Der Treppenhaus-Typ/Teil 1

Nennen wir ihn Alex. Das Erste was mir an Alex auffiel, war sein Kopf. Das lag einerseits daran, dass ich ihm, während ich die Treppen vom 5. Stock des Philosophie-Turms hinunter lief, immer unwillkürlich direkt von oben auf seinen Kopf schaute. Das lag aber auch daran, dass Alex eine blaue Fischerkapitäns-Mütze auf seinem sehr hübschen Kopf spazieren trug, die seine Ohren in der Dezember-Kälte vollkommen ungeschützt zurück ließen und ich mich zwei Stockwerke lang fragte wieso man denn bitte so eine ineffiziente Kopfbedeckung überhaupt besitzt.

Vielleicht habe ich zu auffällig Alex von hinten, oben auf seinen Kopf gestarrt, oder aber ich tappste zu laut mit meinen kleinen Absatzschuhen, denn irgendwann- so im 3. Stock, wanderte sein Blick die Treppen nach oben und traf meinen. Alex Augen sind Schokoladen-Taler braun und rund und ich fand sich sofort sehr freundlich und seine Gesamterscheinung irgendwie gemütlich weihnachtlich. Er trug einen blauen Anorak und darunter ein kariertes Holzfäller-Flanellhemdt, in zwei blauen, roten und weißen Farben. Der gestrickte Schal passte zu der Fischersmütze und seine Jeans saßen gut. Alex war attraktiv und sein Lächeln ,das er mir von unten nach oben schickte, hatte etwas einladend Schelmisches.

Ich lächelte freundlich zurück und wir beide liefen die Stiegen weiter nach unten. Aber Alex Blick wanderte nun bei jeder Biege wieder nach oben. Immer mit einem Lächeln. Weiter aber passierte nichts, denn im Erdgeschoss angekommen lief ich durch die Tür nach draußen und er bog noch innerhalb des Gebäudes irgendwo ab. Würde die Geschichte hier enden, dann wäre das wohl einfach eine vermutlich weniger spannende und unwichtige, nette Zufallsbegegnung oder Stiegenhaus-Geschichte gewesen und nicht wirklich wert es hier zu erwähnen. Ich schreibe aber natürlich hier über Alex, weil das nicht das Ende dieser „Treppenhaus-Bekanntschaft“ war.

Eine Woche später stand ich im Nebengebäude zum Philosophie-Gebäude, das einem anderen Institut gehört, die aber beide mit einem Gang verbunden sind, vor dem Lift und wartete eher ungeduldig darauf in den 6. Stock befördert zu werden. Ich zückte mein Handy und stellte die Musik ab, die mir durch die Kopfhörer in mein Ohr schallte und bemerkte deswegen nicht, dass sich jemand neben mich gestellt hatte. Als die Lifttür aufging und ich den Kopf hob um einzusteigen, sah ich mein eigenes Gesicht im Spiegel, der gegenüber der Tür lag und das eines Mannes mit Fischermütze auf dem Kopf. Der Treppenhaus-Typ!

Ich erkannte ihn sofort und war über die erneute Begegnung irgendwie erfreut. In meinem Mädchenhirn quietschte eine nervige Stimme „Uuuuuhh!“ und flüsterte etwas von Schicksal. Der Rest meines Hirns befahl dem Mädchenhirn augenblicklich die Klappe zu halten und sich bloß zusammen zu reißen.

Die Lifttür schloss sich hinter uns und der hübsche Mann und ich waren alleine. Zu zweit. Er lächelte mich an und ich hatte keine Zweifel, dass er mich als das Mädchen vom Treppenhaus wieder erkannte. Hatte ich also Eindruck hinterlassen 😁 Sehr fein! Aber irgendwie war sein Stockwerk zu schnell erreicht, ohne dass ein Wort zwischen uns gefallen war. Das echte Leben ist dann halt leider kein Schnulzenfilm in dem alle Gelegenheiten ideal genutzt werden. Ich überlegte zwar, aber ich wusste nicht wie ich am besten ein Gespräch angefangen hätte. Alex, der Treppenhaus-Typ, stieg aus dem Lift als jemand anderer zustieg. „Tschüss!“, sagte er zum Abschied und ich blieb stumm.

