Der schizophrene Beziehungsstatus

Ich habe keine Lust auf Dates. Ich habe nicht mal Lust neue Leute kennenzulernen. Aber ich zwinge mich dazu, weil ich mir einrede mich zu meinem Glück zu zwingen. So wie es jetzt ist, komme ich nicht weiter. In keinem zwischenmenschlichen Bereich. Und ich will, dass es weitergeht. Nach zwei Jahres muss jetzt endlich mal was passieren, das auch wirklich etwas verändert. Längerfristig. An meinem Beziehungsstatus vielleicht nur indirekt. Überwiegend einfach auf mein Leben bezogen. –soviel zumindest zur Theorie vor dem erneuten getindere.

Es ist anstrengend ganz alleine zu wohnen. Es ist auch schön, aber es ist vor allem anstrengend. Die Wohnung ist so groß und ständig funktioniert etwas nicht oder geht kaputt oder muss von einem Profi unter die Lupe genommen werden. Das Klo. Der Kühlschrank. Der Herd. Die Dachfenster. Die Dunstabzugshaube. Das fucking Türschloss. Das nervt. Es nervt auch, dass das Auto dann plötzlich streikte und der Tunnel brannte und man einfach alles alleine ’schupfen‘ muss, wie der gemeine Ösi sagen würden. Dabei ist es gar nicht so ein großes Problem, dass ich Dinge ‚alleine‘ mache, weil ich das eigentlich eh sehr begrüße, sondern, dass ich in allem und ständig alleine bin. Das zehrt und nagt an mir und macht das Leben neben dem Job und den ganz generellen Verpflichtungen wie waschen, kämmen, bügeln, anziehen etc. zu einer freudlosen (Haus)Aufgabe.

Irgendwie ist niemand da mit dem ich das alles teilen könnte. Wen rufe ich an, wenn ich Sorgen habe? Panik? Mich vielleicht zwischendurch mal in aller Überforderung freue? Die Antwort lautet zur allgemeinen Überraschung meistens: meine Mutter. Schon weil ich sie mag, aber hauptsächlich deswegen, weil ich einfach niemand anderen habe und sie zumindest meine berufliche Situation nachvollziehen kann. Ja klar, da sind Freunde und Freundinnen und Peer-Groups und natürlich sind die nachwievor in meinem Leben und auch sie kann ich anrufen. Ich drohe nicht im klassischen Sinn sozial zu vereinsamen. Aber emotional. Emotional vereinsame ich immer mehr. Freundschaft und Beziehung ist einfach nicht dasselbe und ich merke: Ich brauche eine Bezugsperson. Ich wünsche mir eine. So eine ‚my person‘-Person von der sie in Grey’s Anatomy ständig gefaselt haben. Vielleicht ist das lächerlich, aber ich sehne mich nach jemandem der sich nach mir sehnt. Es ist traurig zu wissen, dass niemand auf mich wartet. Dass da keiner ist, der Pläne verwirft um welche mit mir zu machen und auf das Wochenende oder den Arbeitsschluss wartet, damit wir uns sehen können.

Gleichzeitig liebe ich es dann aber auch, diese Phase gerade. Mein Leben gerade. Ich bin allein- allein und wer weiß ob ich das jemals wieder so in dieser Form sein werde? Etwas in mir drängt mich das zu genießen und das tue ich auch, wenn ich gerade nicht aufpasse. Ich bin so ungebunden und vogelfrei, dass ich praktisch tun und lassen kann was ich will. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich MUSS niemanden anrufen. Tage und Wochen kann ich gestalten wie ich möchte und wenn ich drei Tage lang nicht staubsaugen will, dann mache ich das einfach nicht. Ha! Ich bin so ein Rebell.

