. Ich wollte es schließlich da wie dort „heimelig“ haben und für mich hieß das Kerzen, Bücher, Teppiche, Pölster etc. etc. etc. anzusammeln. Weiße, leere Wände und Flächen erschienen trost-und sinnlos.

Zwei Jahre in der Wohnung waren vergangen und die Beziehung zum Ex-Freund ging genau dann in die Brüche, als meine WG-Mitbewohnerin das Bundesland wechselte. Nachdem ursprünglich ich zu ihr in eine vollmöblierte Wohnung gezogen war und nur mein eigenes Zimmer möblieren und ausstatten musste, stand ich plötzlich einer enormen Utensilien-Armut gegenüber. Also kaufte ich ein. Geschirr und Töpfe, Besteck, Bügelbrett, Wohnzimmer-Garnituren. Der neue Mitbewohner brachte wenig mit. Ich wusste, dass ich mir da gerade eine komplette Wohnung einrichtete und…war glücklich darüber. Endlich wollte ICH irgendwo zuhause sein und ankommen. Nicht nur irgendwo fremd dazukommen und sich einfügen müssen. Mein Besitz gab mir Sicherheit. Die Sicherheit irgendwo eine Platz zu haben, wo alles von mir Platz hat. Wo ich Platz habe. Ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann. Sowohl der Auszug aus meinem Elternhaus, als auch vom Haus meines Ex-Freundes war eine ziemlich traumatische Erfahrung gewesen.

Nach nicht ganz zwei weiteren Jahren in nunmehr „meiner“ Studentenwohnung, schloss ich mein Studium ab und nahm einen Job an einem komplett anderen Ort und Teil des Landes an. Wieder ein Umzug. Diesmal aber richtig. Mit Sack und Pack und endlosen Stapeln von Umzugskisten ging es für mich in eine neue Wohnung. In der ich mich wiederum so einrichtete, als würde ich hier wohnen bleiben. Was generell keine total absurde Idee war, aber eben doch unwahrscheinlich. Trotzdem, erweiterte sich mein Hab und Gut auch in dieser Episode meines Lebens wieder. Ich lebte das erste Mal alleine in einer Wohnung, die nochdazu knapp 90 m2 zählte, und auch die Besitztümer des ehemaligen Mitbewohners standen mir nun nicht mehr zur Verfügung. Vielleicht kann man sich das schlecht vorstellen, aber am Ende des Tages ist jeder Mistkübel, jeder Suppenschöpfer und jeder Teppich ein weiteres Besitztum und…diesmal fühlte es sich nicht mehr gut an. 

Vermutlich schon beim Auszug aus der Studentenwohnung, spätestens aber mit meiner Ankunft in meiner jetztigen Wohnung und dem erneuten Versuch mich irgendwo zuhause zu fühlen und es mir „gemütlich“ zu machen, begann mich mein Besitz zu belasten. War ich zuvor ein Fan von Deko-Artikeln gewesen und konnte mich an Tischdecken, Kerzenständern und Zierfigürchen erfreuen, so scheute ich diese nun und verbannte sämtliche Deko-Artikel aus meinem Einkaufskorb und Leben. Auch bei Büchern machte ich einen ganz klaren Cut und kaufte im vergangenen Jahr so gut wie überhaupt keine mehr. Was für mich, wenn man mich im echten Leben kennt, wirklich komplett ungewöhnlich ist. Und trotzdem, auch wenn in diesem Bereich so gut wie nichts mehr dazukam, wuchs mein persönlicher Haufen an Zeugs.

Nun stehe ich erneut inmitten von Umzugsschachteln und Kartons und bekomme fast schon schlecht Luft, so erdrückt fühle ich mich. Bei diesem Umzug, wollte ich von vornherein wirklich ausmisten und meinen Besitz reduzieren, fühle mich jetzt aber fast von allem erschlagen. Meine nächste Station wird nämlich keine eigene Wohnung, und auch keine weitere WG sein, sondern ein Zimmer in einem Art Studentenheim.  Dort gibts es sicher viel–aber keinen Platz. Nichtmal Möbel brauche ich dort. Alles schon da. Ich bin überfordert.

Was ich hier mache ist nicht nur einfach umziehen, was wie gesagt schon ein echter Albtraum für mich ist, sondern es kommt viel eher dem Auflösen eines gesamten Haushaltes gleich. Ich werde nicht nur nächstes Jahr, sondern auch in den kommenden Jahren darauf, allerhöchstwahrscheinlich keine Art Eigenheim mehr für eine längere Zeit bewohnen. Der Lebensstil für den ich mich entschieden habe, erfordert Flexibilität und das beständige wechseln des Lebensortes. Ich werde künftig mein Leben felxibel in Koffer packen müssen. Und das am besten in nicht mehr als zwei.

Oh no.

