Ein FALL für zwei

Der IdealFALL

Ich sitze ihm gegenüber und schaue ihm dabei zu wie er mir dabei zuschaut wie ich ihm zuschaue. Kellner hat sich schon länger keiner mehr an unseren Tisch getraut. Die haben einen siebten Sinn für sowas und merken, dass sich bei uns gerade Chemie aufbaut und wir uns eigentlich wünschen schon bei ihm oder bei mir ungestört übereinander herfallen zu können. Es sind diese kleinen Momente bei einem Date in dem sich ein bisschen Spannung und Nähe über den Tisch hinweg aufbaut und die einen dann die Augen ein bisschen betreten zu Boden senken lassen und sich die Mundwinkel ganz unwillkürlich von alleine nach oben ziehen. „Du bist süß.“, sagt mein Gegenüber, nimmt einen Schluck Kaffee und zwinkert mir über den Rand seiner Tasse hinweg zu. Oh Gott. Blicke sind etwas Intimes.

Der RealitätsFALL

So ein Date hatte ich schon lange nicht mehr. Dabei date ich wie ein Verrückte. Es ist Prüfungszeit und ich versinke geradezu in gekauften und geliehenen Pflichtlektüren, fremden und eigenen Mitschriften und Kekskrümel die sich wie von selbst unter die Lernunterlagen mischen. Zwischen Laptop, verzweifeltem Stoßlüften, um den Kopf ein bisschen frei zu bekommen, im Zimmer und Mindmap-Übersichten die ich angefertigt und über die ganze Wohnung verteilt (aber bevorzugt am Klo) angebracht habe, sitze ich und will einfach nur mal wieder richtig gut vögeln.

Kennt ihr das? Alles ist stressig, man hat sich die Haare schon zwei Tage nicht mehr gekämmt und kommt aus seinem Pyjama auch nicht mehr heraus. Die Prüfungszeit verwandelt dich in einen lonely-Zombie mit homebody Qualitäten. Tageslicht kommt und Tageslicht geht, ohne dass man es wirklich wahrgenommen hätte, weil man sowieso nur am Schreibtisch festklebt und rund um sich herum nichts mehr mitbekommt. Gerade dann, date ich ganz gerne. Es gibt mir die Gelegenheit mich mal wieder zu duschen und auf etwas Anderes zu freuen als Mitte Februar.

Der NotFALL

Aber das ist nicht der einzige Grund warum ich dann sehr aktiv im Verabreden bin. Ich suche nicht den Traumpartner meines Lebens auf irgendwelchen schnellen Zwischendrin-und-zwischendurch-Dates, sondern eigentlich nur jemanden der ein bisschen mein Bett wärmt und mit dem ich Prüfungsstress, Prüfungsdruck und Prüfungsangst effektiv abbauen und bekämpfen kann. Wenn man sich tagelang nur mehr in seinem ‚Kopf‘ aufhält, ist es eine angenehme Bestätigung, wenn ein Mann große Augen wegen deines Körpers bekommt. So ein bisschen Oberflächlichkeit kann in der ganzen tiefgehenden Wissenschaft auf der Uni ganz schön sein.

Ich will also eigentlich nur ein bisschen Sex und wenn man den Männern so zuhört, dann sollte das doch auch ganz einfach sein sich da auf jemanden einzulassen. Dachte ich zumindest und bin jetzt zusätzlich zum Uni-Albtraum auch noch in dieser Hinsicht frustriert, denn obwohl ich in den vergangenen Wochen mit allen möglichen Jungs und Männern Kaffee, Tee oder auch mal ein Bier getrunken habe, war einfach niemand dabei bei dem ich auch nur ein bisschen feucht geworden wäre.

