Die kleine Philosophin

Meine Kindergärtnerin ist alt geworden. Für mich war sie das gefühlt schon immer. Nun aber, ist sie so alt, dass sie in das Alter gekommen ist in dem sie sterben wird. Bald schon. (Heute)

Hätte ich eine Vorstellung von meiner guten Fee, dann wäre es diese Frau. Eine Mutter, wenn meine wiedermal zu beschäftigt mit ihrer Chemie war um diese Rolle zu füllen (die sie nie wollte). Eine Oma, wenn meine zu weit weg war um mich in ihren Armen und runzligen Händen zu verstecken. Eine Verbündete, wenn es eine Verbündete brauchte. Für mich war „meine Tante“, immer mehr als nur das.

Sie erkennt mich sofort, als ich durch die Krankenzimmertür in ihr Zimmer trete. Das Lächeln das sie mir schenkt wärmt mein Herz. Die Hand die sie mir entgegen streckt, fasse ich als würde ich sie nie mehr los lassen. „Da bist du.“, sagt sie und beginnt sich zu entspannen. „Da bin ich.“, lächle ich sie sanft an und setzte mich an ihr Bett.

Als ich mit 3 Jahren in ihre Kindergartengruppe kam, entwickelte ich mich schnell zu ihrem Liebling. Weil ich sie liebte. Abgöttisch. Gleich auf den zweiten Blick. „Man darf ja eigentlich kein Lieblingskind haben…“, sagte sie später mal zu mir, als ich schon längst im Gymnasium war. „Aber…“. Ich war es dann halt doch.

Als ich überraschend Philosophie zu studieren begann, war sie die Einzige, die mir Rückendeckung gab. „Du warst immer schon eine kleine Philosophin.“, erzählte sie, zu meiner großen Überraschung. Angeblich gab es da mal so ein „Projekt“ im Kindergarten, wo mit uns Zwergen über so Dinge wie Liebe und Sein und Tod geredet wurde. Für eine Zeitung. Mit zwei Philosophen. „Es war beängstigend wie abstrakt du damals schon denken konntest.“, sagt sie gedankenverloren. „Eine tiefe kleine Seele.“ Eines von diesen „Warum“-Kindern, das die Erwachsenen nie danach fragte, sondern sich selbst in ihrem kleinen Kopf auf die Suche nach Antworten begab.

Ich erzählte ihr nie, dass die kleine Philosophin zeitweilig drohte eine große Zweiflerin und Zynikerin zu werden. Dass es so unglaublich anstrengend ist, wenn man so empfänglich ist und sich einem die Fragen und Überlegungen so unaufhörlich aufdrängen. Von den Birkenstocksandalen und Waldviertlerschuhen, erzählte ich ihr auch nichts.

Ich erzählte ihr von Kirkegaard und einer Thiel-Vorlesung die mich weinen ließ. Von der Konferenz in England zu der man mich schickte. Von den Bildern großer Denker an meiner Wand und der ersten Ausgabe von Simone de Beauvoirs Werk, das ich auf einem Flohmarkt aufgesammelt habe. Dass ich es wieder lieben gelernt habe mich mit der Welt zu beschäftigen. Dass ich mir nicht mehr verzweifelt Augen und Ohren zu halte und nach einem „aus“-Knopf suche.

Sie weiß natürlich, dass ich in der Theologie das gefunden habe, was ich in der Philosophie so vermisste. Ein Mehr und Antworten. Nicht nur Überlegungen. Wahrheit. „Meine kleine Philosophin.“, schmunzelt sie und berührt meine Wange. „Mach dir nicht zu viele Gedanken. Versink nicht alleine im Ernst dieser Welt, dem du nicht aus dem Weg zu gehen schein kannst. “

Sie war es auch die gesagt hat: „Schreib! Lass dich nicht alleine mit all deinen Gedanken. Im teilen liegt die eigentliche Kraft und Weisheit.“ Jedes Kind hat eine solche gute Fee verdient. „Ich geh jetzt mal ein bisschen schlafen.“, sagt sie und ich weiß nicht ob es ihre Art ist das Sterben zu um/beschreiben. „Und du“, sagt sie. „Du gehst jetzt mal ein bisschen die Welt retten.“ Ich verspreche es. Auch, wenn sie mir ohne dir ein bisschen sehr leer vorkommt.

Schlaf gut, liebe Tante.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. schon als kleiner Bub war mir klar … André … du heiratest eine KindergartenTANTE …

    habe ich dann auch … allerdings ist die total untypisch … für diesen Beruf …

    außerdem LIEBE ich noch eine KindergartenTANTE hier im Blogland … die ist Lesbisch … und das … ist auch gut so …

    dein Beitrag gefällt mir … und scheint viel über dich auszusagen … kleine Philosophin …

    möge es der lieben TANTE gut gehen … da wo sie jetzt hingeht …

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      1. you´re welcome …

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