Sich von vielem, also fast allem, zu trennen ist anstrengend. Für jemanden der eigentlich so sehr an Gegenständen etc. hängt ist es nochmal mehr ein schmerzlicher Prozess als für andere. Viele meiner Bücher verschenke ich. Das fällt mir wirklich nicht leicht. Kleidung spende ich meist und das Ikea-Geschirr entsorge ich im Hausmüll. Was die Möbel betrifft, so ist es komplizierter. Erstens, wohne ich gerade im Outback und hier stellt man nicht einfach Möbel ins Internet und hofft, dass sie abgeholt werden…das funktioniert hier so leider nicht. Zweitens muss viel davon ohnehin entsorgt werden, weil Ketten-Möbel mehrmaliges umziehen, aufbauen und abbauen, einfach nicht gut überstanden haben und überstehen. Das alles stresst mich ungemein…vor allem weil ich damit alleine bin.

Was mir durch all das nun wahrhaftig klar geworden ist, ist, dass ich nie mehr so viel Besitz haben will wie jetzt. Ich möchte mich nicht mehr so erdrückt und gefangen fühlen und mich so sorgen müssen. So wie ich bis jetzt gelebt habe, kann ich nicht in meine Zukuft gehen. Weil bei der doch gerade das beständige „Gehen“, so ausschlaggebend ist. Und dieses Lebenskonzept ist vollkommen neu für mich. Bis dato habe ich vermutlich immer das Hof-Prinzip für mich gelebt. Soll heißen, dass ich dort wo ich bin bleibe. Oder mich zumindest daraufhin so ausrichte. Man wird am Hof geboren- man stirbt am Hof. Für meine Familienmitglieder stimmt das wohl weitestgehend. Aber für mich nicht.

Weniger ist nicht mehr. Zumindest noch nicht, für mich. Weniger ist einfach nur weniger, aber gerade das braucht es. Ich weiß nicht, ob mich das Wegschmeißen und Reduzieren tatsächlich freier macht…aber was ich weiß ist, dass Besitz mich belastet. Irgendwie bin ich nicht nur dabei umzudenken, das habe ich im letzten Jahr schon begonnen, sondern dabei mir einen neuen Lebensstil anzueignen. Vielleicht nicht unbedingt aus kompletter Überzeugung, aber aus Notwendigkeit heraus. Wenn euch das also interessiert, dann werde ich euch auf diese seltsame Reise mitnehmen. Vom Kleiderschrank- ins Gefühlschaos oder so ähnlich. I don’t know.

Ich bin kein Minimalismus-Gurur und ich will auch wirklich keiner werden. Aber ich glaube auch, dass ich ein Problem habe. Ein Problem mit Zeugs. Zeugs das ich besitze und solches das ich besitzen will, oder auch einfach nur so anhäufe. Ich will hinterfragen warum. Warum ich zB schon vor Jahren verstanden habe, dass keine 15 Jeans brauche, und dann trotzdem wieder welche bestelle und kaufe. Vielleich im Sinne des trendigen „declutterns“ dann mal welche wegschmeiße, nur um mir im nächsten Augenblick einfach wieder neue in meine Höhle zu schleppen. Macht doch keinen Sinn!? Weder finanziell, noch eben für mein Wohlbefinden, wies aussieht.

Ich habe so viel zu viel, und dann gleichzeitig aber auch so viel zu wenig. Die Balance ist mir abhanden gekommen. Bzw weiß ich eigentlich nicht, ob ich sie jemals hatte. Als eigenverantwortliche erwachsene Frau. Damit MUSS ich mich jetzt beschäftigen. I have too much stuff.

 

Titelbild Quelle

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. m1ndfuckblog sagt:

    Bin auch grad ziemlich in Umbruch-Stimmung (wenn auch nicht räumlich) und mir wird grad bewusst, wie viel ich besitze. Freue mich schon aufs Verschenken, insbesondere von Kleidung.

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    1. Wenn du Freude dran hast, dann passt ja. Bei mir is es im Moment nur Stress

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      1. m1ndfuckblog sagt:

        Das tut mir leid 🙁 hoffe es wird bald weniger Stress

        (den hatte ich btw auch zu Genüge an anderen Stellen)

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      2. Ganz ohne geht’s eh nie. Aber bei mir is es grad so ein richtiger Existenz-Stress 😥

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      3. m1ndfuckblog sagt:

        Wird besser, ganz bestimmt 😘

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  2. ballblog sagt:

    Hach ja, ich kann zum Glück vieles unter „Archiv“ deklarieren, was sich im Laufe der Jahre so angehäuft hat. Und ausreichend Platz hat es hier auch…

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  3. christophrox sagt:

    Schluss mit Hygge 😤

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    1. Na! Hygge im Herzen bleibt!

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      1. christophrox sagt:

        Das Herz sollte man auch ab & zu entrümpeln.

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