Mein Bruder, der Instagram-Boy

„Was?! DAS ist dein Bruder??!!“ So, oder so ähnlich, fallen die meisten Reaktionen aus, wenn die Sprache auf meinen Bruder kommt. Meistens beim weiblichen Geschlecht. „Ja, das ist mein Bruder.“, sage ich dann. Was soll ich denn auch sonst sagen?

„Ihr schaut euch aber gar nicht ähnlich!“, heißt es dann unglaubwürdig. Weiß ich schon. Wir sind uns auch nicht ähnlich. In keinster Weise. „Naja gut, die Nase und das Gesicht vielleicht schon.“ Ja. „Das ist echt dein Bruder?“ Wieso sollte ich den denn erfinden?

Mein Bruder ist ein Instagram-Homeboy. So ein gut aussehender, tausende Follower habende, nackte-Oberkörper und irgendwo in der Weltgeschichte jettende, Fotos postende, inklusive Mädchen dahinschmelzende, Bonzen Boy. Alles, wo ich bei Männern persönlich einen ganz großen Schritt zurück mache, verkörpert mein Bruder-Herz. Dementsprechend auch die Mädels die er anschleppt. Und die Freunde. Und die Klamotten und die…alles einfach.

Außerdem ist mein Bruder blond und blauäugig. Ich habe von Natur aus so gut wie schwarze Haare und dunkle Knopfaugen. So unterschiedlich wie wir optisch aussehen sind wir dann auch in allen anderen Bereichen des Lebens. Meine Eltern gingen irgendwann dazu über uns Tag und Nacht zu rufen. Ich war die Nacht, eh klar.

Selbstredend, dass unsere Beziehung nicht immer unproblematisch oder reibungslos war. Irgendwann aber, verliefen sich unsere Differenzen in einer gewissen Gleichgültigkeit. Wir haben uns einfach wenig zu sagen und denken und meinen immer in die entgegengesetzte Richtung.

Mein Bruder, ist mein einziges Geschwisterkind. Es gibt nur uns zwei. Eine Einheit haben wir aber höchst selten (und wenn dann nur gegen Mama) gebildet. Ich kann mich nur ganz schlecht an unsere gemeinsame Kindheit erinnern. Das alles scheint schon zu weit weg. In der Pubertät fing das mit der desinteressierten Gleichgültigkeit, beiderseits, an und ich zog dann auch gleich nach der Schule zuhause aus. Keine wirklichen Berührungspunkte. Mein Bruder ist knapp zwei Jahre jünger als ich.

Mittlerweile studiert und lebt er schon einige Zeit in Wien. Wirtschaftsrecht. Und er erfüllt einfach jedes auch noch so billige Klischee, das in überteuerten Markenklamotten den Uni-Campus lang läuft. Das könnte der Theologie kaum ferner sein. Das könnte mir kaum ferner sein.

In letzter Zeit aber, entwickelt sich etwas zwischen uns, das man wohl als Annäherung bezeichnen könnte. Vielleicht sogar als Entgegenkommen. Es ist mehr als die bloße Akzeptanz, dass es den anderen gibt. Das ist neu. Wir lachen jetzt sogar ab und zu gemeinsam und er lud mich zu sich in seine Wohnung ein. Ich glaube, dass liegt daran, dass ich mich verändert habe.

Ich belächle meinen Bruder nicht mehr. Ich bemittleide meinen Bruder nicht mehr, weil ich glaube, dass sein Streben nach Macht und Geld und Image ein leeres ist und er damit ein leeres Leben lebt. Ich rümpfe nicht mehr verächtlich die Nase oder verdrehe die Augen, wenn er einen Bonzen-Kommentar abgiebt oder mich mit Küsschen links und Küsschen rechts, oberflächlich begrüßt. Nein, ich bin jetzt einfach dazu übergegangen meinen Bruder zu lieben. So wie er ist. Und ich glaube, dass ich das erst jetzt kann, weil ich mich selbst erst jetzt wirklich lieben kann. Macht das Sinn?

Es überrascht mich, wie lieb er plötzlich ist. Dass er sich meldet und mal fragt wies mir geht. Sonst haben wir uns einfach zu den großen Feiern bei den Eltern gesehen. Ich wusste über das Leben meines kleinen Bruders eigentlich nichts. Wir verurteilten uns gegenseitig nur, denke ich, standen irgendwo auch im Konkurrenzkampf zueinander. Damit ist jetzt Schluss. In dem ich mich, anfänglich ganz unbewusst, ihm gegenüber geöffnet habe, öffnet er sich auch mir.  Fast so, als hätte er darauf gewartet.

