Alles kann. Nichts ist. Was muss?

„Alles kann. Nichts muss.“ Ein Satz der niemandem in meinem Elternhaus über die Lippen gekommen wäre. Denn hier musste immer viel. Hier musste immer alles. Ziemlich egal was kann. Man musste können was man musste. Und das Müssen wuchs exponentiell mit dem schon Erreichten.

Es ist Samstagabend. Vielleicht ist es auch schon mehr Nacht als Abend. Aber so ganz hat sich mir das noch nie erschlossen. Draußen ist es jedenfalls dunkel und ich werde langsam müde. Mach daraus was du willst.

Es ist Samstagabend und anderer Orts tanzt der Märchenprinz seit über einer Stunde Line Dance. Es wird gelacht und geflirtet und Blicke gewechselt, die irgendwann zu Gesprächen werden sollen.

Es ist Samstagabend und wieder anderer Orts sitzt ein Haufen cooler Menschen vermutlich gerade bei einem Bierchen zusammen und sprudeln nur so über vor lauter Afrika Vorbereitungen und Reiseziel-Plänen. Alle lernen sich gerade erst kennen, aber die Stimmung ist trotzdem schon vertraut, weil gemeinsame Pläne verbinden.

Es ist Samstagabend und an diesem Ort sitze ich. Alleine. Mit dem Laptop auf den Knien und der Tiger-Salbe auf dem Rücken. Ich habe Schmerzen und frage mich wann das Loch, das mir die Salbe in den Rücken zu brennen scheint, endlich mehr schmerzt als der eigentliche Schmerz den ich hier fühle.

Alles kann. In den letzten Monaten schien es mir möglich alles zu können. Gut, vielleicht nicht alles. Aber alles was zählte. So viele offene Türen waren fast zu viele Türen. Da fragte ich mich: Kann das alles sein?

Jetzt sitze ich hier und kann mich nicht mal mehr bewegen. Irgendwann Donnerstag-Abend fuhr mir der Schmerz in den Rücken und seitdem weiß ich kaum mehr wie ich mich bewegen soll, damit es nicht schmerzt. Nicht mal meinen Kopf kann ich drehen oder nach oben oder unten richten. Ich trinke mit Strohhalm. Zum Glück habe ich momentan nicht viel zu lachen. Das wäre physisch gerade gar nicht möglich.

Vermutlich kein Zufall, dass mein Körper so reagierte. Donnerstag-Abend war ziemlich brutal. Meine Eltern….Ich glaube nicht, dass ich hier über meine Eltern schreiben will. Ich glaube nicht, dass ich überhaupt jemals wirklich über meine Eltern schreiben will oder werde. Weil ich nicht gerne schreibe, worüber ich eigentlich schreiben sollte. Muss. Aber was muss schon?

Sie sind gegen Afrika. Gegen meine Studiumspläne. Sie sind für die Schule. Für den einen Job. Sie sind gegen alles was sie nicht verstehen. Was ganz allgemein gesprochen alle meine Studienfächer sind. Aber vor allem die Theologie. Sie sind gegen alles was sie nicht verstehen und deswegen nicht schätzen. Nicht wertschätzen. Das gilt auch für mich.

Das ist bei Gott nicht neu, aber es ist doch immer wieder überraschend. Erwarte ich mir tatsächlich, dass sie sich ändern? Manchmal fühlt es sich fast so an und dann….Ich habe mir immer gewünscht, dass mich meine Eltern sehen. Nicht nur wahrnehmen, sondern sehen. Und in diesem sehen liegt ein Erkennen. Mit dem vielleicht sogar, wenn ich ganz viel Glück habe, Anerkennung einhergeht. Aber…was wenn sie mich sehen und es ihnen einfach nicht gefällt, weil…obwohl wir eins sind ich doch so anders bin. Oder eben zu ähnlich.

Eine Freundin schreibt. „Wie läufts im 18. Jahrhundert?“ Sie meint damit nicht den Ball, auf den ich heute nicht gehe. Das weiß sie schon. Sie meint meinen Jane-Austen-Abend den ich angekündigt habe. Denn bis jetzt gab es nicht viel an Herzschmerzkrisen das Jane Austen nicht wieder hätte heilen können. Aber ich beginne zu verstehen, dass es diesmal Herzschmerz ist der Mr. Darcys Dimensionen übersteigt. Es ist nicht mein Frauen-Herz das blutet. Es ist mein Kinder-Herz. Das 18. Jahrhundert habe ich bereits verlassen. Die 90er aber nicht. Und plötzlich bin ich wieder das kleine weinende Mädchen, das sich die Hände über den Kopf schlägt und nach ihrer Mutter schreit. Von der sie weiß, dass sie niemals kommen wird. Und eigentlich schreit sie nur deswegen.

Es ist nicht mein Rücken der schmerzt.

I tell myself not to run.

But I can feel myself moving.

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wir wünschen uns alle Aufmerksamkeit und Wertschätzung durch die Eltern. Es tut mir leid, wenn du diese Nicht bekommst. Ich hoffe, dass wenigstens andere Leute dich schätzen und motivieren weiter deinen Weg zu gehen 🙂

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    1. Danke. Gerade, dass mich alle anderen Leute so ganz anders wahrnehmen als meine Eltern ist ja irgendwie das Bedrückende.

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  2. Pia und das Monsterherz sagt:

    💚

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  3. Fühl dich ganz fest gedrückt! ❤

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  4. jongleurin sagt:

    Das bringt mich sehr zum Nachdenken. Meine Eltern haben enorm viel getan, worunter ich gelitten gabe – tödlich endende Suchterkrankungen, Privatinsolvenz, etc – aber sie haben mich zumindest immer liebevoll begleitet (wenn nicht gerade der Alkohol stärker war). Vielleicht ist es das, was mich mit dem blöden Zeugs fertig werden lässt. Danke für den Denkanstoss!

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  5. ballblog sagt:

    Da ist der Rücken wohl nur das Physische, was weh tut. – Find’s so schade, daß Deine Eltern das alles (und wohl auch Dich?) nicht erkennen.
    Und es ist sicher okay, das Du da immer noch hoffst – aber Du hast sicherlich auch Mechanismen entwickelt mit der Enttäuschung umzugehen.

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