Ein Wiedersehen mit Mark. Mein Leben ist dramatisch.

Ich habe Marks Nummer zuerst gelöscht. Aber wenn man eine Nummer löscht, dann kann man sie nicht mehr blockieren. Natürlich rief er mich an. Natürlich wollte er mich sehen. Natürlich vermisste er mich. Natürlich wollte er mit mir reden. Natürlich wollte ich all das auch. Aber das geht nicht.

Ich habe mir die verschiedenen Szenarien durch den Kopf gehen lassen. Immer und immer wieder, habe ich mich gefragt, wie und ob es vielleicht doch funktionieren könnte. Ich will doch so sehr. Ich habe das Gefühl hier den Mann meines Lebens getroffen zu haben. Nichts wird dadurch leichter, dass er in der Begegnung mit mir auch ungeahnte Gefühle entdeckt hat. Aber abgesehen von den religiösen Problemen die das für mich aufwirft, weil er eben verheiratet ist, ist es vor allem eine rein menschliche Sache. Er war unehrlich zu mir. Er war unehrlich zu seiner Frau. Das war auch kein ‚bsoffener Ausrutscher‘, sondern das war eine gezielte Manipulation über mehrere Wochen hinweg. Was sagt das über diesen Mann?

Abgesehen von der Unehrlichkeit, die er dann ja schon für mich gelüftet hat (er hat also ein Gewissen!), steht dann immer auch die Frage für mich im Raum, ob er es mit mir umgekehrt nicht genauso machen würde. Was wenn wir verheiratet sind und er sich erneut unsterblich in irgendjemanden verliebt? Klar sagt er jetzt, dass das nie passieren würde, aber ich habe so eine leise Ahnung, dass er das seiner Frau auch irgendwann geschworen hat. Was ich hören will ist, wie er sich verhält, wenn die Gefühle weniger werden. Seine Verweigerung und das Ausblenden von einem solchen Szenario, zeigt mir ja nur wieder, wie unreif er eigentlich in solchen Dingen ist.

Also habe ich seine Nummer wieder gespeichert, um sie dann zu blockieren. Aber natürlich ist  Mark ein hartnäckiger Mann, der nicht so einfach locker lässt. Der nicht loslassen will, weil er nicht loslassen kann. Als ich von der Arbeit abends heim komme, steht er vor meiner Tür. Mir fällt sofort der ganze Einkauf aus der Hand, mein Herz droht sich selbst zu überschlagen und meine Kinnlade sinkt förmlich zu Boden. Alles dreht sich. WTF?!

Der breitschultrige Volleyball-Spieler ist braun gebrannt und er trägt die Hose die ich an ihm so mag. Sicher kein Zufall. Beschwichtigend hebt er die Hände, als hätte er es mit einem verschrecktem Reh oder einem nervösen Pferd zu tun. Irgendeinem Fluchttier halt und damit hat er gar nicht so unrecht. Am liebsten würde ich tatsächlich einfach weg laufen.

Aber das ist meine Wohnungstür vor der er da steht. Das ist mein zuhause. Ich entscheide mich also für eine andere Strategie, stähle meinen Blick und straffe meine Schultern. Unwillkürlich fühle ich mich wie so ein kleiner Arena-Stier, der die Hörner senkt und mit den Hufen scharrt. In gewisser Weise mache ich mich auch bereit zum Kampf. Zum Kampf gegen meine Gefühle und seinen Charme, seine bloße Präsenz.

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„Bevor du jetzt irgendwas sagst…“, sagt er und all das wirkt so unterwürfig, so flehend, so verletzlich. Der Kampf-Stier in mir wittert das und fühlt sich schlagartig größer und stärker. Ich habe nicht vor etwas zu sagen. Ich dränge mich den Flur entlang vorbei an ihm und stelle meine Einkäufe neben der Tür ab und suche panisch nach meinem Wohnungsschlüssel. Meine Tasche ist ein einziges schwarzes Loch. Mark wagt es nicht mich anzurühren. Gut so, denn ich wüsste wirklich nicht was ich dann täte. Ich hoffe er bemerkt nicht, dass ich zittere. Vielleicht zittere ich auch gar nicht, vielleicht fühlt es sich auch nur so an.

„Bitte.“, haucht er und mein Name, den er hinterher schickt, hört sich so vertraut an, wenn er ihn sagt. ‚Bitte nicht.‘, denke ich und finde endlich meinen Schlüssel. Es gibt keine Alternative zu diesem grausamen Ende. Er streckt dann doch noch die Hand nach mir aus. Wahrscheinlich, weil er es einfach genauso wenig aushält wie ich, so nah bei mir zu sein und mich nicht zu berühren. Ich erstarre und dann schlage ich seine Hand weg. Das ist der zornige Teil in mir, der den Teil in mir, der sich einfach nur in seine Berührung fallen lassen möchte, in diesem Moment überstimmt.

