Am Künstlerklo

 

Es ist der frühe Nachmittag. Ich muss schon im Theater sein, obwohl die Aufführung erst irgendwann ist. Aber das ist immer so. Ich begrüße den Portier und links und rechts Leute, die mich alle umarmen wollen und ein paar Worte mit mir wechseln. Ein bisschen flüchte ich vielleicht in die Künstlergarderobe, die ein eigenes kleines Bad hat.

Meine Freundin Lucy hat mich die ganze Nacht hindurch wach gehalten und auch den Abend davor. Ich komme überhaupt nicht zum Lernen, aber so auch nicht zum Nachdenken. Ich bin also unschlüssig ob ich ihr dankbar oder doch eher besorgt sein soll.

Sie kam heute, wie fast immer die Tage, überraschend vorbei. Es läutete Mittag an der Tür und sie heulte mir in die Gegensprechanlage. Wir setzten uns auf die Dachterrasse meines Wohnhauses. So werde ich diesen Sommer noch richtig toll braun.

Kann man eine Freundin in so einem Zustand weg schicken? Nein. Ich kann das nicht. Ich will das auch nicht. Obwohl natürlich bei all dem Herumgeheule und überlegen und Gespräche und Gesten analysieren, nichts heraus kommt. Es vergingen Stunden und ich war schon viel zu spät dran.

Als sie angeläutet hatte, saß ich gerade, in Nachthemd und Cardigan, am Balkon und lernte. In diesem Zustand saß ich nun auch mit ihr auf der Dachterrasse und konnte so nicht vor die Tür gehen. Eigentlich hatte ich vorgehabt Haare zu waschen, mich zu rasieren und dann frisch, gepflegt und munter ins Theater zu fahren.

„Es tut mir echt leid, aber ich muss jetzt wirklich gehen.“, sagte ich. In Windeseile schmiss ich mir ein altes, weites Hemd/Bluse über, wackelte in eine Hose hinein, die am Boden lag und versuchte mein totes Gesicht mit schlecht gezogenem Lippenstift ein bisschen aufzupeppen. Ich sah grauenvoll aus und ich fühlte mich auch so. Irgendwie halb fertig. Fertig zwar, im Sinne von erschöpft, aber eben halb. Ein Schwebezustand, der irgendwie auch keiner war. Seltsam.

In diesem Zustand fand ich mich am Künstlerklo wieder. Ich sah scheiße aus und lehnte über dem Waschbecken und ließ eiskaltes Wasser über meine Hände rinnen. Das beruhigt mich irgendwie. Ich klatschte es mir auch ins Gesicht und auf den Hals und war froh, dass das laufende Wasser meine schweren Atemgeräusche, die wohl bald in Schluchtzer übergehen würden, dämpfte.

Ich fühlte mich plötzlich so unendlich elend. Kein Funken in mir wollte heute Abend auf die Bühne gehen und den Leuten etwas vorspielen. Ich hatte das Gefühl auch privat zu einer Hülle zu mutieren und etwas in mir hatte Angst, dass ich diese Leere in mir nie mehr wegbringen würde.

Es sind Momente wie diese in denen ich anfällig bin für alle möglichen dummen Gedanken. Der riesige Spiegel und das kalte aggressive Licht, leuchteten alles an mir aus, das ich nicht sehen wollte. Ich starrte mich an. Erbarmungslos, so wie das Kabinenlicht und begann mich nicht nur unglücklich, sondern hässlich zu fühlen. Wie konnte mich irgendjemand attraktiv finden? ‚Schau dich doch an!‘, schrie es in meinem Kopf. ‚Du bist so wertlos!‘

Meine Schenkel sind fett(er). Meine Haare sind ein einziges Chaos und überhaupt nicht schön. Meine Finger sind nicht lang und dünn und elegant, sondern kurz und stoppelig so wie der ganze Rest meiner Statur. Meine Augen sind zu klein, ohne Make-Up und meine Augenbrauen gefallen mir auch nicht. Nichts gefällt mir. An mir aber auch an allem. Alles ist scheiße. Nichts an mir ist liebenswert. Ich verdiene all das Furchtbare, das mir passiert.

