Küssen ist (nicht) nur ein (Schau)Spiel

„Wie ist das eigentlich?“, fragt mich eine Freundin, als wir gemeinsam auf dem Dach ihres WG-Hauses sitzen und Bier trinkend in die Nacht hinaus starren. Vorhin sind wir über das Dachfenster ins Freie geklettert und in Anbetracht der Tatsache, dass das eigentlich keine wilde Kletterei war, bin ich viel zu stolz auf mich es hier herauf ohne Unfall geschafft zu haben. „Wie ist das, wenn du Männer auf der Bühne küsst?“

Ich zucke mit den Schultern. „Weiß nicht.“, sage ich und denke dann doch nochmal genauer darüber nach. „Es ist…keine große Sache, schätze ich. Also für mich persönlich. Ich versuche mich in dem Moment total zurück zu nehmen. Der aktiv küssende Teil ist die Figur die ich verkörpere. Das bin dann nich ‚ich‘. Verstehst du?“ Ein bisschen scheint sie es zu verstehen.

„Ja, aber da sind doch so viele Emotionen! Da ist doch so viel da zwischen euch! Das sieht man doch! Das ist ja das Faszinierende. Das was einen packt und mitreißt als Zuschauer.“ Ich lächle still vor mich hin. „Mhm.“, mache ich. „So soll das ja auch sein.“ „Und da ist wirklich gar nichts?“, bohrt meine Freundin ungläubig weiter. „Du willst mir sagen, dass du es immer schaffst dich da total zu distanzieren? Dass das alles nicht echt ist?“ „Es ist schon echt.“, überlege ich laut vor mich hin. „Aber es ist nur gespielt. Es ist ein Spiel. Ein Spiel mit Nähe und Anziehung. Ein Spiel mit seinem und meinem Körper und deiner Wahrnehmung im Publikum.“ „Ein Spiel.“, wiederholt sie nachdenklich, als müsste sie sich das erst mal durch ihren hübschen Kopf gehen lassen.

„Ein Schau-Spiel.“, sage ich.

„Erklär mir das.“, fordert sie nach ein paar schweigsamen Minuten neben mir auf dem Dach. Ich weiß nicht ob ich das kann. „Du hast doch gesagt, dass wir alle immer irgendwie eine Rolle spiele. Auch jetzt gerade vermutlich. Wir sind also immer Schauspieler. Irgendwie halt. Woher weißt du dann, dass andere Küsse echt sind und die auf der Bühne nicht. Beziehungsweise „echter“?“ Eine gute Frage. Eine schwere Frage. Ich hatte nicht geahnt auf diesem Dach hier so existentialistisch schwierige Fragen gestellt zu bekommen. Durchdenken zu müssen.

„Ich denke das hat viel mit der Figur zu tun.“, antworte ich ihr. „In meinem Fall ist es eigentlich fast immer so, dass mich die Figuren total einnehmen. Dass sie mich dominieren, da auf dieser Bühne. Und manchmal auch abseits. Weil einige Figuren nach dem Applaus einfach nicht abtreten wollen und sich mit aller Macht an ihre Existenz durch mich klammern wollen. Zumindest die wirklich starken Charaktere. Die dominanten.“ Und meistens spiele ich nur solche. #typecast

„Ein Bühnenkuss.“, versuche ich zu analysieren. „Raubt mir eher Energie. Das heißt, ich verbrenne in der Energie die in diesem Spiel freigesetzt wird. Es konsumiert mich, dieses ‚Bühnenfieber‘ oder wie auch immer man das beschreiben will. Es schlaucht mich ganz schön. Obwohl auch das eine ganz eigene Energie ist. Nach Vorstellungen geh ich meistens einfach nachhause, leg mich aufs Sofa oder in die Badewanne ein und lasse mich von einer Serie berieseln. Ein Bühnenkuss saugt mich aus. Er nimmt mehr als er gibt.“ Der letzte Satz hat sich falsch angefühlt. „Im Grunde gibt er vielleicht gar nichts. Außer dem Publikum. Aber MIR als Person, gibt er nichts. Bei einem tatsächlichen Kuss ist das anders. Ganz anders. So ein Kuss nähert, selbst wenn er zehrt.“

„Kann mal also vielleicht sagen, dass ein Bühnenkuss zwar echt ist, aber nicht richtig?“, philosophiert meine Freundin. „Ja.“, meine ich antworten zu können. „Ich glaube das kann man so sagen. „Sie sind schon ‚richtig‘, nur halt eben für die Figur. Nicht für mich persönlich.“

„Warst du noch nie in einer Situation wo sich die Grenzen vermischt haben? Wo du plötzlich im intensiven Spiel, nachher, hinter der Bühne, immer noch Gefühle für deinen Partner hattest? Bist du nie verwirrt was das betrifft?“ Ich glaube nicht. Nichts was sich nicht nach einer guten Mütze Schlaf, nachdem ich wieder in meinen eigenen Körper und Kopf zurück gefunden habe, nicht geregelt hätte. Aber natürlich kommen wir uns körperlich sehr nah. Sind wir uns sehr nah. Das kann manchmal schon verwirrend sein. Je durchlässiger man selbst wird, desto leichter kommt es vielleicht zu Verwechslungen und Irritationen. Genau das macht aber gutes Spiel und Theater und Figurenarbeit erst so richtig interessant, behaupten viele. „Ich glaube nicht.“, ist alles was ich ihr als Antwort gebe.

Ich würde sagen, dass ich auch schon Bühnenküsse abseits der Bühne bekommen habe. Aber noch nie habe ich auf der Bühne einen richtigen Kuss bekommen. Vielleicht verrät mir das mehr über das Leben als mir bewusst ist.

 

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