Lieber schwul als tot

Mein Cousin heiratet. Einen Mann.

Raphael ist mein Lieblingscousin. Also eigentlich ist er mehr ein Großcousin, weil das bei uns in der Familie alles recht kompliziert und schwierig und verzweigt ist, aber damit wollen wir uns hier mal nicht länger aufhalten. Ich bezeichne Raphael als meinen Cousin und alle anderen tun das eigentlich auch. Alles wunderbar.

Wunderbar war eigentlich auch seine Kindheit und das Heranwachsen am Land. Zumindest hatte es den Anschein. Nach der Schule machte der blond gelockte Junge eine Lehre zum Gärtner und Floristen und arbeitete später mal eine Weile als Makler. Raphael war ein lieber Typ mit einem sonnigen Lächeln und blitzblauen Augen, den die Mädchen im Dorf mochten. Aber Raphael mochte Mädchen nicht, auch wenn er das damals noch niemandem sagte und sich zu diesem Zeitpunkt auch noch niemand ernsthaft Sorgen deswegen machte, dass der älteste Sohn kein ‚Weiberer‘ war.

Als er sich allerdings nach einer durchfeierten Nacht in der Dorfdisco mit Tabletten in einer alten Mühle im Wald (in der sich mein Urgroßvater nach dem Krieg mit einer selbstgerichteten ‚Einbrecherfalle‘ aus Versehen selbst das Leben nahm und grausam von einem Mühlstein erschlagen wurde) ‚hamdrahn‘ (=umbringen) wollte, kam alles ans Licht. Der fröhlich wirkenden und stets hilfsbereite Raphael, mit dem ich meinen ersten Tanz tanzte und für den ich als kleines Mädchen heimlich schwärmte, war schwul. Und verzweifelt. So verzweifelt, dass er sich lieber das Leben nehmen wollte, als mit der Wahrheit herauszurücken.

Anfangs waren alle nur geschockt. Die bäuerliche kleingeist Kultur ließ auch nicht lange mit vernichtender Kritik und Urteil auf sich warten. Das war keine leichte Zeit. Für niemanden und auch wenn ich damals ziemlich außen vor gelassen wurde, so habe ich Raphaels Mutter doch oft weinen hören. Das neue Leben meines Cousins war kein einfaches, aber es war zumindest ’seines‘ und er begann sich damit zu arrangieren und seine engste Familie brachte Verständnis auf, auch wenn sie es nicht verstand. Damals und heute fielen viele Sätze, über die man als junge Studentin -mit einer ganz anderen Lebensrealität- nur den Kopf schütteln kann, aber das ist eben das Land und das sind eben auch irgendwie ‚Zeiten‘.

Mein familienintern geouteter Cousin begann in der Gartenabteilung eines Lagerhauses zu arbeiten und lernte dort bei seiner ersten Weihnachtsfeiern, in dem sämtliche Lagerhaus-Mitarbeiter von anderen Standorten zusammen feierten, Gerald kennen. Damals, wusste die breite Öffentlichkeit aber noch gar nicht über die Liebe meines Cousins zu Männern bescheid und als Gerald meinen Cousin erblickte und ihn unbedingt kennenlernen wollte, da sagte man ihm: „Geh bitte, des is der Raphael. Der is net schwul. Der will nix von dir.“ Wollte er aber doch und kurz nach Weihnachten waren sie ein Paar. Das ist jetzt 8 Jahre her.

Mittlerweile haben die beiden ein Haus gekauft und renoviert und ein weiteres geerbt und hergerichtet. Sie arbeiten immer noch im Lagerhaus, allerdings nicht am selben Standpunkt und ich habe selten zwei so harmonische Menschen zusammen erlebt. Der schillernde Gerald backt gerne und dekoriert alles was sich nicht wehren kann und mein eher zurückhaltender Cousin kümmert sich um Garten und Pflanzen. Sie hatten schon die Dynamik eines alten eingespielten Ehepaares, lange bevor sie beschlossen (und es ihnen erlaubt war) zu heiraten.

Die Hochzeit kommendes Wochenende wird sicherlich wunderschön. Seit Wochen basteln sie schon an der Tischdeko und den Namenskärtchen. Mit viel Liebe zum Detail gehen sie an alles in ihrem Leben heran. Umso trauriger, dass sich viele eingeladene Gäste und Verwandte nicht dazu überwinden können zu kommen. Die Einen geben die Kleidungsvorschrift als Grund an, weil Raphael und Gerald gerne ‚modern‘ gekleidete Menschen auf ihren Hochzeitsfotos hätten und sich die ländliche Bevölkerung ‚wegem dem Schaß‘ sicherlich kein neues Gewandt kauft und nur Trachten für festliche Anlässe besitzt. Die Anderen haben zwar nichts gegen Schwule ABER….und kommen nicht. Mein Cousin wirkt geknickt.

Ich ärgere mich ein bisschen über meine Verwandtschaft und versuche trotzdem einfach positive Energie auszustrahlen. Ändern kann man andere sowieso nicht. Trotzdem. Schade. Das Fest der Liebe feiern wir aber trotzdem. Weil Liebe keine Grenzen und kein Geschlecht kennt und weil ich mir als heterosexueller Mensch sicherlich nicht anmaße für andere zu bestimmen was und wie Liebe ist. Das hat noch nicht mal was mit katholisch oder nicht katholisch zu tun, sondern einfach nur mit menschlich. Raphaels Vater sagte vorgestern übrigens sehr bäuerlich nüchtern: „Lieber schwul, als tot.“ und da, könnten sich doch alle anschließen.

 

 

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. miasraum sagt:

    Liebe ist alles, was zählt:-) Ich wünsche dem Paar alles Gute und Liebe und ein herrliches Miteinander:-)

    Gefällt 3 Personen

  2. Jule sagt:

    Aber Homosexualität ist doch ansteckend?! 😉

    Gefällt 4 Personen

    1. Michael Behr sagt:

      Ist sie ja auch! 😉

      Aber Dummheit hat eine höhere Ansteckungsrate und ist auch bei der Letalität ganz vorne mit dabei.

      Gefällt 3 Personen

  3. SChade, dass das heute alles noch so sein muss. Umso schöner, wenn es immer mehr zur Normalität wird. Irgendwann wird sich auch der schlimmste Holzkopf noch damit abfinden und vielleicht sogar merken, dass es doch ganz nett is 😉
    Wünsche allen ein wundervolles Fest!

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s