Einer von den Guten

Der Roland ist einer von den Guten“, sagte mir meine Freundin Alex, damals als ich gerade 17 Jahre alt war und ich zu verstehen begann, dass dieser ominöse Roland mit den längeren Haaren und den schönen Händen, wohl Interesse an mir hatte. „Der Roland ist ein Lieber.“, versicherte sie mir und das bedeutete etwas. Damit war er ‚Freundinnen approved‘.

Es war mir nie so bewusst, aber diese Worte, in denen so viel Beschreibung lag, haben all die Jahre hinweg und auch jetzt noch, sehr viel Bedeutung für mich und wie ich die Männerwelt sehe. „Der Roland ist ein Guter.“, war eine Art Sicherheit und Bestätigung. Eine Art Bescheinigung aus seinem und einem Teil meines Freundeskreises. Hätte Alex damals nicht gesagt, dass Roland ein „Guter“ ist, ein „Lieber“ ist, dann hätte sich sehr wahrscheinlich alles ganz anders entwickelt. Ich vertraute Männern nicht (weil ich sie auch nicht kannte und mir alles was mit ihnen zu tun hatte eher Angst machte), aber ich vertraute meiner Freundin und ihrer Menschenkenntnis bzw. ihrem Urteil.

Wie sich im Laufe der Zeit auch herausstellte, war Roland keineswegs einer von ‚den Guten‘ und heute bin ich mir nicht mal mehr so sicher, ob man das pauschal überhaupt von irgendjemandem behaupten kann. Bei meinem Ex-Freund jedenfalls, griff ich rückblickend wirklich sehr, sehr weit neben einem ‚guten Mann‘ und es tut mir leid, mit dieser Erkenntnis heute leben zu müssen. Zumal ich sehr lange an diesem ‚er ist ein Guter‘-Gedanken festgehalten habe und vermutlich auch deswegen vieles entschuldigte und mit mir machen ließ. Das liest sich jetzt vielleicht furchtbar naiv, aber so war ich auch. Verletzlich und unerfahren und leicht zu beeindrucken.

Später dann, im Laufe unserer langen Beziehung, wenn mich Leute über Roland fragten und warum ich mit ihm zusammen sei, dann würde ich immer antworten: „Der Roland ist halt einer von den Guten.“ oder „Der Roland ist einfach ein Lieber.“ Da lag viel Vertrauen in diesen Worten und wenig Reflexion. Es hatte trotzdem Gewichtung und große Auswirkung auf meine Entwicklung und mein Leben ganz im Allgemeinen. Heute bin ich immer sehr vorsichtig, wenn man mir einen Mann vorstellen will, der angeblich einer ‚von den Guten‘ ist. Irgendwie sind mir die suspekt. Zu groß ist die Gefahr, dass ich an meinem Geburtstag nachhause komme und den Mann den ich liebe mit einer fremden Frau in unserem Bett vorfinde. Eher weniger gut.

Manchmal, gerade jetzt wo ich bald wieder Geburtstag habe und Freunde sich Sorgen machen, wie ich ihn denn und ob ich ihn feiere- nach dem unerwarteten Fiasko, das DU letztes Jahr daraus gemacht hast- denke ich an dich. Nicht sehr oft, aber ab und zu. Meistens dann, wenn ich autofahre. Beim Autofahren hast du immer meine Hand genommen und gehalten. Sie geküsst. Sie auch nicht losgelassen, wenn du schalten musstest. Das fand ich am Anfang unserer Beziehung total süß. Später nervte es mich und ich entzog dir immer öfter meine Hand. So wie auch ich mich entzog. Als ganzer Mensch. Trotzdem hast du immer wieder nach mir gegriffen. Mir keinen Raum gegeben. Kein nein, akzeptieren können, auch wenn es noch so liebevoll oder hart formuliert war. Weil du nicht alleine konntest und nicht damit zurecht kamst, dass ich auch alleine wollte. Nicht ausschließlich alleine, aber zumindest ab und zu. Weil Liebe nicht gleich Abhängigkeit ist und ich das früher als du kapierte.

Ja, manchmal denke ich an dich, wenn ich nicht autofahre und da sind auch gute Gedanken und Erinnerungen dabei. An das erste Weihnachten. Den Sommer nach dem Abitur. Facebook erinnert mich in letzter Zeit wieder sehr hartnäckig an ‚Momente an die ich mich vielleicht gerne zurück erinneren‘ und das stimmt teilweise auch. Trotzdem ist heute klar, dass du ganz sicher keiner ‚von den Guten‘ bist und es ist gut, dass ich das rechtzeitig herausgefunden habe. Du hast mich nicht auf Händen getragen, weil du mich höher heben wolltest. Du hast mich getragen, weil du wusstest, dass sich unsere Wege trennen würden, wenn ich selber lerne zu laufen. Das schwierigste Gefängnis um auszubrechen, besteht aus zwei Armen, die klammern.

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. ballblog sagt:

    Solch eine Erfahrung zu machen ist maximaler Mist! – Kein Wunder, wenn Du solche „gedanklichen Reflexe“ hast bei „ist ein Guter“ oder selbst beim Geburtstag. Das würde vielen anderen ganz ähnlich gehen.

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    1. Ja, das war echt extrem hart und bitter. Aber das Leben geht weiter 😊💪

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  2. guinness44 sagt:

    Wenn es ein Phasenschwein geben würde, dann könnte ich für meine Gedanken kräftig einzahlen. Was einen nicht umbringt, macht einen härter. Deine Freundinnen haben den Roland wohl weg gelobt. Besser so eine Erfahrung jetzt als mit dem Vater Deiner Kinder, etc.

    Du hast bestimmt schon alles gehört. Im Endeffekt solltest Du Dir bewusst sein, dass Du Dich selbst aus der Schei… befreit hast. Du hast Dein Leben in die Hand genommen und Konsequenzen gezogen. Ja, aus heutiger Sicht hättest Du es früher machen können. Aber hinterher ist jeder schlauer.

    Ich hatte vor kurzem mit meiner Frau Jahrestag. Ich platze vor Stolz über diesen langen Zeitraum. Als wir beim Essen zusammen saßen haben wir über einige Episoden gesprochen wo unsere Beziehung hätte vorbei sein können. Zum Glück haben beide durchgehalten. Aus heutiger Sicht wäre es auch wirklich ein Jammer gewesen, wenn wir nicht zusammen geblieben wären. Aber damals hatten wir diese Sicht nicht. Man kann immer nur im Moment entscheiden und hoffen, dass es die richtige Entscheidung ist. Man kann aber auch sehr deutlich die Grenzen aufzeigen und dass es null Toleranz gibt, wenn diese Grenzen überschritten werden.
    Als Vater einer pubertierenden Tochter muss ich immer an dieses Filmzitat denken: „Man hat immer Angst, dass die Tochter den falschen Mann mitbringt. Irgendwann hat man Angst, dass sie den richtigen Mann mitbringt „.

    Der kommt noch für Dich. Einfach festhalten.

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    1. Oohh^^ das ist ein sehr schöner, lieber und persönlicher Kommentar! Ich hab mich total gefreut. DANKE!

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  3. Wolfgang R sagt:

    Ich freue mich für Dich dass Du selbst laufen kannst!

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