Glück

Ich sitzte auf dem Dach eines Hostels, mitten in Edinburghs Zentrum. Alles ist noch ein bisschen feucht vom Regen, aber der Himmel ist klar und die Luft ist frisch. Von der Straße tönt Menschenlärm und Live-Musik. Ich ziehe meine Jacke enger und spiele mit dem Ring an der Öffnung meiner Flasche süßem Cider.

Ich atme ein und atme aus. Fülle meine Lungen mit Leben und hauche es wieder aus. Ich hänge nicht daran, aber ich nimm es gerne wieder als Geschenk in mir auf. Endlich. Irgendwo auf einem Dach in Schottland.

Eigentlich hätte ich diese Nacht bei Chris unterkommen sollen, aber der war schon gegen 17 Uhr total betrunken. Seine Kumpels auch. Das Fringe Festival hier ist heftig. Ich fühlte mich dann nicht direkt unsicher bei ihm zu übernachten, aber doch etwas unwohl. Also beschloss ich auf die Suche nach einem Hostel zu gehen und fand auch ein total nettes. Wie es dazu kam ist aber eine andere Geschichte. Ich werde sie „Der Hostel-Typ“ nennen, oder alternativ „Warum das Glückskeks doch recht hatte“.

Na jedenfalls sitzte ich jetzt mit einer kleinen Gruppe bestehend aus Holländern, Belgiern und Amerikanern, die ich vor einer halben Stunde noch gar nicht kannte, auf diesem Dach und fühle mich seltsam. Seltsam erfüllt. Seltsam zufrieden. Gleichzeitig seltsam ausgelassen und berauscht. Es dauert eine Weile bis ich verstehe, dass sich so das ganz große Glück anfühlt. Ich bin glücklich und bin von diesem Sentiment irgendwie überrascht.

Ich kippe meinen Cider und wir ziehen los. Eigentlich wollen wir Eis, aber uneigentlich bleiben wir in mehreren Pubs hängen. Ich flirte mit Bar-Keepern, tanze mit alten Frauen vor einer Volklore-Band, deren Altersdurchschnitt wohl bei 75 liegt und die trotzdem die Kneipe rocken und singe selbstbewusst gälische Texte die ich nicht kenne.

Die Gesichter rund um mich herum lächeln und ich lache zurück, kaufe an einem kleinen Stand eine Ansichtskarte mit halb-nackten schottischen Männern die von einer Brücke piseln und habe keine Ahnung wem ich sie schicken werde. Wir laufen dunkle und helle Straßen auf und ab, in einer Stadt in der wir nur Gäste sind und die heute Nacht trotzdem uns gehört.

Irgendwann falle ich müde ins Bett und kann gar nicht aufhören zu grinsen. ‚Glück‘, flüstere ich mir selbst zu, weil die Stimme im Kopf nicht ausreicht. ‚So fühlt sich Glück an.‘ Ich nehme mir fest vor das nie mehr wieder zu vergessen. Mich nie wieder in einer Beziehung zu verlieren, die alles geben will und dabei alles nimmt. Die Freude. Das Ich. Das Glück. Das Leben.

Plötzlich merke ich, dass ich zum ersten Mal wirklich dankbar bin für diese Zeit. Für diese Trennung. Für jeden grauenvollen Aspekt des Zerwürfnisses. Für die Hölle in die er mich so unerwartet stieß und die ich alleine durchlaufen musste. Für die Verzweiflung. Für die Angst. Für die Unsicherheit und Machtlosigkeit. Für das Gefühl in einem Eissee zu schwimmen und langsam darin zu ertrinken. Den Kampf, den man nicht kämpfen will, zu verlieren.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht ertrunken bin. (Mich und das Leben) nicht aufgegeben habe. Ich bin so unglaublich stark. So unglaublich mutig und widerstandsfähig und irgendwo in diesem Überlebenskampf, habe ich das Glück wiedergefunden.
Fast ironisch, dass der Mann der mich so klein und abhängig machte, in gewisser Weise praktisch dafür verantwortlich ist, dass ich heute weiß was alles in mir steckt. Wie groß ich tatsächlich bin. Wie großartig.

„You’re like a phoenix!“, hat heute einer zu mir gesagt. „You burn from the inside! You burn with life.“ Das war ein schönes Kompliment, fällt mir jetzt auf. Ich bin vielleicht wirklich wie ein Phoenix, aus der eigenen Asche auferstanden.

Ich fühle mich so unglaublich stark, in diesem Moment in dem ich eigentlich so erschöpft bin. Nach allem was war. Ich öffne jetzt nicht nur Gurken– und Honiggläser alleine. Ich (er)öffne gerade mein Leben. HELL YEAH!

P.S. sorry, dieser Beitrag ist ein klein wenig pathetisch. Aus mir spricht der Schlafmangel, der Alkohol und ein stolzes Mädchen, das viel tapferer ist als sie wusste.

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. so war selbst dieser LOSER für was gut …

    schlaf schön … stolzes Mädchen …

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    1. 💪 ein unglaublich berauschendes und gleichzeitig beruhigendes Gefühl

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      1. also ein unFUCKINGfassbar gutes Gefühl …

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  2. Jule sagt:

    Beim Lesen muss man einfach erfüllt lächeln. Schön. 🙂

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    1. 😊😊😊 ich kann auch gar nicht damit aufhören

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  3. Das Gefühl kenne ich. Mit genau dem gleichen Gefühl, denke ich an meine letzte Beziehung zurück. Da wird man jahrelang klein gehalten und es macht einen umso stärker… Zum Glück! 🙂

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  4. Wolfgang R sagt:

    Schöne Nachrichten aus Schottland! Ich werde nie begreifen, warum sich Menschen durch ihre Partner oder Partnerinnen klein machen lassen. Umso erfreulicher, dass Du nun diese neue Erfahrung machen durftest.

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    1. Ich glaube ja, dass man da einfach so „rein rutscht“ über die Zeit/Jahre. Eine Beziehung entwickelt eine Dynamik ud die ist nicht immer gesund. Das war mir aber ib meinem Fall nicht bewusst bzw wollte ich es sicher auch ganz lange nicht wahr haben.
      Aber ja, die Erfahrung war wertvoll ☺

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