An was ich mich erinnere #10

Die Beine meiner Oma sind krumm. Ich starre fasziniert auf die Fußabdrücke die sie mit ihren an sich kleinen Füßen in ihren riesigen, klobigen Wanderschuhen hinterlässt. Der mit Moos bewachsene Hang, mitten im Wald, in dem sie aufgewachsen ist, lässt sich von ihr nicht mehr so beschwingt erklettern wie das in ihrer Jugend der Fall war. Zumindest vermute ich das, mit meinen 11 Jahren.

Oma dreht sich immer wieder nach mir um. Ich bin stolz, dass sie mich nicht mit einer ‚Hundeleine‘ oder einen Kälberstrick an sich angebunden hat, wie sie das bei meinem Bruder immer macht, wenn wir wandern gehen. Meine Oma ist eine ängstliche und skeptische Frau. Vielleicht ahnt sie, dass ich hier besser und sicherer auf den Beinen bin als sie es ist. Heute laufe ich ‚frei‘, wobei frei sehr relativ ist. Bergauf könnte ich sie locker überholen, aber ich bleibe brav hinter ihr in ihren Spuren. Oma besteht drauf. Den Wald und die Reh-Wege kennt sie besser, sagt sie und wo die Schwammerlplätze sind, weiß sowieso nur sie.

Wir haben jede einen Rucksack und Oma noch einen Korb. Schwammerlquoten gab es damals noch nicht und heute halten wir uns einfach nicht daran. „So weit kommts noch!“, wird Oma immer sagen. Weit sind wir an diesem Tag auch schon gekommen. Schwammerl aber haben wir noch keine gefunden, obwohl wir schon an zwei Plätzen waren, die Omas Geheimtipps sind. Oma isst sie sowieso nicht. Oma sucht sie nur. Weil sie das immer schon so gemacht haben. Ich habe uneingeschränkte Freude an beiden: essen und suchen. In dieser Kombination für Schwammerl ideal.

Wir machen eine Pause und ich setzte mich auf eine Wurzel, damit mein Popsch im Laub, das am Waldboden liegt, nicht nass wird. Oma reicht mir die Wasserflasche und ich trinke. Mein Blick schweift. Das ist ein schöner Platz hier, relativ weit oben. Der Wald ist mir vertraut, weil er zum Berg und zum darunterliegenden Dorf gehört. Meine Oma kennt ihn in und auswendig. Das ist eine ganz andere Art von Beziehung, an der ich, die in der Stadt zur Schule geht, keinen Anteil habe.

Als wir weiter gehen wird mir langweilig und ich konzentriere mich nicht mehr ganz so sehr auf Omas Sohlenabdrücke vor mir, sondern auf die Umgebung. Ich zeige auf einen „coolen Krüppel-Baum“ und frage gelegentlich nach der Blätterzugehörigkeit von besonders auffälligen Blättern am Boden. Oma weiß alles. Oma ist der Indiana Jones of Heimat-Wald. Wie immer bin ich von meiner Oma sehr beeindruckt.

Irgendwann entdecke ich eine interessante Felsspalte. Wir sind jetzt schon sehr weit oben. Mich zieht es zu dem Gestein, das so gut getarnt im Blätterrascheln liegt. „Schau, Oma!“, rufe ich und höre von hinten, dass ich nicht so schnell hasten sollt, weils mich sonst ‚zabreselt‘ (=hinschmeißt). Aber meine Neugierde ist geweckt. Die Felsspalte ist dunkel und lässt vermuten, dass es tiefer in den Felsen hinein geht. „Oma, schau!“, rufe ich noch energischer und will sie zu mir winken. „Da ist eine Höhle!“ Ein Erwachsener müsste sich am Eingang ducken, aber Kinder wie ich hatten Platz. Ganz hinein traue ich mich aber nicht. Der Neugierde steht die unbegründete Angst aus Sagenmärchen im Weg.

Hinter mir schaut meine Oma über meine Schulter in die dunkle Öffnung. „Das Russenloch.“, sagt sie. Ich bin verwirrt. „Wieso das Russenloch?“, frage ich und dann erzählt mir meine Oma vollkommen emotionslos, dass sich die Frauen aus dem Dorf mit den Kindern hier oben versteckt haben, als die Russen kamen. Damals, als Krieg war. Damals, als meine Oma Kind war. Weiter unten war noch ein „Russenloch“, das sie aber hauptsächlich bei Fliegerangriffen aufsuchten. Die Zugschienen waren nicht weit vom Dorf.

„Die alten Weiber haben immer geheult und geschrien und gewimmert und sich ihre Fingerkuppen blutig gebissen.“, spricht Oma abwesend vor sich hin und ihre Augen sind so leer, als würde hinter den Pupillen ein Film aus sehr sehr alten Tagen für sie ablaufen. „Vollkommen hysterisch. Endlos Rosenkranz gebetet!“ Sie schüttelt den Kopf. „Und du?“, frage ich mit großen Augen. „Hast du dich hier auch versteckt?“, frage ich. „Klar.“, sagt meine Oma und jetzt malt sich vor meinen Augen ein Bild meiner Oma, ihrer Mutter und ihrer Schwester, in dieser Höhle. Niederhockend, zusammenrückend, zitternd vor Kälte und Furcht. „Wie alt warst du da?“, frage ich und meine Oma meint das sollte ich mir ausrechnen. Ein denkbar doofer Augenblick für eine Rechenaufgabe. „Hattest du keine Angst?“, frage ich sie. „So richtig hab ichs wohl damals noch nicht verstanden.“, schüttelt sie den Kopf. „Ich fand es aufregend. Aber hauptsächlich beängstigend, weil die Frauen weinten.“ Damals wurde nicht viel geweint, erzählt sie. Damals wurde nur viel gelitten.