Ich sank an der Wand entlang auf den Boden der Toilette, das Wasser rannte noch aus der Wasserhahn, winkelte die Beine an und vergrub meinen Kopf in meinen Händen. Heiße Tränen kullerten über meine kalten Wangen, in meinem zu runden und überhaupt total unansehnlichem Gesicht und mein zu dicker, unattraktiver Körper wurde nicht nur von Selbsthass-und Zweifel, sondern auch von einem stillen Weinkrampf geschüttelt.

Jemand klopfe an der Tür. Die Assistentin der Regie. Ob alles in Ordnung ist? Probedurchgang mit Stimmtraining und Technik würde bald beginnen. „Ich komme gleich!“, rief ich und versuchte meine Stimme fröhlich, sorgenfrei und unbeschwert klingen zu lassen. Zeit aufzustehen. Zeit zu spielen.

Ich drehte das Wasser ab und betrachtete das verheulte Mädchen in meinem Spiegel, das ich so wenig leiden konnte. Ganz egal wie grell und hell das Licht in dieser Kabine auch war, das hier war ein dunkler Moment. Vorsichtig berührte ich mit meinen Wurstfingern mein Gesicht und versuchte es zu liebkosen. Meine Haut ist weich. Die Haare, die ich mir aus dem Gesicht strich, waren es auch. Ich konnte dem Rot in meinen Augen beim verschwinden zuschauen. „Du bist okay.“, sagte ich dieser verängstigten und von Zweifeln und Trauer zerfressenen Frau in meinem Spiegel. „Ich bin okay.“

Der erste Versuch mein Spiegelbild anzulächeln schlug grässlich fehl. ‚Nicht aufgeben!‘, sagte ich mir und versuchte es weiter. Streckte mir selbst die Zunge raus und schaffte es mir einen kleinen Grinser zu entlocken. Wir, das Mädchen im Spiegel und ich, lassen uns von dieser Welt nicht unter kriegen. Ich fragte mich, wie viele andere Menschen sich wohl schon in solch einem Zustand, vielleicht auf irgendeinem anderen Klo auf dieser Welt, schon so gefühlt haben. So hässlich. So unglücklich. So unwert. So dumm. So grantig. So unzufrieden und belastet.

Die Wahrheit ist wohl, dass wir manchmal solche Tage haben. Uns von dunklen Gedanken und Gefühlen einkesseln und gefangen nehmen lassen und vielleicht auch Streckenweise vergessen, wie wir diese bekämpfen können. Rezept oder Strategie zum effektiven Gegenangriff, habe ich an dieser Stelle keine für euch. Aber ich habe diesen Moment mit dem Handy festgehalten. Diesen Moment in dem ich mich so hässlich gefunden habe. Niemand ist damit alleine. Nicht wirklich jedenfalls.

Das war gestern und heute finde ich die Fotos immer noch grauenvoll und das ist nichts, was man auf Social Media posten würde um allen zu zeigen wie suuuuper toll man doch aussieht und sich fühlt. Weil das halt auch nicht zutrifft. Manche von euch werden diese Fotos sehen und sich denken: „Boah, ja, die schaut richtig scheiße aus. Unattraktiv. Hässlich. Maximal Durchschnitt. Zu dick, zu blass, zu klein und die Haare!…“ Andere von euch werden die selben Bilder sehen und sich fragen warum ich mich selbst nicht leiden kann. Sie werden all die Fehler nicht sehen, die ich an mir glaube zu entdecken.

Ganz genau das ist der Punkt. Das alles ist subjektiv. Teil der individuellen Wahrnehmung. Das alles ist in unserem Kopf. So wie dich andere sehen. So wie du dich siehst. Abgesehen davon, dass man sich natürlich nicht rein über sein Äußeres definieren sollte, liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Nichts von all dem ist Teil der selben Wirklichkeit und wir können uns entscheiden, wie wir uns sehen, bzw. zumindest daran arbeiten. Wie wir uns begegnen. Wie wir uns sehen. Das hat Macht. Nutze sie. Selbsthass-Episoden gehören im Künstlerklo in den Kanal gespült, wo sie hingehören.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. daschah sagt:

    Du bist richtig hübsch! 😊

    Gefällt 1 Person

  2. keloph sagt:

    an meiner liebsten mag ich genau diese „verletzlichen“ „augenblicke“…..und auch dir steht das in meinen augen gut. das aufgepimpte, geschminkte „ich bin toll und fröhlich“ ist nett, hat aber eine halbwertzeit von barbie…….danke für das sharen solcher anblicke, und kopf hoch: es geht weiter!!!

    Gefällt 2 Personen

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