Auf der anderen Seite des Lebens

Hanna war 19 Jahre, als man den Krebs entdeckte, der sich in ihr festgefressen hatte. Sie im Krankenhaus zu besuchen war die Hölle. Ihr dabei zuzuschauen wie ihr die langen Haare ausgehen, musste ich nicht, weil wir sie abrasierten, als die ersten Büschel Haare in ihrem Bett lagen. Hanna hat viel geweint am Anfang. Als sie damit aufhörte, wusste ich, dass auch Hanna aufhören würde. Ausgesprochen hat das aber keiner. Ich denke, weil es offensichtlich war. Der Tod liegt in so einem Raum sprichwörtlich in der Luft. Wenn man sich konzentriert, kann man ihn sogar riechen. Irgendwie eine Kombination aus Angst, frischen Laken und Desinfektionsmittel.

Hanna habe ich sterben sehen. Ganz langsam. Ganz grauenvoll. Stück für Stück. Und ich habe verstanden, dass sterben auf diese Art, nichts für Anfänger ist. Sterben ist etwas für Mutige und solche die es dadurch werden.Hanna lebte immer lieber in den Tag und in ihr Leben hinein. Nur sterben war anders. Sie starb nicht in den Tag hinein, oder aus dem Tag heraus. Nein, Hanna wusste sehr genau wann es vorbei sein würde. Und das ist dann vielleicht die Ironie des Lebens und des Sterbens die sich da die Hand gibt.

Wir haben nicht viele philosophisch existentialistische Gespräche geführt, als Hanna so langsam im Krankenhaus und später im Hospiz vor sich hin starb. Nicht so wie in Filmen. Aber an einen Nachmittag kurz vor Weihnachten erinnere ich mich noch. Es war einer dieser Tage an denen das Ende wieder sehr nahe war. Hannas Ende. Einer dieser Tage der auch den gesunden Menschen in so einem Kranken-Raum die Luft zum Atmen und den Lebenswillen raubt. An diesem Tag weinte ich das erste und letzte Mal mit ihr gemeinsam an ihrem Bett. Verlust spürten wir beide und er ergoss sich in wässrigen Perlen. Ich spüre ihn immer noch und ich hoffe du bist von all dem befreit.

Meine Freundin Hanna war nicht gläubig, aber an diesem Tag sprach sie von einer anderen Seite. Von einem anderen Leben. Von irgendeinem Ort irgendwo an dem wir uns vielleicht wiedersehen. Vielleicht mehr für mich als für sich, aber gesagt hat sie es trotzdem. „Auf der anderen Seite.“, sagte sie, drückte mich und wir weinten beide so hässlich wie man nur mit verrotzen Teenager-Nasen aussehen kann.

Als du Wochen später dann für immer aufgehört hast mich festzuhalten, mich anzulachen, mich zu schimpfen und zu leben, da stand ich an deinem Bett. Ich stand weiter hinten. An die Wand gelehnt und ich musste die Augen schließen, weil ich dich nicht anschauen konnte. Weil ich deine Mutter und deinen Bruder nicht anschauen konnte. Weil ich das Leid so intensiv spürte, dass ich es nicht auch noch sehen konnte. Ich musste aus dem Mund atmen, ganz langsam, weil plötzlich nichts mehr nach dir und alles nur noch nach Tod roch. Irgendwie hatte ich gedacht besser mit diesem Moment umgehen zu können. Mein Blick fiel anstatt auf dich, auf das Fenster und ich ging wie in Trance hinüber und öffnete es. Damit deine Seel, damit du auf die andere Seite gehen kannst. „Auf die anderen Seite des Lebens.“–wie du es ausgedrückt hast. Was auch immer dort ist…. Hoffentlich du.

In meinem menschlichen Trauer-Herz brauchte es dafür ein offenes Fenster. Irgendwann haben sie es wohl geschlossen, aber hin und wieder öffne ich dort wo ich gerade bin ein Fenster, auch nur einen Spalt breit und denke dabei an dich…nur für den Fall, dass du mich von der anderen Seite besuchen kommen willst. 😉

 

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