Irrtum und Intimität

Gerade bin ich dabei meinen Rucksack für England zu packen, in das ich in absehbarer Zeit über die Ferien hinweg abhauen werde. Hello Oxford Street! Hello Globe Theatre and heelllooo friends in Cambridge and Oxford, die mich sicherlich schon alle schrecklich vermisst haben! Dabei fiel mir ein zusammengefaltetes Blattpapier in die Hände und ich dachte mir nur so ‚Oh! Mal schaun was das ist.‘ Ich meinte ja es wäre vielleicht das ausgedruckte Flugticket von meinem letzten Trip nach Frankreich, wo ich zuletzt mit diesem Rucksack war und wollte nur sicher gehen nicht unabsichtlich etwas Wichtiges zu entsorgen (ich lerne ja doch aus meinen Fehlern!) aber….nein. Ich entknüllte ein komplett vollgeschriebenes Geschreibsel über Intimität und Irrtum. HÄ?

Dunkel kamen Erinnerungen hoch, dass ich wohl irgendwo in der Bretagne nach einem Konzw Wein-lastigen Abend (ich bin übrigens im Rotwein-Team) und einer Nachricht vom Froschprinzen, im Sommer 2016, selbst-therapeutische Maßnahmen ergriffen hatte und mein Anti-Märchen, moralisch gefestigt, verschriftlichte. So nach dem Motto: und die Moral von der Geschicht‘ und weiter mit dem Leben! Hatte ja hervorragend geklappt…Der Text ist nun aber schon einmal geschrieben und ich werde ihn euch nicht vorenthalten. Viel Vergnügen mit dem verbalen Erguss einer damals 22-jährigen über ‚Paul‘ den Froschprinzen und warum Intimität und Irrtum Geschwister sind.

 

Der Jahrmarkt der Singles

Es war Anfang des eher verregneten Sommers 2016, als ich an einem schwarzen und enttäuschenden Tag mir spät Abends eine der den Jahrmarkt der Singles überschwemmende App auf mein, von den Jahren gezeichneten, Handy herunterlud. Ich begann mein App-Profil mit fünf bunten Bildern von mir zu befüllen. Mein Name, mein Alter, wenn ich wollte dann auch mein genauer Studienort mit Fachrichtung und die Reichweite in der mich der App-afine Mann meiner Träume auffinden, konnte ich bekanntgeben. Dating des 21. Jahrhunderts fand ich kurios und aufregend. Nicht, dass ich jemals in einem anderen Jahrhundert gedatet hätte. Eigentlich, hatte ich noch überhaupt nie gedatet, geschweigedenn aktiv gesucht.

Männer im alltäglichen Treibsand kommen manchmal ins Gebtriebe

Es dauerte nicht lange und ich hatte die ersten Matches, Likes und Superlikes auf dieser App, aus denen sich ein paar mehr oder weniger interessante, geschriebene Unterhaltungen ergaben. Einige dieser Beschnupperungsversuche führten zu spontanen oder verabredeten Treffen, wobei man sich nie so wirklich ganz wohl dabei fühlte sie als ‚Dates‘ zu bezeichnen. Einfach nur, damit man nicht zu hohe Erwartungen an einen Fremden stellen würde und vielleicht auch um sich selbst mit dem locker, leichten Image-Wahnsinn zu verwirren. Nur nicht spießig sein. Nur nicht prüde sein. Nur nicht auffallen, im Meer der pseudo (und dabei vielleicht wirklich) einsamen Singles. Einige der online ‚kennengelernten‘ Männer traf ich aber auch nie. Sie verliefen sich irgendwie im Treibsand des eigenen Alltags und ich war erstaunt wie wenig mich das berührte. Ich war absolut gar nicht ‚investiert‘ in diese Sache.

Wie funktioniert das mit der Erfahrung und wo kann man sie wieder abgeben?

Für mich war all dies sehr neu, aber nachdem meine erste und einzige fünf-jährige Beziehung in die, sich schon lange abzeichnenden, Brüche gegangen war, fühlte ich mich bereit ‚Neues‘ zu wagen. Ich wollte erleben, kosten und erfahren und meinen Horizont erweitern. Mich erweitern. Meinen Freundeskreis. Meinen Männer-Kreis. Ich wollte einfach alles und definierte das nicht wirklich für mich. Mit meinen 22 Jahren stürtzte ich mich also quasi das erste Mal in, was Singles allgemein hin als Datingwahnsinn bezeichnen würden und merkte schnell, dass ich kaum Ahnung davon hatte wie ‚kennenlernen‘ unter StudentInnen und Menschen meines Alters funktionierte.

