365 Tage

Ich sitze mit einer Freundin in einem kleinen dänischen Café und schaue durch die halb angelaufenen Scheiben nach drausen in das Grau der Stadt Kopenhagen und atme Lebensgeist und kühle Luft in die Tasse Tee an meinen Lippen, die ich mit meinen beringten Fingern umklammere. Es riecht nach Kaffee, Tee, Plätzchen, Zimt und Vanille und vielleicht auch ein bisschen nach alten Damen. Besonders aber nach alten Büchern, die hier die Wände kleiden.

Ich passe gut in dieses kleine retro-Café -Eck und fühle mich in den bunten Tapeten und bemusterten Stühlen und alten, bemalten Holzsesseln wohl. Das belebte Chaos hat System und Herz. Alles hier hat Charakter und damit kann ich persönlich auch ganz schön auffahren. Dieser Ort atmet voll Geschichten die gelebt und vielleicht nie erzählt wurden und mich juckt die Poesie in den Fingern, wie ich hier so sitze und an einem Stückchen Kuchen lutsche. Mein Geburtstagskuchen-Stück.

Ich bin jetzt 24 Jahre alt. 24. Das liest und fühlt sich ganz komisch an. Nicht die Zahl an sich, aber das Wissen darüber und das Bewusstsein das deswegen in mir aufsteigt und wächst und sich in allen Ritzen meiner Existenz manifestiert. Ich bin jetzt 24 Jahre alt und sitze im teils verregneten Kopenhagen, weit weg von allen Verwandten und Freunden die mit mir gerne in meinen Geburtstag gefeiert hätten und bin froh darüber.

Dieser Tag, der Tag davor und die Tage danach waren letztes Jahr die vielleicht schlimmsten in meinem bisherigen Leben. Deshalb hatte ich dieses Jahr nicht unbedingt Angst vor meinem Geburtstag und den Erinnerungen an das was mir letztes Jahr in diesen Tagen den Boden unter den Füßen wegzog, mein Herz entzwei und meine Welt in tausend kleine Stücke riss. In mir spürte ich aber eine große Unruhe und den Drang meinen Geburtstag nicht zwanghaft umringt mit Menschen zu verbringen die mir etwas bedeuten und diesen Tag, auch im Lichte dessen was letztes Jahr passierte, für mich so angenehm gestalten wollen wie möglich.

Das, ihre Fürsorge und alles andere, stresste mich. Also habe ich den nächsten Flieger irgendwohin gebucht und befinde mich nun seit und für ein paar Tage in Dänemark. Hier lebt im Moment auch eine französische Freundin von mir und in einem seltsamen aber ganz und gar vertrauten Mix aus Englisch, Deutsch und Französisch plaudern wir schon den ganzen Vormittag während des Geburtstagsbrunch vor und über uns hin.

Ich habe ihre Kopenhagner-Gang kennengelernt, ein paar alte und neue Freunde gesehen, die Tauben an der xy Brücke und den hipsten Lesben-Club der Stadt besucht. Ich lache viel aus dem Bauch heraus und halte mich mit heißen Bechern Lebkuchen-Schokolade warm.  Wenn ich Lust habe streife ich alleine durch Museen oder spaziere auch einfach nur von einer Hafenbucht zur nächsten und starre in die Wellen. Dabei wird mir bewusst, dass wohl noch ein bisschen Wasser ins Meer fließen muss, bis mein Herz wirklich ganz von dieser Geschichte geheilt ist, aber in mir ist auch die Gewissheit, dass es nicht mehr so unfassbar weh tut wie es schon mal weh tat. Und das ist tröstlich. Ich habe Schmerz nicht mit jemand anderem überdeckt und kompensiert, zumindest nicht dauerhaft, sondern durch-und überlebt. Ich kann heute so frei und so selbstlos lieben wie du es nie mutig und ehrlich genug sein wirst zu können, weil du so wenig kannst und so viel brauchst. Weil du unfrei bist. Aber das ist dein Problem. Du bist nicht mehr mein Problem.

Der Gedanke daran, dass ich hier stehe, sitze, oder gehe und das mit einer Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit tue, mit einer Leichtigkeit, die ich in deinen restriktiven Armen nie gefunden hätte, ist tröstlich. Der Gedanke daran, dass ich meine eigene Herrin, meine eigene Person, mein eigenes Ich bin- ohne Einschränkungen. Dass ich bin wo ich sein will und mich nichts und niemand dabei aufhält und ich mich nicht aufhalten oder beirren lasse, ist beruhigend. Der Gedanke an das was war und dass das was jetzt ist mir so viel mehr entspricht, ist befreiend. Beglückend. Die Erinnerungen sind wach, aber die Gedanken sind frei.

Heute bin ich 24 Jahre alt. Heute bin ich in Kopenhagen und wo ich morgen bin weiß ich noch nicht so genau, aber eines ist vollkommen klar: Nie mehr zurück. Du bist Vergangenheit. Du bist Erinnerung- eine die ich zulassen kann aber nicht mehr durchleben muss. Irgendwann im Prozess des Loslassens wurdest du bedeutungslos und das ist vielleicht das schönste Geschenk das ich mir selbst machen konnte.

365 Tage- ohne dich aufwachen.

365 Tage- ohne deine Guten Morgen Küsse.

365 Tage- ohne deine dreckigen Kaffee-Tassen in der Spüle.

365 Tage- ohne ein Ich liebe Dich von dir.

365 Tage- ohne deine Pommes zu klauen und mich nach dem Essen auf der Küchenbank in deinen Schoß legen.

365 Tage- ohne deine Hand zu halten.

365 Tage- ohne dass man ’süße Mause‘ zu mir gesagt hat.

365 Tage- ohne dein Schnarchen.

365 Tage- ohne den Zahnpastarändern um deinen Mund.

365 Tage- ohne die Strecke in unser ehemaliges Zuhause zu fahren.

365 Tage- ohne deine Hanteln im Keller und den Eiweissshakes im Schrank.

365 Tage- ohne dein Lachen.

365 Tage- ohne Streit über die Fernbedienung.

365 Tage- ohne dich zu Bett gehen.

365 Tage ohne dich waren genug um zu wissen was ich nicht will und nicht mehr vermisse. Ich spüre, dass das hier mein letzter verschriftliche Gedanke über dich sein wird. – Happy Birthday to me and greetings from Denmark ❤

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. christophrox sagt:

    Da fällt mir doch jetzt gar kein gehässiger Kommentar ein … alles Liebe zum Geburtstag!

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    1. Was?? Wirst du etwa alt?😂 Dankeschön

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  2. Wolfgang R sagt:

    Kann ich gut nachvollziehen. Weiterhin Alles Liebe und Gute.

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  3. ballblog sagt:

    Alles Liebe zum Geburtstag – und keine Sorge: 24 bist Du nur ein Jahr lang 😉

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    1. Das is jetzt nicht soooo beruhigend 🤣

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      1. ballblog sagt:

        Warum nicht? Das Leben will erobert werden 🙂

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  4. Happy Birthday nach Kopenhagen! 😀

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    1. Danke! ☺ Lass mal wieder von dir hören! 😋

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