Etwa eine Stunde später, verließ ich das Institut wieder. Diesmal wieder über die Treppen und wem begegnete ich dort? Richtig! Alex. Der gute Mann kam schwungvoll durch die Tür ins Treppenhaus gelaufen und hätte micj beinahe mit der Tür getroffen. „Hoppla!“, rief ich und er „Oh! Entschuldigung!“ Und dann schauten wir uns an und er fragte ob mir was passiert wäre. „Nein.“, sagte ich. Mir wäre nichts passiert. Aber ich hoffte insgeheim darauf, dass jetzt etwas passieren würde.

„Wir laufen uns ja ganz schön oft über den Weg.“, stellte er grinsed fest. „Verfolgst du mich?“ Ich verneinte empört und verteidigte mich damit, dass das ja nicht mal mein Institut sei. „Um so verdächtiger!“, meinte Alex und streckte mir dann die Hand hin. „Ich bin jedenfalls Alex.“ „Ida“, erwiderte ich und schüttelte seine Hand. Er lächelte. „Also Ida, das ist also gar nicht dein Institut?“, fragte er und ich bestätigte das. „Theologie!“, rief er und seine Augenbrauen zog er dabei so weit hoch, dass sie fast in der Fischersmütze zu verschwinden drohten. „Das ist ja mal ungewöhnlich!“ Ich verdrehte nicht meine Augen. Hätte aber gerne.

Bildquelle

 

21 Kommentare Gib deinen ab

  1. christophrox sagt:

    Endlich wieder Männerkram. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.

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    1. Die laufen mir halt so über den Weg

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      1. christophrox sagt:

        Ich wähnte dich bereits auf dem Weg ins Kloster auf das dein Herz nur noch für Jesus schlägt.

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      2. Kloster is eher nicht meine Berufung 😉 Aber für Jesus schlägt es trotzdem (an erster Stelle). 😛

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  2. Und wie ging es weiter?

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    1. Zieht sich ein bisserl die Story, aber sobald ich wieder Zeit und Muse habe schreib ich weiter. Für einen Post ist die Geschichte zu lang und abgeschlossen ist sie auch noch nicht

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      1. christophrox sagt:

        Bald ist scheiß Weihnachten. Also bitte ein Happy End.

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      2. Scheiß Weihnachten? hallo? Grinch, bist dus?

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      3. christophrox sagt:

        Mini-Grinch.

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  3. Myriade sagt:

    Hast du tatsächlich das Gehen durch ständiges Laufen ersetzt, oder ist das für die deutsche Leserschaft ? 🙂

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    1. Ich laufe prinzipiell. Gehen im Laufschritt quasi. Darüber lachen immer alle. Ich habe kurze Beine, aber ich bin zügig unterwegs 😉 Laufe passt in 90% der Fälle besser als gehen. Vor allem im Treppenhaus.
      Alternativ könnte ich das nächste Mal aber auch hasten oder stolpern schreiben 😉

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      1. Myriade sagt:

        Naja, es ist doch gut ein paar Synonyme in der Tasche zu haben 🙂

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      2. Myriade sagt:

        🙂 🙂

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  4. ballblog sagt:

    Dachte erst, Du wärst in ein Shooting von C&A geplatzt 🙂 Daß Du mit der Tatsache, daß Du Theologie studierst, Leute zum Erstaunen bringst, erstaunt mich.

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    1. Wieso erstaunt dich das? 🤣

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      1. ballblog sagt:

        Vielleicht, weil ich nichts Erstaunliches dran finde, wenn jemand Theologie studiert. – Du schriebst ja schon mal in irgendeinem Post, daß da oft nochmal nachgefragt wird.

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      2. Ja, in der heutigen Studenten-Welt sind wir ungefähr so selten wie Eisbären in freier Wildbahn.

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      3. ballblog sagt:

        Gott sei Dank muß da noch keiner Artenschutz beantragen. 😉

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      4. ballblog sagt:

        Bin dabei! 🙂

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