Als wir bei meinen Großeltern das Osterfeuer nachträglich anzündeten, als ich aus England wieder da war, hatte er den größten Spaß daran Fotos (ohne mein Wissen! Dementsprechend scheiße sehen sie auch aus) von mir zu knipsen, sie zu verunstalten und an seine Snapchat-Gemeinde zu verschicken. Ich existiere jetzt für ihn. In seinem Leben. Und soll ich euch sagen, was die Rektion seiner Leute darauf war? „Was?! DAS ist deine Schwester?!“ Haha^^ Klingt wahrscheinlich echt traurig, aber mein Bruder ist gar nicht so furchtbar 😅 Ich folge ihm jetzt sogar auf Instagram.

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23 Kommentare Gib deinen ab

  1. Schön zu hören, dass sich Geschwisterliebe auch später noch entwickeln kann. 🙂 Ich freue mich für dich!
    So wie du es beschreibst klingt sein Leben aber wirklich nicht sehr erstrebenswert. Trotzdem bin ich jetzt sooo neugierig… Verrätst du, wie der Instagram-Homeboy auf Instagram heißt? 😀

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    1. Das kann ich verstehen 😉 Ich schreib dir eine Mail. In seinem InstagramNamen kommt unser Nachname vor. Vielleicht nicht unbedingt die beste Idee das hier zu posten…wobei ich ja die Grenzen der Anonymität immer weiter aufweiche 😉

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      1. christophrox sagt:

        Nee nicht hier posten. Es gibt so viele … Verrückte.

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      2. Ich weiß, dass du mich vor dir selbst schützen willst und das finde ich ausgesprochen nett. Aber keine Sorge, ich hatte nicht vor hier meinen Familiennamen Preis zu geben 😉

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      3. christophrox sagt:

        Ja ich bin böse. Und Bilder können auch schon viel verraten.

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      4. Ach, das stört mich nicht. Ich war mal beim Bund. Ich mach dich fertig. 😛

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      5. christophrox sagt:

        Vielleicht willst du noch Bundeskanzlerin werden?

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      6. Haha^^ Ich wär viel zu undiplomatisch. Außerdem würde ich gerne etwas Sinnvolles mit meinem Leben machen.

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      7. christophrox sagt:

        Trotzdem. Nicht so viele Bilder posten. Oder nur noch über Wauzi bloggen.

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      8. Ich werde deinen Ratschlag vermutlich nicht beherzigen, aber trotzdem danke 😉

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      9. christophrox sagt:

        Das befürchte ich auch haha.

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      10. So besorgt um meine politische Karriere? 😛

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      11. christophrox sagt:

        Ich bringe dich ganz nach oben. Wird aber nicht leicht, wenn du alles ins Internet trötest.

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      12. Stell dir vor, das ist gar nicht alles 😉 Aber ich kann ja auch nichts dafür, wenn ich die Stimme meiner Generation bin 😛

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      13. Ich würde sie trotzdem wählen 😉

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    2. Jetzt bin ich auch ganz neugierig und will ihn sehen

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      1. Ich hab eine ganz private Email von Sisi bekommen, und freue mich wie so’n Fan ✌️😁

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      2. Haha 👍👍😆😆🙈🙈

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  2. Mein Bruder und ich haben früher nur brüllend kommuniziert. In der Schule schwärmten meine Freundinnen von ihm und ich dachte immer nur: Wenn ihr wüsstet…
    Irgendwann waren wir uns egal, mittlerweile sind wir zivilisiert, haben mitunter Spaß miteinander, gehen sogar ca. alle 2 Jahre mal gemeinsam aus…
    Kommt mir sozusagen bekannt vor 😉

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    1. Ja, das klingt sehr vertraut 😉 Mal schaun, wie sich das bei uns so weiter dreht. ich denke, die ständige Schwärmerei von allen ging mir vollkommen auf die Nerven. Und in diesen ungläubigen „DAS ist dein Bruder?!“-Aussagen hörte ich zwischen den Zeilen immer so ein „Aber der sieht doch so gut aus! Ihr könnt unmöglich Geschwister sein!“ Haha^^ Eitel, Unsicher, Eifersüchtig. Das kratze ganz schön am eigenen Ego.

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  3. Emily J. sagt:

    Hihi, mein Bruder hat auch völlig andere Vorstellungen von so ziemlich Allem und Jedem. Und trotzdem kriege ich manchmal SMS aus der Heimat, in denen er schreibt „Kennst du eigentlich Club X? Bestellt man da besser Bier oder Cocktails?“ Das finde ich schön, süß und bizarr 😉

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    1. Ja, der Bruder. Eine unerklärlich rätselhafte und zu Weilen fremdartige Spezies 😅😉

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