An was ich mich erinnere #3

In unserem alten Wohnzimmer. Linkst ist die braune Kastenwand, die den großen Raum so klein wirken lässt. Ihr gegenüber die schwarze Ledersofa-Landschaft, die die Handschrift meines Vaters trägt und die Zeichen der Zeit. Ein Glastisch, mit der abnehmbaren und nur lose eingesetzten Platte, steht in der Mitte als Sofatisch und meine Mutter wird meine ganze Kindheit hindurch Angst haben, dass ich ihn kaputt mache oder mich daran verletzte, ihn aber nicht durch einen anderen Tisch ersetzen.

Vor mir wartet mein Vater, mit ausgestreckten Armen. Ich baumle in der Umarmung meiner Mutter und strample und wackle, weil ich mit meinen kleinen Füßen den Boden berühren will. Ich trage ‚rutsch-fest‘-Socken mit Noppen an den Sohlen und ich glaube sie waren grün. Meine Augen sind auf die grauen Jogginghosen-Beine meines Vaters gerichtet, aber alles in meiner Erinnerung wackelt. Weil ich wackelte.

Einmal habe ich es schon geschafft zwischen meinen Eltern, auf unsicheren Beinen einer 2 Jährigen, hin und her zu laufen. Ich war spät dran mit dem Laufen, weil ich nicht gesund zur Welt kam, hätte aber nach der Spreizhose schon sooo gerne sofort angefangen zu gehen. Durfte aber nicht, weil meine Mutter Angst hatte. Und weil krabbeln ja so wichtig ist, für die Entwicklung eines Kindes. Ich habe keine Erinnerung mehr daran wie Erwachsene mir ‚vor krabbelten‘ um mich zu animieren und in der Hoffnung, dass ich es ihnen nachmachen wollte. Ich wollte es ihnen auch nachmachen. Nur halt nicht das Krabbeln sondern das Gehen. Aus Protest (und weil das schneller ging) bin ich ausschließlich gerollt. Irgendwann krabbelte ich dann doch und durfte dann auch endlich gehen. Meine Mutter bestand aber auf die Reihenfolge.

Meine Beine berühren den Boden und ich versuche schon los zu laufen, da hält mich meine Mutter noch für den sicheren Stand an den Armen fest. In der Sekunde in der sie mich los lässt, tapse ich los. Auf meinen Vater zu, der sich mir mit dem Oberkörper entgegen streckt. Ich bin das erste Kind dem die beiden beibringen zu gehen und die Gewichtung dieses Augenblicks könnte für die Familienchronik nicht bedeutender sein.

Ich mache ein, zwei, drei, vier Schritte gerade aus und komme meinem Vater immer näher, bis ich plötzlich scharf links abbiege und- der Erzählung meiner Eltern nach- praktisch los sprinte! Schnurstracks in das angrenzende und doch recht weit entfernte Vorzimmer. Ich kann mich nicht mehr an den Aufschrei meiner Mutter erinnern oder an das panische und ungläubige Aufspringen und hinter mir her laufen. Ich weiß auch gar nicht mehr wie ich ins Vorzimmer gedüst bin. Ich erinnere mich bloß noch daran, dass ich mich vor dem Spiegel im Flur wiederfand, in den ich in aufrechter Position nun endlich hineinschauen konnte, ohne darauf zu warten, dass mich jemand hochhebt. Es war ein langer, hoher Spiegel, mit schöner Verzierung auf der Seite. Ich erinnere mich an mein Gesicht, dass mir entgegen starrte. Zufrieden. Triumphierend. Fasziniert.

Immer wieder werden meine Eltern diese Geschichte von meinem ersten Geherfolg erzählen und mein Vater wird über seine Prinzessin lachen und sagen, dass es sehr bezeichnend war, dass mich mein erster eigens gewählter Weg zum Spiegel führte. Ich werde sehr lange das Gefühl haben mich dafür schämen zu müssen, weil Eitelkeit keine gute Eigenschaft ist. In meinem Kopf ist es die frühste Erinnerung. Vielleicht habe ich die Geschichte aber auch nur so oft gehört, dass sie meine eigene wurde.

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