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Er reagiert sofort und hebt wieder beschwichtigend, entschärfend, vielleicht auch ein bisschen schützend die Hände. Ich sehe, wie sehr ihn das verletzt. Ich weiß aber auch, dass er sehen kann, wie sehr er mich verletzt hat. Jeder kann das sehen. Alle sehen das.

Anscheinend hat mein Mitbewohner mitbekommen, dass sich irgendetwas vor der Tür tut, denn er öffnet plötzlich die Tür von innen. „Ach du bists!“, sagt er, als er mich sieht und erkennt erst auf den zweiten Blick Mark. Sie begrüßen sich knapp und zivilisiert. Andi schaut mich fragend an. „Soll ich euch alleine lassen?“ „Nein“, schüttle ich meinen Kopf. Vielleicht auch um ihn zu aktivieren. Mein Herz hat jetzt mal Pause. „Okay.“, Andi nimmt mir die Einkäufe ab und trägt sie mal in die Küche, lässt aber die Wohnungstür offen. Ich drehe mich zu Mark. „Bitte geh.“, sage ich und versuche ihn ganz fest anzuschauen. So, als würde ich das wirklich wollen. „Ich kann das nicht.“

Und dann ist der Himmel endlich mal gnädig mit mir, weil ich dem Moment mein Nachhilfekind um die Ecke biegt. Der 15 jährige Flo merkt nichts von der Spannung zwischen uns im Flur, grüßt freundlich und plappert von der Französisch-Prüfung. „Voll cool!“, sage ich und bin sooo unendlich dankbar, dass er da ist. „Komm rein.“, sage ich und werfe Mark noch einen letzten Blick zu. „Machs gut.“ Ohne mich.

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Insgeheim warte ich darauf, dass er das nächste Mal mit Love-Actually-Style Schildern vor meiner Tür steht, oder mit MusikBox unter meinem Fenster. Andererseits, werde ich so nie abschließen können. (confession)

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. guinness44 sagt:

    Also bzgl Religion könntet ihr den Weg gehen wie der ehemalige Generalstabschef im 1. Weltkrieg, Conrad von Hötzendorf. Alternativ die Monaco Version und die Ehe von der Kirche annullieren lassen.
    Das ist aber wahrscheinlich nicht das Problem. Das Problem ist das (mangelnde) Vertrauen. Da musst Du auf Dein Gefühl achten und ob es sich wirklich lohnt die Zeit und die Gefühle zu investieren. Du könntest auch sehen wie weit er bereit wäre in Vorleistung zu treten. So könnte er z B bei seiner Frau ausziehen.

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    1. Interessanter Weise, mache ich gerade ein Seminar zum kanonischen Eherecht 😂 Aber im Prinzip ist das lächerliche, all zu menschliche, Augenauswischerei und ‚in jemand anderen verlieben‘ ist halt nur ein Trennungs-aber kein Anulierungsgrund. Na jedenfalls, wie du richtig erkannt hast, ist das Problem aber eigentlich eh ein anderes.

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      1. guinness44 sagt:

        Wie hatte Carolin von Monaco es denn damals begründet? Bin in der Yellow Press dann doch nicht so sattelfest. Bei Hötzendorf fand ich die Story so faszinierend, dass ich unbedingt mehr lesen musste. Wenn man sich das in heutiger Zeit vorstellt.
        Noch ein weiterer Test für Mark, ob er mit Dir nach Oxbridge zum Promovieren gehen würde. Du könntest ja eine Blogparade zum Thema Liebesbeweise von Mark machen.
        Ich hoffe es heitert Dich etwas auf.

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  2. Du hast super reagiert, sehr tapfer! Ihm scheint an Dir zu liegen, sonst würde er Dir nicht hinterherlaufen. Aus meiner emotional unbeteiligten Perspektive betrachtet, würde ich sagen, gib ihm dann eine Chance, falls er jetzt klare Verhältnisse schafft und bei seiner Frau auszieht. Und Chance geben hieße für mich, sich mit ihm und seinen Beweggründen auseinanderzusetzen, schauen, wie reif und reflektiert er die Situation im Nachhinein einordnet, sodass Du sehen kannst, ob sich noch ein Vertrauen aufbauen ließe oder nicht. Man trifft nicht so oft Männer, die einen derart bewegen, also wäre es das wert. Und kein Mensch ist perfekt und kein Mensch agiert immer in jeder Situation gleich. Vielleicht war ihm das eine Lehre. Und wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Falls er jedoch vor der Trennung mehr an Versprechen von Dir will, also eine Art „Absicherung“, dann wäre er für mich erst recht indiskutabel. Das eignet sich doch gut als Test. Wenn er seine Frau verlässt, obwohl die Sache mit Dir unklar ist, dann sind seine Gefühle für Dich und auch für sie eindeutig.