‚Definieren‘ von Zuständen ist des Singles Albtraum, dabei träumt er doch so gerne

Meinen Ex-Freund hatte ich noch während der Schulzeit kennengelernt und während unserer langen Beziehung hatte ich mir herzlich wenig Gedanken darüber gemacht ob man sich nun rund um mich herum ‚traf‘, ‚datete‘ oder ‚befreundet‘ war, in seinen verschiedenen Auswüchsen. Plötzlich sah ich mich aber mit variierenden Formen und Bedeutungen des Begriffs ‚Exklusivität‘ herumschlagen und musste diesen erst Mal für mich selbst definieren. Wie immer laut und demonstrativ die große Freiheit und Unkompliziertheit im Zusammenhang mit dieser und anderer Apps auch propagiert wurde und wird, mich überforderte es doch ein bisschen.

Paul der Grenz-Gruben-Krieger und warum ich Rassistin bin

Tja und dann kam er. Nennen wir ihn Paul und Paul war all das was ich mir im realen, sich-anschauenden, Leben, niemals an Land bzw. in mein Bett gezogen hätte. Zuerst Mal war Paul Deutscher und jeder Österreicher weiß, dass es da gewisse Animositäten zwischen den Ösis und den Piefken gibt. da bin ich beim Grenzen-Gruben-Krieg zwischen den Völkern Rassistin.  Aber seine Herkunft war nicht das einzige Problem. Paul studierte dann nämlich auch noch Medizin und hatte sich damit den unangenehmen, sich selbst überschätzenden, Ärzte-komplex quasi bei Studienbeginn selbst injektiert. Neben all diesen groben Mängeln war er dann auch optisch nicht wirklich mein absoluter Fall. Ja, er war nicht blond, das war schon mal gut, aber er war auch nicht mehr. Klar, Paul war kein Quasimodo, aber als er mich anschrieb konnte ich mich nicht mehr erinnern wieso ich ihm einen likenden-Swipe verpasst hatte.

Paul…

Aber Paul war nun einmal da, schien auch Humor zu haben und wohnte parktisch einen radelnden Steinschlag von mir entfernt. Ich dachte es wäre nicht viel verloren, wenn ich mich mit ihm treffen würde. Ha! Denkste! Verlor ich doch im Laufe meiner Bekanntschaft mit dem gar-nicht-idealen-aber-dann-doch-iwie-super-tollen-Paul mein Herz. Aber ich greife der Odysee voraus. Erstmal verabredete ich mich mit Paul. Es war Fußball-Sommer und ich schlug vor wir könnten uns doch ein Deutschlandspiel anschauen, anstatt zu lernen, weil man das als Student(in) eben so macht. Hatte Paul nichts dagegen, obwohl er gar kein Fußball Fan war. Nicht mal zur WM. (Anm. meines älteren, weiseren Ichs: Seltsamer Mann. Daran hätte ich es schon erkennen können).

….Paul

Schon beim öffnen der Wohnungstür (für Public Viewing war es dann doch zu grauslich draußen) dachte ich irgendwie erleichtert bei mir: „Gut, der wird mir nicht gefährlich.“ Natürlich alles falsch, weil Paul einer der Typen war der, nicht unähnlich einem guten Wein, mit der Zeit immer besser wurde. Oder man sich zumindest einredet, dass jetzt, wo die teure Flasche von dem verdammten Wein nun mal schon geöffnet ist und man sich irgendwie aus einem schlechten Gewissen heraus verpflichtet fühlt sie nun auch zu mögen. Und auszutrinken. Ja, ganz recht, ich vergleiche Paul, den Medizinstudenten, gerade mit einer Flasche Wein. Das ist sehr passend, da ich nämlich nichts von Wein verstehe und das auch im übertragenen Sinne für Männer zu gelten scheint.

