An was ich mich erinnere #8

Ich breche nach Israel auf. Du bist nicht dabei. Das war mir eigentlich wichtig, aber jetzt habe ich soetwas wie Angst vor meiner eigenen Courage. Was bin ich schon ohne dich? Was kann ich schon ohne dich? Alles ist fremd (geworden) ohne dich. Ich bin mir fremd geworden, ohne dich. Du bist ja immer da and you make a point of it.

Akute Terrorwarnung, zwei Tage vor Abreise. Die Reiseunternehmen haben schon vor einer Woche alle Reisen ins Heilige und die umliegenden Länder gecancelled. Aber wir sind eine Gruppe bunter und abenteuerlustiger Studenten und ein Jesuit. Wir haben keine Reiseplanung oder Versicherung, noch wirklich einen Plan. Wir haben Gott, sagt der Jesuit. Ich lache.

Soll ich besser doch nicht fahren? Du warst sowieso von Anfang an dagegen. Von da ab an als ich dir davon erzählt habe und … das war spät. „Flieg nicht!“, sagst du und da schwingt diese erstickende Fürsorge mit die von deiner eigenen Angst genährt wird. Die Angst zurückgelassen zu werden. Die Angst mich zu verlieren. Die Angst alleine zu sein. Weil du das nämlich nicht kannst. Also lässt du mich glauben, dass ich ohne dich nicht kann– nicht bin. Und irgendwann glaube ich das auch.

Beinahe hätte ich alles abgesagt und wäre mit dir in das Schneckenhaus unserer Beziehung und Existenz zurück gekrochen. Fast. „Sterben kannst du überall!“, sagt meine Mutter trocken und meint es dabei nicht so herzlos wie es sich hier vielleicht liest. „Fahr!“ Und ich fahre. Höre auf meine Mutter, die mich in die Welt hinaus schicken will, weil sie mich (wirklich) liebt und nun schon jahrelang mit ansieht wie ich immer mehr aus mir heraus sterbe.

Ich fahre. Weine noch am Abend davor und du redest wieder auf mich ein, dass ich nicht fahren soll. Aber ich tue es und du bringst mich sogar zum Flughafen. „Noch können wir umdrehen.“, wirst du ein paar Mal sagen und im Nachhinein frage ich mich immer noch wie ich diesem Druck damals in all meiner Unsicherheit standgehalten habe. Aber ich habe und habe dann in den darauffolgenden 4 Wochen eine unglaubliche Zeit verbracht. Wandernd in der Wüste, meditierend an der Grenze zu Syrien, schwimmend im See über den Jesus gelaufen ist, essend im Haus von verfolgten Christen und feiernd in Tel Aviv mit Leuten eines veganen Hippie-Hostels die ich nie mehr wieder sehen werde.

Ich kam zurück. ICH. Das passte mit deinem DU nicht mehr zusammen. Hatte es eigentlich auch noch nie. Zumindest nicht auf Dauer. Das Schneckenhaus war keine Option mehr. Ich ließ mich nicht mehr zurück drängen. Das musstest irgendwann auch du einsehen, obwohl du es nie akzeptiert hast. Nicht meinetwillen, wie ich heute verstehe, sondern deinetwillen. Weil du….darüber muss ich nicht schreiben.

Drei Monate später trennten wir uns Anfang des Sommers auf Probe und nannten es Pause. Weil ich das brauchte. Weil ich dieses Beziehungsmodell so nicht mehr leben konnte. Und wollte. Ich hatte Angst dich nur zu brauchen und nicht zu wollen. ICH hatte Angst dich auszunutzen– obwohl du um nichts anderes bettelste. Weil das deine Idee von Liebe ist. Wen man braucht verlässt man nicht. Abhängigkeit schafft Sicherheit –für dich. Aber das verstand ich nicht.

Ich war zwei Monate unterwegs. Polen, Frankreich, anderorts. Wir schrieben täglich. Deine Adresse war auch noch meine. Nichts hatte sich verändert. Rein emotional. Aber das verstand ich damals auch noch nicht. Ich küsste andere. Zum ersten Mal in meinem Leben. Flirtete und tanzte mit dem Feuer und verstand dabei, dass es doch nicht nur ein Brauchen sondern auch ein  Wollen ist, was dich betrifft. Ich wollte dich küssen und neben dir aufwachen. Tat das auch. Wollte aber noch nichts in Stein meiseln, weil mir sehr klar war, dass das erneute Ja zu dir eines für Immer sein würde, wie du es schon so lange wolltest und ich mir nehr als zwei Monate Zeit geben wollte um nach soetwas wie „Abstand“ zu dir zu suchen.