    Und noch eine Frage: macht es für Dich wirklich einen Unterschied in der Sache, ob er verheiratet ist oder „nur“ in einer Beziehung lebt? Ist Betrug in einer Beziehung weniger schlimm als in einer Ehe? Für mich hat eine ernsthafte Beziehung in Punkto Treue nicht weniger Verbindlichkeit als ein Trauschein, das ist aber sicher Ansichtssache …

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    1. Danke für deine Ratschläge! Nein, ob er verheiratet ist oder nicht, macht nicht so viel aus. Hauptsächlich geht es um die Beziehung. Eine Ehe ist zwar nat auch eine Beziehung, aber die „Regeln/Werte“ sollten die selben bleiben.
      Obwohl es für mich schon in dem Punkt einen Unterschied macht, in dem einen Beziehung durchaus aufgelöst werden kann. Das ist dann wieder der religiöse Aspekt meines Dilemmas, an dem ich aber überzeugr festhalte. Auch, weil, wenn Ehe heute für ihn keine Bedeutung hat, sie es auch in Zukunft nicht haben wird. Beziehung, kann man hier durchaus für den größten Teil beliebig als Wort für Ehe austauschen.

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  3. Utopio sagt:

    Sehr reflektierte Gedanken und Reaktionen. Respekt.
    Schon zu erkennen, dass sich das Ganze ja jederzeit mit vertauschten Rollen wiederholen kann ist beeindruckend. Das können nicht viele. Häufig wiederholen sich Beziehungsprobleme beim nächsten Partner irgendwann wieder, sobald das Frischverliebtsein verschwunden ist … wenn vorher nicht die oft dahinter liegenden wahren Probleme seelsorgerisch aufgearbeitet werden.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke ❤ Gerade ist es nicht so leicht für mich, aber ich hoffe, ich komme hier durch und bleibe standhaft.

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  4. Ich bin Team Vergiss-Mark. So toll ist er doch garnicht. Es gibt schon noch den Richtigen für dich. Ohne Drama.

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    1. Dein Wort in Gottes Ohren, Mädchen 👍😉💪

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  5. Ich sehe das wie -Tagebuchschreiberin-

    Er mag viele gute Attribut haben, allerdings ist er auch ein schwacher Mann, weil:
    Wenn ich richtig gelesen habe, sagte er, dass er seine Frau nicht lieben würde und nicht weiß ob er sie je wirklichgeliebt hat?
    # Das zeigt, dass er nicht seinen Weg, seine Ziele verfolgt und letztendlich weiss , was er für sich will bzw.nicht will, was genauso wichtig ist. Z.B. nicht mit einem Partner zusammen zu sein, den man nicht wirklich liebt. Das ist auch dem Partner gegenüber nicht fair. Mann verschwendet Zeit und Energie beider Seiten.
    #Er ist seiner Partnerin gegenüber nicht loyal…Geht fremd. Wer weiß, ob sie weiss , dass er kaum noch Gefühle für sie hat. Dann kannst du davon ausgehen, dass er dir in einem schwachen Moment auch nicht loyal gegenüber sein wird.
    Er kann dir nicht versprechen, dass es bei dir anders sein wird, wenn er es bei seiner Frau, der er ein Versprechen gemacht hat, nicht ist.
    #Er war nicht aufrichtig zu dir. Er hätte es dir von Anfang an davon erzählen müssen. Du hättest seine Ehrlichkeit geschätzt. Du hättest die Wahl gehabt. So hat er dich in etwas hineingezogen, wo du nicht sein möchtest.
    # Er sagte, Du bist die Frau seines Lebens? hhmmm…Wie lange kennt ihr euch?
    Das er große Gefühle für dich hat, ist klar.

    Aber was ist mit Respekt, Loyalität und Ehrlichkeit seiner Frauen gegenüber?

    Drück dich

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    1. Hach. So wie du das aufschlüsselst und schreibst, wird immer mehr klar, dass mein perfekter Mark, halt eigentlich doch ein ziemlich mieses Arschloch ist. Danke dafür. Ich tu mir meistens schwer das so klar zu sehen.

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  6. keloph sagt:

    hört sich gut an. nach einer entscheidung. wie auch immer sie ausgefallen ist, es braucht sie.

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