Oida, Wien!

Ich sitze im kleinen Park-Areal neben der Votivkirche in Wien und frage mich wie ich hier her gekommen bin. Heute Morgen, als ich irgendwann gemütlich aus dem Bett rollte um mit meinem Mitbewohner und meinem Hund friedlich am sonnigen Balkon zu frühstücken/brunchen bis mir der Magen platzt, hatte ich noch ganz andere Pläne im Kopf. Blumen wollte ich kaufen gehen und Küchenkräuter. Ein bisschen Frühling-Sommer-Leben auf dem Balkongarten einziehen lassen und anschließend mit dem Hund beim Eisladen vorbei gehen und mir das erste Eis der Saison holen. Beschauliche Pläne, für einen beschaulichen Tag….und jetzt? Sitzte ich in Wien. Mitten in der Stadt. Eher weniger beschaulich.

Eine Freundin hat mich am späten Vormittag gefragt ob ich spontan bin. Bin ich. Saß 1 1/2 Stunden später mit ihr im Zug nach Wien. Wir wollen uns heute Abend ein Konzert anhören. Ich werde bei den Foxlings (oder wie auch immer die Hypster-Typen aus Amerika heißen) wohl eher hinschauen und weniger hören. Angry-alternative-Rock ist gar nicht so meins. Aber Musik spielt in meinem Leben sowieso meist im Hintergrund. Ich bin die Hauptrolle.

Das Wetter ist schön. Wien auch. Irgendwie halt. Auf der Bank neben mir sitzten zwei Mädchen und lästern. Die eine isst Salat und versucht ihn wohl mit ihrer Gabel zu töten, so agressiv wie sie in ihrem Plastikschälchen herumstochert. Die andere isst nicht mal, die trinkt nur. Die alte Dame mit den grauen Haaren und dem grauen Hund wartet glaube ich auf bessere Zeiten. Da kann sie in Wien lange warten. Hier wird nichts besser. Sagen die Wiener. Überhaupt ist die Welt schlecht. Von Wien aus gesehen zumindest. Zwei mal haben mich schon Touristen angequatscht und nach dem Weg gefragt. Beim zweiten Mal hab ich Französisch gesprochen und gemeint, dass ich nicht von hier bin. Bin ich auch nicht (mehr).

Ein Schokolabrador hat sich in den Park verirrt und hält das kleine Fleckchen Grün zwischen dem Asphalt für das Paradies. Ob das der Kirche gefällt? Die Tauben sind nicht erfreut. Die Fahrrad-CityTour-Touristen sind darüber gespalten. Einige finden den Hund süß, andere haben Angst, dass er ihnen zwischen die Räder kommt. Aufregung ist hier immer. Rein aus Prinzip. Ach Wien…

Ein frischer Windstoß bläst mir Dreck ins Gesicht und verwüstet meine Haare. Wenn mir ein Mann die Haare so zerzaust hätte, wäre ich böse gewesen. Aber Wien fragt nicht, Wien macht einfach. Wien kann man schwer böse sein. Ob ich Zigaretten habe, fragt mich einer. Ob er ein Leben hat, frage ich ihn. Hat ihn aus dem Tackt geworfen, meine Gegenfrage. Stört mich nicht. Erkläre ihm, dass wenn er eins hat, also ein Leben, er es mit der Raucherei gefährdet. Beeindruckt ihn wenig. „Geh herst, Oida!“, ruft er und ich bitte ihn sachlich zu gendern. Verwirrt ihn total. Ach Wien, was machst du nur aus deinen Kindern?

Langsam wirds frisch. Ich ziehe mir den neuen roten Mantel über und beschließe mich dann mal auf den Weg zu machen. Die Jungs die uns vom Hauptbahnhof abgeholt haben kochen jetzt nämlich gerade im Studentenheim für uns. Meine Allein-Zeit war zwar ganz schön, aber in Wien eigentlich auch nicht möglich. Hier sind zwar alle iwie allein, aber beim Alleinesein stört ständig jemand. Vielleicht ist das die Erklärung für den ortsansässigen Ur-grant der Wiener.Innen. Alles nur Spekulationen natürlich. „Nein! Warte!“, schreit die alte Dame mit den grauen Haaren, als ich mich erhebe und für einen kurzen Moment glaube ich, dass sie mich damit meint. Tut sie nicht. Sie spricht mit ihrem grauen Würstel-Hund. Auch gut. Dann warte ich halt nicht.

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