Der Dominik-Effekt

„Komm Dicker!“, locke ich meinen Hund den Gehsteig entlang, weil er sich schon wieder an einer Ecke festgeschnüffelt hat. „Na, komm!“ Merlin hört und zottelt mir, in seinem dicken Fell verpackt, artig hinterher. Bis zur nächsten Ecke. Wo er sich wieder festschnüffelt. Also nicht so sehr er wie seine Nase, von der er sich eben leiten lässt. Aber das ist okay. Es ist Sonntag, spät am Abend, eigentlich schon Nachts und wir haben Zeit. Als er dann aber nach gefühlten fünf Metern wieder beschließt stehen bleiben zu wollen, diesemal einfach nur um sich umzuschauen, werde ich ungeduldig.

„Herst Dicker.“, raunze ich launisch. „Jetzt bewegst aber moi dein dicken Popsch. Hoppp!“ Der Hund in der Größe eines Kalbs schaut mich an und will ein Leckerli. Pech, ich habe keines dabei. Außerdem werde ich nicht damit anfangen meinen ohnehin sehr gemütlichen Teddybär-Hund auch noch für das Gehen zu belohnen. Das erscheint mir pädagogisch nicht sehr sinnvoll. Merlin erkennt wohl, dass er auf verlorenem Posten steht und setzt sich auch ohne essbaren Anreiz wieder in Bewegung. „Fein is er“, lobe ich ihn mir hoher Stimme. „So ein Feiner!“Merlin freut sich. Er findet auch, dass er fein ist.

„Hey.“, spricht mich eine dunkle, tiefe, weiche, warme, raue, feste, volle Männerstimme in der Dunkelheit an und mir läuft es augenblicklich eiskalt über den Rücken. Ich kenne diese Stimme. Ich kenne den Mann zu dem sie gehört. Ich liebe den Mann dem sie gehört. Liebe seine Stimme. Aber ich darf nicht. Wegen so vielen Gründen. Mein Herz friert ein. Ich friere ein und meine Theaterausbildung  greift sofort. Das ist wie ein Notschalter der da in meinem System umgelegt wird, wenn absolut gar nichts mehr geht.

„Hi!“, lache ich. Viel zu laut, viel zu schrill, viel zu künstlich, viel zu unecht. „Oh mein Gott, hi!“ Merlin ist irritiert. Gerade war er noch der feinste dicke Hund der Welt und trollte sich mit dem Frauchhen im Schlabberlook am nächtlichen Gehsteig herum, da taucht ein fremder Mann auf und sie flippt total aus. Also innerlich. Aber Hunde merken sowas. „Hi!“, sage ich nochmal und nehme Merlins Leine kürzer. Das waren jetzt drei ‚His‘, fällt mir auf. Mindestens ein Hi zu viel um locker, lässig und cool zu wirken. So als würde ich mich nicht mehr bis ins letzte Detail an all unsere Begegnungn und den Kuss im Aufzug erinnern. Verdammt. „Hey.“, grinst er da und rettet mich damit irgendwie. Nur mit dem ‚Hey‘. Es kann so einfach sein.

Ich stoppe mich bevor ich noch einmal ‚Hi‘ sage und frage stattdessen seltsam überschwänglich und euphorisch. „Wie geht’s dir? Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen! Wie lange ist das jetzt her?“ Ich weiß ganz genau wie lange es her ist. Drei Jahre. Ein bisschen mehr als das. Vor drei Jahren kam er hereingeschneit und war einfach nur…wow. Der Mann war einfach wow. Seine Stimme, seine Größe, seine Statur, seine Träume, seine Ziele sein….Alles einfach. Sein Ich einfach. Niemals zuvor und niemals danach war ich bis jetzt so verliebt wie in Dominik. Aber ich hatte damals einen Freund. Roland. Und ich fühlte mich diesem komisch verpflichtet. Wollte ihn nicht einfach wegen temporären Schmetterlingen für einen Anderen verlassen. Das würde schon wieder vorbei gehen, sagte ich mir.

„Gut.“, sagt Dominik und seine Zähne sind weiß und seine Lippen voll. Ich werde ganz unruhig bei seinem Anblick. Die dunklen Haare sind jetzt wieder ein bisschen länger und damit lockig und voller Textur. Seine markanten Gesichtszüge werden von den Straßenlampenlichtern hervorragend in Szene gesetzt. Ob das der selbe schwarze Mantel von damals ist? Alles in mir bebt und vibriert und ich könnte sterben und überkochen voll Energie und Funken die ich ihm entgehen sprühe. Die er in mir entfacht. „Mir geht es gut.“, sagt er und fragt mich umgekehrt wie es bei mir so läuft. „Studierst du noch Operngesang?“, frage ich. „Ja. Bin jetzt im Master. Und du?“ Wir reden. Dabei ist reden das Letzte was ich mit ihm machen möchte.

Irgendwann beschließt mein Verräterhund, dass es jetzt genug der seltsamen Emotionen ist und er jetzt nachhause gehen will. „Bye“, sage ich und winke ihm von der anderen Straßenseite noch mal zu. „Bye.“, sagt er und versucht mich zu umarmen. Merlin zieht aber in die Gegenrichtung. Er hat ja auch recht. Dominik hat jetzt eine Freundin. Seit ein paar Jahren jetzt schon. Und ich bin nicht so eine. Auch wenn ich vielleicht die Eine für Dominik bin. Oder er zumindest für mich. Auf den letzten Metern bis vor unsere Tür führt mehr der Hund mich als ich ihn nachhause. Zum Glück sind Berner Rettungshunde. Ich bin nämlich getroffen. Schon wieder. Immernoch. Ohje. Das ist der Dominik-Effekt.

 

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