Ich habe in letzter Zeit so oft die Friend-Zone Karte ausgeteilt, dass mich das selbst schon gehörig frustrierte. Wieso bitte kann ich mich nicht einfach mal zu jemandem hingezogen fühlen? Die Herren waren auch alle nicht unattraktiv oder irgendwie unerträglich, aber sie waren auch einfach nicht interessant genug. Also auf einer rein horizontalen Ebene. Denn auf ihre Art war jeder der Kandidaten schon wirklich spannend und ich würde mich, wenn ich mehr Zeit habe auch nochmal mit ein paar von ihnen treffen. Aber dann halt wieder nur auf einen Kaffee. Ohne Sahne. Wenn ihr versteht was ich meine 😉

Und so kam es wie es nun wahrscheinlich einmal kommen musste. Ich wurde Opfer eines Rückfalls. Es gibt nämlich schon einen Mann in meiner Stadt, der eine ziemlich sichere Nummer für mich ist, von dem ich mich angezogen fühle. Leider in der Vergangenheit auf nicht ganz unproblematische Art und Weise und deswegen versuchten wir dann auch die Finger voneinander zu lassen. Die Betonung liegt hier auf versuchten. Geschafft haben wir das nämlich, mittlerweile weit über 6 Monate lang, nie so wirklich.

Der RückFALL

Ich weiß gar nicht mehr wie es dieses Mal wieder begann, aber die Stimmung zwischen uns heizte sich für mich zum Richtigen Zeitpunkt wieder zwischen uns auf. Wir schickten uns sogar eindeutig zweideutige und sehr deutliche Fotos auf Snapchat hin und her, schrieben spielerisch flirtend eine halbe Nacht lang. Nicht besonders förderlich und zielführend für mein Lernvorhaben, aber spannend und spaßig.

Tja und dann stand er plötzlich um 12 Uhr Nachts vor meiner Tür. Lässt du mich rein, schrieb er mir in einer Nachricht und ich stand einige Sekunden lang unschlüssig in meinem Wohnungsflur vor der Gegensprechanlage. Sollte ich? Am nächsten Tag in der Früh hatte ich eine super schwere Angstprüfung und schon die Tage davor, dank Fuckboy, wenig Schlaf und noch weniger Konzentration. Aber verdammt, er war extra zu mir gefahren und verdammt ich hatte es auch einfach super nötig.

Ich ließ ihn gar nicht richtig ankommen, schmiss mich ihm beim Öffnen der Wohnungstür um den Hals und ließ mich von ihm in mein Zimmer tragen. Wir waren ausgehungert. Ausgehungert an Sex vielleicht gar nicht so wirklich, aber vor allem ausgehungert an einander. Das letzte Mal war schon viel zu lange her und wir waren sofort wieder vertraut miteinander. Er wusste wo er mich anfassen musste, ich wusste wo ich zärtlich küssen und wo ein bisschen fester zukneifen durfte. Es war wild und leidenschaftlich und dann wieder viel in die Augen schauen und einander zuflüstern. „Was willst du?“, fragte er mich als er über mir wartete. „Dich“, hauchte ich und streckte ihm ungeduldig mein Becken entgegen.

Ich mag dich. Du magst mich. Aber so einfach ist das nicht.

Als er dann neben mir lag, es draußen langsam hell wurde und ich trotz extremer Müdigkeit einfach nicht einschlafen konnte, war meine Libido befriedigt und mein Gehirn schaltete sich langsam wieder ein. Ich war zwar entspannt und wahnsinnig befriedigt, aber das war nur ein Teil von mir. „Was willst du?“, hätte ich mich vielleicht vorher ehrlich selbst fragen sollen. Ich wollte nur unkomplizierten Geschlechtsverkehr. Stress abbauen. Meinen Körper spüren. Mich begehrt fühlen. Mich kurz mal im Orgasmus-Rausch verlieren. Sowas halt.

Aber das war nicht so wirklich der Deal den ich mit diesem Kerl bekommen hatte, oder? Er mag mich. Ich mag ihn und wir hatten immer abwechselnd einmal das Gefühl mehr voneinander zu wollen und füreinander zu empfinden. Aber obwohl ich dem ‚was-es-auch-ist‘ eine Chance gegeben hätte, so lehnte er das letztlich immer ab. Er braucht dauer-Schmetterlinge und 1000%-Obsession. Genau das brauche ich nicht und das finde ich auch super unattraktiv, wenn es mir so entgegengebracht wird.

