Wer hat Angst vor Mark? Teil 1

Okay, also mit Love-Actually Schildern und Musik-Box stand er nicht vor meiner Tür. Er hat auch nicht versucht old-school zu fensterln, obwohl das bei mir theoretisch und praktisch sogar ganz gut funktionieren würde. Aufgegeben hat er aber natürlich auch nicht, dieser Mark. Heute habe ich nur Zeit für den ersten Teil. Wie es weiter ging, abseits der Bühne, schreibe ich euch noch.

(sie schreit) „ICH SCHREIE NICHT“

Alles hell und ich sehe ihn. Alles dunkel und ich sehe ihn. 

Wir spielten Abends eine Vorstellung. Die Bühne ist hell und der Raum dunkel, im Normalfall und du sieht vom Publikum eigentlich nichts. Das Einzige was du mitbekommst ist ihre Präsenz als Kollektiv. Ihr Lachen und Atmen und Atem anhalten. Ich könnte ein eigenes Buch über die Wahrnehmung und Beziehung von Publikum und Schauspieler, von der Bühne aus, schreiben. Jedenfalls, war das gestern Abend nicht der Fall.

Das Publikum versammelte sich gegen 19 Uhr vor der Hochbühne und als ich im ersten Akt auf die Bühne stürmte, hatten sie sehr gute Sicht auf mich und ich sehr guten Blick auf sie. Ich bekam also mit, dass Mark in der zweiten Reihe, rechts außen, saß.  Schon als ich den ersten Fuß ins Scheinwerferlicht setzte, fielen meine Augen auf ihn. Als hätten sie ihn gesucht. Als wären sie magisch angezogen worden. Verdammt! Fast hätte es mich über eine Zeile gehaspelt, aber mein Ich, das in, hinter und unter meiner Rolle, versteckt war, schaffte es sich zusammenzureißen.

„…Ja. Sie sind verheiratet. Miteinander. Flasche!
Und sie kommt rein, sieht sich um und sie stellt die
Lebensmittel ab und sagt „Was für ein tristes Loch!““
Ich bin ein Kratzkätzchen
 

Trotzdem, war es kein entspanntes Spiel und meine eingespielten Kollegen merkten, dass irgendetwas nicht ganz stimmte. „Alles okay, mein Kätzchen?“, fragte mich mein Bühnen-Mann, hinter den Kulissen, in der Pause. Er nennt mich Kätzchen auf der Bühne und jetzt auch abseits. Ich bin ein Kratzkätzchen. Ich antwortete nicht wirklich, drückte seine Hand und er ließ es in der Dunkelheit des Backstage zwischen uns verschwinden und streichelte wortlos über meinen Rücken.

Auf der Bühne küsste ich ihn dann, dass uns beiden die Luft weg blieb. Interessanter Weise, reagierte er willentlich mit mir mit, zog mich noch näher als sonst an sich und fasste mir fast grob in meine Haare und an meinen Hintern. Mein Rock rutschte nach oben. Meiner Figur und mir war das egal, aber die Grenzen zwischen Person und Darstellung verschwammen in diesem Moment ein bisschen. Mein Bühnen-Mann und ich sprachen später nicht mehr darüber. Ich glaube, er hat in diesem Moment einfach gespürt, dass ich das irgendwie brauchte und gab es mir.

Gefangen im cholerischen Wahnsinn

„ICH WILL EINEN FETTEN NASSEN KUSS!“, brüllt die Figur, mit meiner Stimme und lässt mich, wie sie da so in ihrem Armsessel sitzt, meine Beine lasziv, einladend öffnen. Ich spiele mit mir und dabei gleichzeitig mit dem Publikum. Beides ist körperlich. Aber anders. Er will mich nicht küssen. Er verweigert. Ich bin außer mir! M, der ich meine Hülle borge und ich schwanken zwischen Liebe und Hass und sind gefangen im cholerischen Wahnsinn. Ich fühle mich dort wohl. Charaktere in die man sich hineinwerfen muss, hineinstürzen muss und in bestimmten Augenblicken in ihnen unterzugehen droht- das sind mir die liebsten!

„Ich schwör’s dir … wenn du existieren würdest, WÜRDE ICH MICH SCHEIDEN LASSEN. …“, schreit sie mit mir um die Wette und ich leihe ihr so viel von meiner Energie, dass ich befürchte wir zwei werden jeden Augenblick abheben. Ob Mark mich durch M zu ihm schreien hört? „Du bist eine Niete, ein Nichts. …Eine NULL!“ und irgendwann schicke ich dann noch leidenschaftlich gehässig „WICHSER!“ hinterher. „Was ihre Wortwahl angeht, ist sie der reine Teufel; das muss man sagen.“, kommentiert mein Bühnen-Ehemann etwas später trocken. „Leck mich, Liebster!“, kichere ich amüsiert und auch ein bisschen anzüglich. Leck mich, Mark. Bitte, bitte.

