Das Glück der Anderen

Dieser Text wird sich jetzt vermutlich so fürchterlich lesen wie es sich anfühlt ihn zu schreiben. Es ist 5 nach Mitternacht und in ein paar Stunden muss ich wieder aufstehen und Kinder bespaßen, damit sie nicht merken, dass sie gerade etwas lernen. Die Pubertiere. Aber das ist in den letzten Monaten zur Routine geworden. Das geht. Das kann ich. Weiter im Text.

Vor 15 Minuten habe ich ein Telefonat mit einer Freudin beendet. Eine Freundin, der ich meistens ferner als nah bin und das auf eine noch nicht ganz einfach zu erklärende Weise. Auch Nähe erzeugt Distanz, stelle ich fest und bin davon irgendwie fasziniert. Sie hat gefragt ob ich noch wach bin. War ich. Gerade noch so. „Joa. Grad noch so.“ schrieb ich also mit noch einem offenen Auge zurück. Keine zwei Sekunden später rief sie mich an und das war okay. Weil ich eine ihrer Krisen witterte und sie auch für meine da ist. Ich stellte mich auf ein langes Telefonat ein.

Es geht ihr gut. Sie ist glücklich. So richtig. Alle ihre Mädchenhirnträume werden gerade wahr. Und sie hat auch beinahe unverschämt unmenschliches Glück. Sie hat den Traummann über Tinder gefunden. Der erste Typ mit dem sie sich getroffen hat. Mit dem sie seit gestern nun fix zusammen ist. Sich von ihm Freundin nennen lässt und ihn als Freund bezeichnet. Mit ihm am weihnachtlichen Riesenrad über die nächtliche Stadt schaukelt und Abends kuschelnd Ana Karenina Hörspiele hört. Der mit ihr in die Kirche geht. Weil es ihn interessiert. Weil er offen ist und reflektiert und Teile ihres Lebens kennenlernen will, weil er Teil ihres sein will. Es ist mit knapp Mitte 20 ihre erste Beziehung. Dafür jz aber richtig. Sie hat Glück. Und sie hat es verdient. Aus mir schreibt gerade kein Neid. Oder wenn, dann nur ganz ein kleines Bisschen- gefüttert vom Ärger.

Ärger deswegen, weil meine Freundin nicht aufhören kann ihr Glück zu boikottieren. Es zu negieren. „WARUM ICH? WARUM MAG DER MICH?“, plärrt sie mir ständig hyper-ventilierend ins Telefon. Irgendetwas in mir will: „ICH WEISS ES AUCH NICHT! FRAG IHN HALT!“, zurück schreien. „Weil du schön, stark und interessant bist und er das erkannt hat. Weil du liebenswert bist.“ Wiederhole ich stattdessen seit Wochen. Und meine es auch so. Langsam aber merke ich, dass ich müde werde. Nicht nur gerade, weil es spät ist, sondern generell. Meine Freundin hat gerade alles was ich mir seit zwei Jahren wünsche. Alles und mehr was sie sich je gewünscht hat! Und trotzdem: sie lässt es nicht zu. Braucht immer noch mehr und noch mehr Bestätigung und findet kein Ende. Das saugt mich aus. Emotional. Einerseits verstehe ich sie, andererseits kann ich im Moment fast keine emotionale Spannweite mehr dafür zur Verfügung stellen. „Reiß dich zusammen!“, sage ich ihr; weil sie langsam anfängt in mir Wunden aufzureißen mit ihrer himmelschreienden Undankbarkeit!

Für sie ist ihr Glück vielleicht tatsächlich anstrengend. Für mich ist das Glück der Anderen anstrengend. Zumindest ihres. Ich weiß nicht, ob ich eine schlechte Freundin bin, oder ob es eine schlechte Freundschaft ist. Ich mein immerhin sind Freunde vermutlich genau dafür da. Aber ich bin müde. Ich will einfach nur schlafen.

 

Oh und sie stalkt gelegentlich diesen Blog. Also an dieser Stelle: Hallo Micherl! Das ist einer meiner mitten-in-der-Nacht-Texte, also nimm ihn dir nicht allzusehr zu Herzen. Morgen bin ich wieder mit mehr Energie und Verständnis und Herzkapazität ausgestattet und dann passt auch wieder alles. Trotzdem: Hör endlich auf mit dem Scheiß! Das kann ja jetzt nicht noch ein paar Monate so weiter gehen, dass ich dir ständig bestätigen und vermitteln muss wie super es gerade für dich läuft. Nimms einfach an und sei glücklich. Dann kann ichs auch für dich sein. 🙏

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kim sagt:

    …das Leben der A

    Gefällt mir

  2. ballblog sagt:

    Ja, sowas nervt mitunter…..

    Gefällt mir

  3. Ich versteh dich. So einen Moment hatte ich vor kurzem auch.

    Gefällt 1 Person

    1. Hach dann komm ich mir schon nicht mehr ganz so schrecklich vor 🙏

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s