An was ich mich erinnere #9

Es ist spät in der Nacht. Ich stolpere fast aus dem letzten Lokal in dem unsere Mädchenrunde jetzt noch war. Mädchenrunde nicht deswegen weil wir prinzipiell ohne Männer feiern gehen, sondern weil es sich um einen Junggesellinnen-Abschied handelt. Gute 5 Stunden (oder länger? Vermutlich länger) sind wir durch unsere Altstadt gelaufen, haben Geld gesammelt, Spiele gespielt und Lutscher in Penis-Form verkauft. Es war ‚lustig‘. Das obligatorische Bausatzlokal zum Schluss führte uns dann mit einer männlichen Junggesellen-Abschiedsrunde zusammen und der bald-Bräutigam durfte mir unter das T-Shirt fassen und das Etikett an meinem BH-Abschneiden. Anscheinend spielten die auch ‚lustige‘ Spiele.

Langsam ist es aber wirklich spät geworden und während meine Freundin in den kommenden Tagen heiraten wird, bin ich gerade frisch getrennt. So richtig getrennt. Im Sinne von alleine. Das erste Mal in meinem Leben. Und ich mache mir Sorgen. Nicht, weil ich plötzlich das dringende Bedürfnis verspüre doch auch zu heiraten, sondern weil ich mir nicht sicher bin…ob ich begehrenswert bin? Ob mich überhaupt jemand haben will? Gut findet? Gut genug? Mit einem Mal ist alle Bestätigung weggefallen und ich weiß noch, dass ich an diesem Abend, als ich vom Junggesellinnen-Abschied in die einsame Nacht hinaus stolpere plötzlich an mir zweifle. Ein unangenehmes, halb angetrunkenes Gefühl, das meine Schritte heimwärts beschwert. ich schreibe schon die halbe Nacht mit dem Froschprinzen. Weil ich schwach bin. Er fragt ob er mich abholen und nachhause bringen soll und ich überlege meinen Schmerz mit absurder Hoffnung zu betäuben. Einfach nur um nicht alleine zu sein. Mit mir.

Und dann…

Dann steht vor mir- wie aus dem Nichts- dieser Junge am Gehsteig. Ich schreibe Junge, weil er sicherlich zwei, drei Jahre jünger war als ich. Oder aber sein bartloses Gesicht wirkte in der Dunkelheit nur so. Ich erschrecke mich ein wenig. Ich bin alleine und hier ist niemand außer mir und dem großen Typ. Er steht direkt vor mir. Ich stehe direkt vor ihm. Er versperrt mir nicht direkt den Weg, aber er geht auch nicht weg. „Entschuldige“, spricht er mich an und ich denke mir er will vielleicht mein Handy ausborgen oder wissen wie spät es ist. Wie ein Verbrecher sieht er jedenfalls nicht aus, beschließe ich. Er sagt also „Entschuldigung“ und ich warte ab was jetzt kommt und bin dann ziemlich perplex als er sagt: „Ich wollte dir nur sagen, dass du wirklich hübsch bist.“

Hä? Im ersten Moment bin ich ziemlich verwirrt. Mein erster Gedanke ist, dass er mich verarschen will, irgendwo vielleicht seine Kumpels stehen und er gerade eine Wette oder so am Laufen hat oder eine ‚Mutprobe‘. Skepsis ist meine erste Reaktion. Ich blicke mich um, aber da ist niemand außer uns beiden. Langsam grinse ihn an. Tatsächlich stehen sich hier einfach zwei wildfremde Menschen gegenüber und er hat mir grad das harmloseste aller Komplimente gemacht. „Okay.“, lache ich. „Danke.“ „Ich wollte dir einfach sagen, dass du echt schön bist.“

Den restlichen Heimweg über grinse ich wohl vor mich hin. Die Situation war schräg, aber eigentlich auch sehr nett. Genau das was ich vielleicht gerade gebraucht habe. Zuvor ist mir das noch nie passiert. Mein Handy vibriert in meiner Manteltasche. Bestimmt der Froschprinz. Ich schaue nicht nach. Tief in mir weiß ich: I’m going to be okay. —danke unbekannter Junge.

 

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