Meine Oma drängt mich weiter. Sie redet nicht gerne über diese Zeit und die schrecklichen Dinge die passiert sind, sagt sie. Am Nachhause-Weg kann ich sie trotzdem überreden mir noch das andere „Russenloch“ zu zeigen. Es ist fast mehr ein Erdloch. Oma erzählt, dass nur die Frauen und Kinder hierher kamen, weil es fast keine Männer mehr im Dorf gab. Der Vater meiner Oma starb auf irgendeinem Kriegsschiff irgendwo am Meer. Kennengelernt hat sie ihn nie, sagt sie und der Gefallenenbrief war vage in seiner Beschreibung. Aber ehrvoll und verdient für das Vaterland, sei er wie eine Ratte verendet. Später wurden einige von den Russen erschossen.

„Hattest du nie angst?“, frage ich sie und meine Stimme zittert alleine bei der nun sehr bildlich belebten Phantasie und Vorstellungskraft die ich habe. „Doch.“, sagt Oma. „Irgendwann wurden wir von ein paar Russen überrascht. Ich war im Garten und plötzlich standen sie im Garten, waren innerhalb des Zaunes. Mutter schrie von der Haustür aus ich solle sofort zu ihr kommen.“ An der Dringlichkeit in der Stimme hätte sie die Gefahr erkannt. Sie kam angelaufen, die Mutter schrie weiter und versteckte die Mädchen im Haus. Alle Hühner hätte die Russen getötet, erzählt Oma. Das Blut war überall im Hof. Da hätte sie Angst gehabt.

 

 

–das war sie, die Erinnerung an die erste Kriegsgeschichte meiner Oma. Der erste Zeitzeugenbericht den ich hörte. Die Erinnerung an den Tag an dem ich das erste Mal begriff, dass es Krieg gegeben hatte und dieser noch nicht soo lange aus war. Krieg in meinem Dorf und meinem Wald. Das erste Mal das unbehagliche Gefühl der Gewissheit, dass Friede kein selbstverständlicher Dauer-Zustand ist. Interessanter Weise meide ich diese Stellen im Wald, weiß aber ganz genau wo sie liegen. Vielleicht nur für den Fall, dass…

Gesucht haben wir nur Schwammerl. Gefunden haben wir die Vergangenheit und steinerne Zeugen die noch stiller sind als die Kriegsgeneration es war.

Heute frage ich mich manchmal, ob die Hühner das Einzige waren, dass an diesem Tag geblutet hat und wann die Schreie meiner Urgroßmutter verstummten. Tatsächlich gefragt, habe ich aber nie mehr danach.

 

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. ballblog sagt:

    Bedauerst Du, daß Du danach nicht gefragt hast? Und denkst Du, irgendein Archiv/ Heimatverein oder Ähnliches könnte da Aufschluß geben?

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    1. Oma lebt ja noch. Ich könnt schon fragen, aber ich warte immer lieber bis sie von sich aus erzählt

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      1. ballblog sagt:

        Ich wünsche Dir, daß es noch lange Gelegenheiten geben möge.

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  2. Blogcrawler sagt:

    Meine Oma ist als Kind mit ihren Geschwistern aus Königsberg geflüchtet über das zugefrorene Haff geflüchtet. Verfolgt natürlich. Zu Silvester schließt sie sich immer ein. Sie will das Knattern und Pfeiffen nicht hören. Meine Uroma väterlicherseits hingegen hat ganz positive Erinnerungen an die russische Besatzung. Sie hat mir erzählt, dass regelmäßig heimlich Nahrungsmittel an sie gegeben wurde. Ein Sack Linsen oder Hammel. Sie hat mir Fotos von den zwei Soldaten gegeben. Ich finde es fansziniernd wie das Schicksal Menschen zusammen führt.

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    1. Ja, absolut. Interessanter Weise hat mein Opa, der Mann dieser Oma, auch nur positives über die russische Besatzung zu sagen. Da kommen sie auch nach all den Jahren auf keinen grünen Zweig, wenn sie denn mal über ‚damals‘ sprechen. Aber ich schätze mal es wird auch einen Unterschied im erleben dieser Besatzungen für einen kleinen Jungen und ein Mädchen gegeben haben.

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      1. Blogcrawler sagt:

        In unserem Dorf kommt noch hinzu, dass hier zuerst amerikanische Zone war und später nach dem Berlin Deal russische Zone. Ich habe dann einen amerikanischen Soldaten gefunden, der hier damals als ganz junger Mann stationiert war und mich mit ihm getroffen. Er hat haufenweise Fotos gehabt und mir gegeben. Er hat mir auch seine Geschichten erzählt. Ist das nicht unfassbar ?

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      2. Puh, da lebt dann Geschichte gleich noch mal ziemlich auf, oder? Ziemlich cool, dass du dich da so interessierst und echt was in Bewegung gesetzt hast. Amerikaner waren bei uns zu keinem Zeitpunkt, denke ich. Aber Briten.

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