Ende des Sommers fuhren wir trotzdem gemeinsam auf Urlaub. Weil…tja. Und es war der Pärchenurlaub mit Doppelbett den man sich so am Meer vorstellt. Eine Annäherung nach einer Entfernung die es nie gab. „Lass uns wieder ganz normal zusammen sein!“, hast du mich immer wieder gedrängt. Nicht nur im gemeinsamen Urlaub und es war genau das was mich letztlich so zögern ließ. „Ich will keine Andere! Ich treffe mich mit keiner Anderen! Ich suche nach keiner Anderen!“ Ich wog mich in Sicherheit. In der Sicherheit mich noch mehr ausprobieren und mir noch Bedenkzeit nehmen zu können. Irgendwie hatte ich nämlich immer noch ein schlechtes Bauchgefühl wegen ein, zwei, drei, vier, fünf Dingen…

Nach dem Urlaub aber war mir klar, dass ich mich nicht mit anderen treffen muss um herauszufinden was ich will. Ich wollte dich. Prinzipiell. Aber an der Art von Beziehung die wir führten müsste gearbeitet werden. So viel war klar. Und das wusste ich obwohl ich nach dem Urlaub feststellte, dass italienischer Rotwein in die Beziehungs-und Familienplanung (vorab) eingeriffen hatte. Aber nur deswegen mit dir zusammen sein? Nein, das wäre nicht fair. Das wäre DIR gegenüber nicht fair, beschloss ich und behielt die Angst und die Umstände für mich.

Die Annäherung ging weiter. Wir waren wieder so wie wir immer waren. Aber ich ziehrte mich noch, weil ich Angst hatte, dass man oder du glauben könntest, dass ich dich nur der Umstände halber „zurück“ haben wollte. Weil ich Angst  hatte, dass ICH dich letztlich nur deswegen wollte. Verwirrende und überfordernde, kurze Wochen.

Die Nacht vom 19.11 auf den 20.11. Die Nacht in der wir viele Jahre davor offiziell ein Paar wurden. Ein besonderes Datum. Da wollte ich es dir sagen. Dir eine Art Antrag machen. Mich für deine Geduld mit mir bedanken und für die vielen Zurückweisungen der letzten Monaten entschuldigen. Es war kitischig und ideal. Ich würde mich an dich binden. Wirklich aus freien Stücken. Das was man Liebe nennt…das was du doch eigentlich hättest wollen sollen. Wolltest. Vergangenheit. Von der ich in meiner Erinnnerungs-Gegenwart noch nichts wusste.

Drei Tage vor unserem Jahrestag hattest du sie kennengelernt. Eine Andere. Nach der du nicht gesucht hast, aber von der du gefunden wurdest und von der du mir nichts erzählt hast. Auch nicht als du zwei Tage nach eurem Kennenlernen mit mir auf dem Sofa gesessen hast und mich küssen wolltest. Mehr wolltest. Mich wolltest. So wie du mich immer wolltest. Aber es war ein Tag vor meinem großen „Gespräch“ mit dir und ich wollte das jetzt nicht alles zwischen Sofa und Tür und Angel platzen lassen. Es sollte ein erinnerungswürdiger Moment werden.

Haha.

Warum du sie in unser Zuhause mitgenommen hast weiß ich bis heute nicht. Sie hatte eine eigene Wohnung, wir nur eine Etage im Großhaus deiner Eltern. Du wusstes ich würde am Morgen, an meinem Geburtstag, kommen. Du hattest mir ein Geschenk gekauft und es mit Disney-Prinzessinnen Papier verpackt. Ich habe keine Ahnung was da drin war. Ich weiß nur, dass eine fremde Frau in meinem Bett lag. In unserem Bett. Das war Überraschung genug.

Ich wünschte ich hätte keine Erinnerung an diesen Tag und all die Tage danach. Die Tage in denen du abwechselnd um mich gebettelt hast und dann wieder zurückweisend warst. Die Tage in denen sich die Geschichte wie und wann du sie kennengelernt hast varrierten und was ihr in der Nacht getan oder nicht getan habt. Es machte keinen Unterschied. „Verzeih mir!! Es tut mir soo leid!! Bitte lass uns wieder zusammen sein!!“ Und dann wieder „Wir waren ja getrennt!! Was hast du denn erwartet?!“ Puh. Saubere Trennungen sehen anders aus. Schöne Erinnerungen auch.

Erinnerung #8 lege ich jetzt zu den Akten. Meine Antwort lautet immer noch NEIN, falls du mal wieder auf die Idee kommst zu fragen.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wolfgang R sagt:

    Sei froh, dass Dir die Entscheidung abgenommen wurde. Auch wenn es weh getan hat.
    Du bist seitdem sehr gewachsen!

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    1. Sie wurde mir trotzdem nicht abgenommen, weil er danach eben doch alles bereute (und dann wieder nicht…blablabla). Aber er hat es mir sehr leicht gemacht. Und das war iwo doch mein Glück 🤗

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  2. Annas Welt sagt:

    meine mum hat mal zu mir gesagt wenn du dich zwischen zwei leuten entscheiden mussz nim den zweiten weil wenn du den ersten wirklich geliebt hättest dan gebe es keine nummer zwei. Ich weiß nicht ob dieser Spruch gerade passend ist aber er kam mir in den sinn als ich deine Geschichte gelesen habe.

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  3. a CUT is a CUT …

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