Das wilde Huhn

„Als hätte man die Zeit zurück gedreht…wir machten Pläne wie damals mit acht, als könnte man sich an der Kindheit festhalten, wenn man mit dem erwachsen-werden plötzlich nicht mehr weiter weiß.“

 

Ferien. Ich kann es irgendwie noch nicht ganz glauben. Und irgendwie stimmt es auch nicht so ganz, weil die nächsten Tage mit Theaterproben und Literatur-lernen gefüllt sind. Eine große Prüfung vor der Diplomprüfung steht nämlich noch an und was soll ich sagen…irgendwie bin ich so mit unterrichten beschäftigt, dass ich das mit der Uni kaum auf die Reihe bekomme.

Es ist Samstag Nacht und ich könnte auf einer Party tanzen. Aber stattdessen habe ich den Bauch voller Pizza und den Kopf voller Lehrpläne und hänge Wäsche auf, während der Hund im Schlaf grunzt und Die Wilden Hühner im Fernsehen laufen. Die Wilden Hühner und das Leben. Ich werde ein bisschen melancholisch, wie ich da so in meinem erwachsenen Wohnzimmer, in meiner eigenen Wohnung stehe und langsam zu verstehen begreife, dass ich Frau Rose, der Lehrerin in den Wilden Hühner Büchern und Filmen, allmählich näher bin als den 14 (?)jährigen ProtagonistInnen.

Die Wilden Hühner und das Leben. Mein Leben ist irgendwie ziemlich anders. Und irgendwie auch ziemlich cool. Ich denke es ist ziemlich viel wert, dass ich das so empfinden kann. Heute beaufsichtige ich Bandenstreiche nur noch und versuche sie nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Selber ausführen muss ich aber keine mehr. Trotzdem bin ich ein ziemlich cooles, wildes Huhn. Gerade läuft Sprotte dramatisch durch den dunklen Wald, weil sie ihren Freund mit einer anderen am nächtlichen Pool hat knutschen sehen. Puh, kann das (fiktive) Leben doch dramatisch sein.

„Es wäre sehr schade, wenn wir dich an die Fachtheologie verlieren würden!“ hat mein Mentor und Fachkollege in der Schule zu mir gesagt, bevor er mich gestern in die Osterferien verabschiedet hat.  „Und denk mal darüber nach!“, hat er gesagt. „Wir sind die einzigen Anknüpfungspunkte und Berührungspunkte die diese Kinder hier jemals zu Glaube und Gott und Kirche wirklich haben werden. Mit irgendwelchen Theologen hochtrabend zu diskutieren ist sicherlich nett, aber das hier- das Leben dieser Kinder berühren und ihnen vermitteln wie geliebt und gewollt und unglaublich hoffnungsfroh sie leben dürfen- das ist wichtig!“

Er hat noch ziemlich viel mehr gesagt. Fast ein Brandrede zwischen Flur und Klassenzimmer gehalten, dabei ist er einer dieser Relilehrer die glauben, dass man Reliunterricht nur cool machen kann, wenn man möglichst wenig über Religion macht und persönlichen Glauben außen vor lässt. Und ich fahre da eine ziemlich andere Strategie. Authentisch sein bedeutet für mich ganz konkret meinen Glauben und meine Überzeugungen mit meinem SuS zu teilen. Mit ihnen zu beten und Gott zu preisen. In der Bibel zu lesen. Interessanter Weise scheint sie das echt anzusprechen. Sie warten sogar darauf, dass wir vor den Religionsstunden gemeinsam ein freies Gebet sprechen. Da ist eine Sehnsucht. Das beschäftigt mich. Vielleicht sollte ich meine Pläne nicht in die Schule zu gehen echt überdenken. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.

Frida fand ich von den Wilden Hühnern immer am tollsten. Die unkonventionelle Frida, die die Welt nicht nur verändern, sondern verbessern wollte. Die so besonnen war und trotzdem mutig und wild, aber dabei immer empathisch blieb. (Emotionale) Intelligenz. Und ich mochte ihre Kurzhaarfrisur. Ich denke, dass nichts so sehr MUT für mich so deutlich sprach wie ihre kurzen Haare. Und dass ihr Name -ida beinhaltete war sicherlich auch ausschlaggebend für meine Frida-Präferenz. Ganz allgemein und aus meiner ‚erwachsenen‘ Perspektive heute muss man aber sagen, dass die Wilden Hühner-Bücher echt ziemlich viele tolle und wichtige Themen abgedeckt haben. Gerade fällt der Satz: „Als hätte man die Zeit zurück gedreht…wir machten Pläne wie damals mit acht, als könnte man sich an der Kindheit festhalten, wenn man mit dem erwachsen-werden plötzlich nicht mehr weiter weiß.“ Weise Worte, die ich heute deutlicher in mir anklingen spüre wie damals-

 

Fred: „Ich finds gar nicht so toll erwachsen zu werden. Früher wars manchmal viel einfacher und viel schöner“

Aber man gewöhnt sich dran, lieber Fred. Irgendwie wächst man am erwachsen werden mit.

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