Immer noch Paul

Als ich Paul an diesem Abend also meine Tür öffnete wusste ich eigentlich recht wenig von ihm, außer, dass was er studierte und dass er aus Deutschland kam und sich für Batman hielt. (Anm. meines älteren, weiseren Ichs: Bist du debbat Mäderl?? Was lädst du einen dir unbekannten Deutschen in deinen Wohnung und kaufst auch noch Bier dafür ein? Das hätte auch noch in ganz anderer Weise schief gehen können…). Ich fühlte mich auf Anhieb wohl bei ihm. Da war eine Vertrautheit und Lockerheit zwischen uns in der ich mich einfach fallen lassen konnte. Vielleicht auch, weil ich nicht wirklich das Gefühl oder den Wunsch hatte ihn beeindrucken zu wollen. Ich war einfach ich und war mir sicher, dass das genug war. Vielleicht aber gab auch er mir dieses Gefühl, das ich jetzt als meine eigene Selbstsicherheit verkaufe. Alles hatte etwas von einer herrlichen Unaufgeregtheit, zumindest für mich (er war schon nervös. Sein Auge zuckte komisch.), die anfängliches Kennenlernen sonst immer so vermissen lässt.

Paul und ich verstanden uns wirklich gut und wir sahen uns bis ans Ende des Semesters fast täglich. Als wir das erste Mal miteinander schliefen, blieb er über Nacht und sprach am Morgen danach von Exklusivität und darüber sein Flirt-App-Profil eigentlich löschen zu wollen. Was er übrigens nie tat. Trotzdem sprach er damals schon darüber und ich hörte mir das alles schweigend und ein bisschen überrascht an, sagte aber nichts dazu. Da hatte ich doch ganz andere App-Typen-Geschichten von meinem Freundinnen gehört. Paul witzele darüber, dass ich ihn doch zum Ösi machen sollte, bekochte mich, besuchte mich, schrieb mir (sogar eine Karte mit Gedicht von seinem Kroatien-Urlaub) ….

 

Tja und dann hat mein Frankreich-Vergangenheits-Ich einfach aufgehört zu schreiben. Ganz unten, am Ende des Schmierzettels steht dann noch als Randnotiz: Intimität muss kein Irrtum sein. Kann aber. Definitiv ist Intimität aber nicht Nähe und schafft diese auch nicht. Intimität schafft keine Nähe. Nähe aber, schafft Intimität. Ich darf die Reihenfolge nicht verwechseln. Die Reihenfolge ist wichtig. Sehr. (Rotweinfleck)

 

 

 

 

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wieso hat dein Vergangenheits-Ich einfach aufgehört?! Das geht doch nicht! Ich will wissen wie es weiter ging. 😦 Hast du schon mal geschrieben, wie das mit dem Froschprinzen zuende ging? Bzw. was zwischen Sommer 2016 und Afrika passierte?

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    1. Ich weiß auch nicht. Sie hatte wohl einfach keine Lust mehr. Oder iwas oder iwer kam dazwischen, damals.
      Hmmm…so wirklich hab ich wohl nicht berichtet was war. Sollte ich vielleicht mal machen. Mit einer flasche Rotwein und einem Sternenhimmel vorm Fenster.
      *Moment: ich korrigiere das: Mein Text den ich in Kenia geschrieben habe (so wie noch ein paar mehr aus der Zeit) schließt die Geschichte eigentlich ab. Ich hab danach nichts mehr von ihm gehört. Den Text hat er aber gelesen. https://confidentcontradiction.wordpress.com/2017/02/16/des-froschprinz-letzter-tanz/

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  2. Team Rotwein ist das einzig gute Team! 😀
    Und echt ein super Text, ich glaube nach allem, was ich gelesen habe, kann ich aber verstehen, dass dein Vergangenheits-Ich keinen Bock mehr hatte.

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    1. Haha^^Ûnfassbar, dass da an diese Geschichte dann trotzdem noch ein paar mehr gehängt haben! Meine Güte…in was man sich dann immer hineintheatern lässt…

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  3. tindereinmaleins sagt:

    Gefällt mir. Nähe schafft Intimität aber nicht anders rum! Das muss ich auch noch verinnerlichen.

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    1. Meiner Erfahrung nach ein eher schleichender Prozess, bis man das verinnerlicht hat^^

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