Wir bekommen das mit dem ‚Freunde sein‘ jedenfalls nicht so einfach hin, der Froschprinz und ich. Auch, wenn ich über den Punkt wo ich Schmetterlinge für ihn hatte weit drüber hinaus bin, so ist es ‚danach‘ doch immer seltsam. So auch dieses Mal. Und das liegt an ihm. Eindeutig. Warum? Na weil ich ihn nach einer unruhigen Nacht morgens in meinem Bett schlafen ließ. Es wirkte nicht so als würde er aufstehen wollen und nachdem ich die Hoffnung auf Morgensex irgendwie aufgegeben und sich das schlechte Gewissen wegen meiner Prüfung eingestellt hatte, verzog ich mich noch ein bisschen ins Wohnzimmer um zu lernen und verließ dann die Wohnung. Als ich heim kam hatte er zwar die Spuren der Verwüstung im Zimmer entsorgt, aber genauso wie die Spuren der letzten Nacht war auch er spurlos verschwunden.

Alles okay?

‚Alles okay?`, schrieb ich ihm und er antwortete sofort mit einem Foto Kaffee vor seinen Lernunterlagen. ‚Wollte dir noch in der Früh viel Glück für die Prüfung wünschen und bin dann aufgewacht und hab mich aus dem Bett gequält, nur um festzustellen, dass es schon weit nach 10 Uhr ist.‘ Er fragte wie meine mündliche Prüfung gelaufen war, die ich erstaunlicher Weise wirklich gut über die Bühne gebracht hatte und das…wars dann auch. Funkstille.

Bevor wir wieder miteinander im Bett waren hatte er zwar von Kino und sonst was geredet, aber das ist jetzt wohl wieder hinfällig. Ich frage auch nicht nach. Warum auch? Wenn es nur Sex ist, dann ist es nur Sex und das kann auch gut funktionieren. Aber wenn man es immer so aufzieht als wäre es ‚mehr‘, auch wenn das ‚Mehr‘ Freundschaft heißt und sich dann verdünnisiert, ist das einfach nur mies. Der Sex ist zwar gut, aber der Kerl ist es eher weniger. In zwei Tagen fährt er über die Semesterferien weg und wir werden uns wieder aus den Augen verlieren. Diesmal vielleicht für immer.

Alles okay

Ich habe an diesem Text erstaunlich lange gesessen, habe immer wieder aufgehört zu schreiben und bin dann doch wieder dazu gegangen. Die Wahrheit ist, dass ich gar nicht mehr so wirklich Lust habe über ihn zu schreiben. Es ist mir einfach nicht mehr wichtig genug. Es beschäftigt mich ‚danach‘ nicht mehr so sehr wie es das früher einmal getan hat. Und das finde ich eigentlich ganz gut. Ich schätze, wenn ich nicht mehr das Bedürfnis habe darüber zu schreiben und damit irgendwie Geschehenes zu ‚verarbeiten‘, dann hat es nicht mehr wirklich Bedeutung für mich. Zumindest nicht mehr genug.

Bei mir ist eigentlich alles okay. Ich kann auf die Nacht zurückblicken und bereue nichts. Ich bereue dann immer das Verhalten danach. Aber ich verstehe, dass es nicht meines ist, sondern sein Verhalten, dass dann irgendwie rückwirkend die (gewollte) Zweisamkeit zerstört. Und so kann Stress-bekämpfender Sex, ganz schön stressig werden. Zumindest emotional. Und darauf hab ich eigentlich wirklich gar keine Lust. Es wird langsam Zeit weiter zu ziehen und mich erfolgreicher durch meine Uni-Stadt zu daten, damit ich im Notfall, nicht mehr auf einen Rückfall zurückgreifen muss und das vielleicht zu meinem persönlichen Fall wird.

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