Nachdem ich kurz von der Bühne verschwunden bin und mit einem skandalösen Hauch aus fast-Nichts wieder aufgetaucht bin, schaue ich Mark, der immer noch im Publikum sitzt, direkt an. Aber das bin nicht wirklich ich, sondern M, die der Wunde und dem Konflikt einfach nicht widerstehen und ausweichen kann. Fast tut er mir leid, wie er da so in seinem Sitz sitzt und mir dabei zuschaut, wie ich alle Regeln versuche auf einmal zu brechen. Es war dumm von ihm hierher zu kommen. Ich hoffe er glaubt nicht, dass ich einfach nur eine gute Schauspielerin bin. „… Männer sind das absolut Letzte!“

M ist eine Ehebrecherin. Ich bin keine Ehebrecherin. Beziehung ist Beziehung.

Es gibt heiße Szenen in diesem Stück. Am besten spiele ich sie angetrunken, aber das ganze Spiel ist mit dieser Figur sowieso ein einziger Rausch. An diesem Abend, verliere ich mich komplett und lasse M die volle Kontrolle übernehmen. Sie lacht, sie schreit, sie weint, sie tanzt, sie flucht und liebt wie eine Wilde. Das Publikum ist fasziniert und angewidert, abgeschreckt und angezogen zugleich. Mir geht es genauso. „Die Ehebrecherin steht dir.“, hat neulich ein Bekannter mit einem Augenzwinkern gemeint und ich hätte ihm fast vor die Füße gekotz, so übel wurde mir dabei. ‚Das bin nicht ich! Das bin nicht ich!‘, muss ich mir immer wieder sagen, während M sich auf der Bühne, vergnügt. Das bin ich nicht.

Als ich davon spreche, dass ich manchmal blaue Kreise um meine „Dinger“ zeichne und anbiete sie der illustren Runde, in meinem Bühnen Wohnzimmer/Garten, zu zeigen (eigentlich nur die trotzige Reaktion auf eine Provokation, die M natürlich auch nicht links liegen lassen kann), kann ich ganz deutlich das Unbehagen in Marks Gesicht erkennen. Ich ziehe die Träger meines Kleides neckisch an meinen Fingern entlang, weg von meinem Körper und werfe einen provozierenden Blick in seine Richtung. Ich lache schallend laut und schrill auf. „Wir brauchen noch was zum Kippen, Engel.“

Auferstehung einmal anders.

M zu spielen kostet mich viel Kraft. Viel Energie. Viel Leben. Ich schenke alles ihr, für ihre Augenblicke im Rampenlicht, wenn sie zum Leben kommt und sich mit meiner Hilfe selbst zum Leben erweckt. Zumindest kommt es mir so vor, als würde sie das tun. Auferstehung einmal anders. In den Momenten hinter der Bühne, wenn M mal Pause hat, ist es schwer wieder in mich selbst zurück zu finden. Heute will ich das auch gar nicht. Marks Präsenz macht mir irgendwie Angst. Er hat so viel Macht über mich und meine Gefühlswelt. Er kann mit seiner bloßen Anwesenheit meine ganze Welt erschüttern. Vielleicht stürzte ich mich deswegen umso mehr in Ms Wahnsinn, weil sie sich von ihm nicht beeindrucken lässt. Sie führt ständig Kriege, aber ihr Gegner ist letztlich immer sie selbst.

Am Schluss, sind es nur mehr mein Bühnen-Ehemann und ich. Wir haben alle in die Flucht geschlagen und wollten uns dabei doch eigentlich nur selbst in die Luft sprengen. M ist erschöpft und ich bin es auch. Wir fühlen uns leer. Irgendwo dort draußen im Publikum sitzt Mark, aber mittlerweile ist es dunkel geworden. Ich kann ihn nicht mehr sehen. Ich stelle mir vor, dass er gar nicht da ist. Die Ehe als einziger Albtraum. Die eigene Existenz als einziger, eigener Albtraum. Durch die Ehe? Am Ende gibt es keine Sieger. Auch, wenn jemand in einer Rezension schreiben wird, dass ich das Stück und die Figuren in ihm besiegt hätte. Das stimmt nicht. Es gibt keine Gewinner. Weder im Publikum, noch auf der Bühne. Wo sich dazwischen das Leben befindet, muss noch entschieden werden.

Komm, wir sprengen uns in die Luft, Schatz!

Ich habe ein bisschen Angst. Vor was genau weiß ich nicht, aber ich möchte nicht runter von der Bühne. Mark wird auf mich warten, wenn ich sie verlassen. M wird das auch tun, wobei es immer seine Zeit braucht, bis ich sie wieder verdrängt habe. Das alte Flittchen klammert sich mit aller Gewalt an das Leben. An mich. Den Applaus. Der Applaus füllt mich nicht. Nichts füllt mich. Die Leute schreien, als ich als Letzte nochmal auf die Bühne laufe. Gutes Schreien. Nicht das was M und ich auf der Bühne machen. Ich bedanke mich. Für was genau, weiß ich nicht. Ich kann sie kaum hören.

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