Heilungsprozess im (S)Exzess

Das hier liest sich vielleicht wie eine große, große Dummheit. Ist es aber nicht. Das hier hat alles mir Freiheit und nichts mit Müssen/nicht-anders-können zu tun. Ich bin selbst überrascht.

 

Es ist mitten in der Nacht. Ich bin auf dem Weg nachhause. Dort wartet der Hund und mein eigenes Bett, ohne Lichterketten. Ich hätte aber auch in seinem bleiben können. Mit Lichterketten. Die Option hatte ich. Wollte ich aber nicht. Das ist eine Vertrautheit, die ich nicht einfach so mit jemandem ‚herstellen‘ will und in seinen Armen einschlafen…das fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Ich bin ganz überrascht wie gut ich gelernt habe auf meine Gefühle, auf das berühmte Bauchgefühl, zu achten. Wir sind im flow.

Ich laufe in der lauen/kalten Herbstnacht Richtung Heim und erwarte mir fast ein Stechen in der Brust. Nicht weil ich außer Form bin, sondern weil ich Ich bin und er mein schwarzes Loch. Weil es doch nicht so einfach sein kann. So unkompliziert. So unaufgeregt. Aber es passiert nichts. Nichts. Ich bin einfach nur glücklich. Entspannt. Befriedigt. Sehr. Ich fühle mich gut. Befreit. Alles in mir jubelt.

Dieses Mal ist es anders zwischen uns zwei. Ich frage mich ob ich tatsächlich jemals in ihn verliebt war? Am Ende war es damals doch nur die Zurückweisung die in mir solche ‚Gefühle‘ ausgelöst hat. Aus einem trotzigen Unverständnis heraus, oder wie auch immer man das eloquent beschreiben würde. Ich bin dem Universum dankbar, dass es nicht locker gelassen hat und ihn mir immer und immer wieder über meinen Weg geschickt hat. Dass es jetzt gerade so ist wie es ist und er mir erlaubt ihn in dieser Weise (liebevoll) zu benutzen.

Seine Sex-Skills haben sich mächtig verbessert, dabei fand ich ihn damals schon gut. Jetzt aber hat er ein paar Moves drauf: Holla die Waldfee! Danke an die mir unbekannten Frauen für ihren Einsatz. Und die Idee mit dem Spiegel war gut! Das hatte was. Zumindest für ihn. Ich war nicht ganz so viel damit beschäftigt das gemeinsame Spiel im Spiegel zu betrachten. Meine Welt wurde gerade drei, vier, fünf Mal aus den Angeln gehoben und dreht sich immer noch zu schnell. Ob man beim Sex hyperventilieren kann? Ich glaube ich war vorhin kurz davor.

Es begann ganz langsam. Er nimmt meinen Kopf in seine Hände, legt sie an meinen Hals und küsst mich. Kein Überfall. Auch danach nicht. Er nimmt sich Zeit. Ich initiiere dieses Treffen. Weil ich dieses Mal die Regeln und das Tempo vorgebe. Das ist meine Zeit. Meine Affäre. Meine Entscheidung. Ich bin nicht mehr getrieben von irgendwelchen Vorstellungen oder Träumereien. Ich halte seinen intensiven Blicken stand. Kann mir von ihm sagen lassen, dass ich so wunderschön bin und lasse mich in seiner Zuneigung fallen. Ich verfalle ihm aber nicht. Das ist der Unterschied.

Zuerst ist sein Mund fremd und ich denke mir, dass sich das früher aber anders angefühlt hat. Besser irgendwie. Bald gewöhne ich mich aber an ihn. Wieder. Der Rausch ist trotzdem weg. Ich trinke von ihm, aber ich verliere dadurch nicht die Besinnung, den Verstand oder mein Herz. Das hier zehrt nicht, es nährt. So sollte es sein. Ob er mir etwas zu Essen machen soll? In zwanzig Minuten wäre es fertig. Nö, beschließe ich. Ich will mit ihm nicht essen. Ich will mit ihm schlafen. Nichts weiter. Aber auch nicht weniger.

„Ich hatte in Erinnerung, dass es gut war.“, keucht er. „Aber SO hatte ich es nicht…“ Weiter kommt er nicht. Weil er kommt. Oder ich. Na jedenfalls sind wir zufrieden. Und erschöpft. Er küsst meinen Rücken. Lehnt sich an mich. Sucht Nähe. Keine Schmetterlinge, nur Wärme macht sich in mir breit. Das hier ist schön, stelle ich fest. Das hier ist unaufgeregt. Das hier ist neu. Obwohl es das älteste Spiel meiner Twentysomething-Existenz zu sein scheint. Mein Herz rast, aber alleine wegen der körperlichen Anstrengung, die man Extase nennt.

Nichts in mir wartet am nächsten Tag darauf, dass er sich meldet. Keine Erwartungen. Kein Verlangen. Keine Träumerei. Kein ‚brauchen‘. Zuneigung. Aber auf eine sehr heilsame Art und Weise. Ich bin unglaublich froh, dass ich das gemacht habe. Dass ich es mit ihm gemacht habe. Erneut. Hätte ich es nicht getan, wäre er in meinem Hinterkopf vielleicht weiterhin ’special‘ gewesen, auf eine Art und Weise wie mich nur meine eigenen Emotionen hinters Licht führen und manipulieren können. Ein exzessiver Heilungsprozess. Ich habe einen Froschprinz verloren und einen Freund gewonnen. Glück hat ganz viele Gesichter. Dieses hier ist neu.

 

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Honestlyps sagt:

    Interessanter Beitrag..dieses Gefühl kenne ich auch, wenn man jemanden auf ein Podest hebt..nur weil man sich fragt „was wäre wenn“. Und ich glaube das war die absolut richtige Entscheidung, dem ganzen nochmal ein 2.0 zu geben..und es damit zu entzaubern. Sehr schön geschrieben! Gern mehr davon 🙂

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    1. Dankeschön! Ja, ich war ehrlich gesagt dann doch überrascht, dass das für mich so wunderbar geklappt hat. Ich hattd ja die leise Befürchtung, dass ich mich da selbst in meiner Wahrnehmung betrüge und da schon sehr unvernünftig agiere. Egal was ich denke/mir einrede zu fühlen. War aber nicht so 😊 Ist wirklich alles ganz wunderbar und ein total schöner Abschluss dieser emotionalen Odysee 👍

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