Von hupenden Autos, Eis am Stiel und Abschieden

Er und ich schlendern den Gehsteig entlang. Beide mit billigem Wassereis am Stiel. Wir quatschen und lachen und ich erschrecke mich fast zu Tode, als ein Auto neben uns laut hupt. Zuerst schaue ich mich mal -ganz österreichisch- irritiert und schimpfend um. „Was für ein Wappler!?“, entfährt es mir und dann nehme ich Augenkontakt mit dem schuldigen Autofahrer auf. Er hebt seinen Kopf in meine Richtung, grinst, fährt starrend vorbei und verschwindet aus meinem Sichtfeld. „Was war denn das?“, frage ich und Martin lacht: „Der hat dich angehupt!“ Aha. Ahja. Ist ja Sommer. Ist ja Österreich. Sind ja Männer.

Dann gehts weiter. Wir sind auf dem Weg zu meiner Arbeitsstätte. Martin begeleitet mich. „Wie wird das eigentlich, wenn du kommendes Semester nicht mehr arbeitest?“, fragt er. Ich zucke mit den Schultern. „Schön, vermutlich.“, antworte ich. „Aber vielleicht wird es mir doch ab und an fehlen.“ „Das glaube ich auch.“, sagt Martin. „Dann wirst du nicht mehr täglich von fremden Männern mit Schokolade beschenkt.“ Ich lache. Mein Kumpel hat den Eindruck ich werde die ganze Zeit über von Kunden mit kleinen Geschenken überhäuft. Irgendwie hat er ja auch recht und immer wenn er zufällig vorbei kam, machte mir gerade jemand ein Kompliment oder brachte Pralinen aus dem Shop nebenan vorbei. Das waren aber wirklich nur Zufälle und ich bekam gar nicht sooo häufig kleine Aufmerksamkeiten überreicht. Trotzdem frage ich mich wie ich es verkraften werden, wenn diese alltäglichen Aufmerksamkeiten und Bestätigungen irgendwann aufhören werden.

Wir spazieren eine ruhige Seitengasse entlang, da wird ein Lieferwagen im Vorbeifahren langsamer. Zwei Männer sitzen darin und der jüngere Fahrer lehnt sich über seinen Beifahrer, um mich besser abzuchecken. Beide Männer grinsen dämlich. Es ist nur ein kurzer Moment, aber trotzdem lustig. Heute bin ich ja auch mit einem Mann unterwegs, dass man da trotzdem so dreist österreichisch agiert, wundert mich fast ein bisschen. „Hab ich was im Gesicht?“, frage ich Martin „Schönheit.“, sagt er und ich drücke ihm ein Wassereis-Busserl auf die Wange, für das ich mich ganz schön auf die Zehenspitzen stellen muss. Wir wissen beide, dass sich uns das Auto von hinten näherte und wohl kaum mein Gesicht ausschlaggebend für das männliche Interesse war. Ein Hoch auf meinen Hintern!

„Und?“, frage ich. „München oder Berlin?“ Martin hat sein VWL/BWL Studium abgeschlossen und verlässt unsere Uni-Stadt. Ich werde ihn ganz schrecklich vermissen. Wir lernten uns eines öden Wintersemesters in einem Seminar auf der Amerikanistik kennen, das bis heute das einzige Seminar ist das ich dort besucht habe. Martin studierte irgendwie so nebenbei zum Spaß Englisch. Der Vortragende zum Thema „Medicalization and Pathologization in US Culture“ war zwar zum Schmeißen und das Ganze rutschte, wie alle Culture Seminare in den Geisteswissenschaften, in eine Gender-Studies Diskussion ab, aber Martin und ich fanden zueinander und schlossen eine enge Freundschaft.

Die Hoffnung, dass er nach dem Studium vielleicht in Österreich bleiben würde zerschlug sich leider immer mehr. Aber Deutschland ist zumindest nicht Belgien und Adidas und BMW zahlen einfach besser wie das österreichische Ministerium für Integration oder so. Ich verstehe das und werde jetzt trotzdem  ganz schwermütig. „Du kommst mich besuchen!“, bestimmt Martin. „Aber klar doch!“, bestätige ich und hoffe, dass es wirklich dazu kommen wird und uns nicht das Leben immer wieder dazwischen und immer weiter auseinander bringen wird.

Aus seiner Wohnung, nicht unweit von meiner, ist er schon mit Anfang des Monats ausgezogen und wohnt jetzt den Sommer über vorübergehend bei seinen Eltern, bis er dann im Herbst alle Zelte abbrechen wird. Martin ist 25 und ich merke, dass ihm der Abschied zwar auch schwer fällt, er aber bereit für Neues ist. Ich spüre den Wunsch danach in meinem eigenen Leben auch schon so dringend, aber bei mir wird das Studienende und der damit verbundene Lebensabschnitts-Bruch noch ein Weilchen brauchen. Bis dahin versuche ich die Zeit einfach zu genießen und nicht schon zu sehr in und für die Zukunft zu leben.

„Komm her, Puppe!“, sagt der geschniegelte Mann, als er mich bis zu meiner Arbeitsstelle begleitet hat, hebt mich hoch und drückt mich an sich. Ich quietsche und er lacht. „Melde dich, wenn du nach Asien wieder da bist und bevor du gleich wieder nach Schottland abhaust!“ Ich verspreche ihm mich zu melden und er verspricht mir beim Wäsche waschen zu helfen. Viel mehr werde ich in den wenigen Tagen wohl nicht machen. „Aber einmal musst du mich in der Pampa besuchen kommen!“, ruft er noch. „Meine Mama will dich unbedingt kennenlernen.“ „Das wird sie doch sowieso spätestens zur Sponsions-Feier, oder?“, erwiedere ich und freue mich trotzdem. Mein Herz ist ganz erfüllt mich Zuneigung und freundschaftlicher Liebe. „Wir machen eine Radeltour von Kirche zu Kirche! Versprochen!“ Das hört sich fantastisch an.

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