Dass alles so offen ist und ich in keinster Weise gebunden bin beflügelt mich manchmal richtig. Ich habe alles noch vor mir. Ich kann noch richtig große Entscheidung treffen. Meinem Leben richtig Richtung geben. Alle meine vergebenen Freundinnen mitte zwanzig sind regelrecht festgefahren. „They settled“, würde man im Englischen sagen. Hier der Freund, da seine Arbeit, da ein Haus oder eine Wohnung, vielleicht sogar schon ein Kind, oder zumindest eine Hypothek und gemeinsame Pläne für den Sommerurlaub 2022. Tja…all das habe ich nicht. Und das ist eigentlich auch ziemlich cool und wenn mir das bewusst wird, dann wird mir auch bewusst, dass ich dieses schon total Fixe auch gar nicht wollen würde. Mit dem Ex-Freund damals war ja genau das mein Problem. Dieses Gefängnis, das mein Leben wurde und diese Ohnmacht festzustecken. Ich stecke nicht fest. An keinem Ort und in keiner Personen-Konstellation. Ich bin frei und das muss nicht beängstigend sein, oder mich stressen.

„25“, antworte ich auf die Frage wie alt ich diesen Monat werde. Die Jungs, die mit mir am Tisch sitzen und mit denen ich dieses schräge Gruppen-Date habe, nicken oder schauen überrascht. „Und da bist schon fertig studiert und dabei zu promovieren und im Berufsleben und so?“ Ja, sieht so aus. Ich nicke. „Ich hatte es halt eilig.“ Auf die Frage warum habe ich keine gute Antwort. Aber sie beschäftigt mich auch noch als ich über die Straße nachhause gehe. Ich weiß tatsächlich nicht warum ich es immer so eilig habe. Mit allem. Ich wollte immer schnell studieren. Auch als ich noch gar nicht richtig dabei war, wollte ich schon fertig sein. Weil mir das von meinen Eltern so suggeriert wurde? Weil es erwartet wurde? Weil ich eigentlich immer mit 26 Jahren schon alles unter Dach und Fach haben wollte? Und mit Dach und Fach meine ich nicht unbedingt das Dach eines Eigenheims, aber zumindest mal den Mann mit dem Ring und den potentiell geplanten Kindern mit dem man das in den darauffolgenden Jahren angehen wollen würde. Ja…ich glaube da ist was dran. Auch in meinem Beziehungsleben habe ich es immer eilig. Eilig wieder single zu sein. Eilig es nicht mehr zu sein.

Ich scheine schizophren zu sein. Oder zumindest sehr ambivalente Gefühle gegenüber meines Beziehungsstatuses zu haben. Manchmal bin ich ein Fan vom Single sein und manchmal ist es eine Strafe alleine zu sein. Ich weiß nicht wovon das abhängt. Von der Tagesverfassung vermutlich. Vielleicht ist das bedenklich. Vielleicht ist das aber auch ganz normal.

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Embrace the crazy.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. christophrox sagt:

    Er will dich, du willst ihn, machst dann aber einen Rückzieher. Das wäre für mich crazy. Schizophren.

    Meiner bescheidenen Meinung nach bist du nur aus dem Grund Single, weil es im Moment auch keinen geeigneten Kandidaten gibt.

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  2. Du sprichst mir da aus der Seele! Ich bin wohl genauso „schizophren“ veranlagt wie du😂 hab ich Grad niemanden, will ich ganz unbedingt eine Beziehung und jemanden, der für mich da ist und mir zeigt, dass er mich mag, habe ich dann genau das, wird es mir zu viel, ich fühle mich erdrückt und will wieder in den Zustand davor zurück. Schlimm, aber man will wohl immer das, was man gerade nicht hat 🙈

    Gefällt 2 Personen

    1. Bisher dachte ich, dass sich das bei mir nur auf Haare/Frisuren und Essen bezieht ^^ this sucks

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      1. Jaa, schlimm 😫😂

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  3. ballblog sagt:

    Das ist doch okay so. Das was man nicht hat, wünscht man sich. Und bei Dir ist halt noch nicht derjenige vorbeigekommen, bei dem Du gesagt hast: Der darf bleiben.
    Also genieße die Zeit bis dahin!

    Gefällt 1 Person

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