Er sitzt schonwieder barfuß am Klavier

Ich liege neben ihm in seinem Bett, das so zerwuschelt und zerzaust aussieht wie meine Haare und sich vielleicht gerade deswegen herrlich anfühlt. Sein Arm war die ganze Nacht, oder das was von ihr übrig war, vertraut unter meinem Kopf positioniert. Groß und fest und warm. Ein Anker an dem ich mich in meinen ruhigen Träumen nach einer wilden Nacht festhalten konnte. Als er die andere Hand von hinten um meinen Bauch herum legt und mich behutsam an sich zieht wache ich auf. Ob es eine bessere Art gibt morgens, na gut vormittags, geweckt zu werden? Bezweifle ich in diesem Moment ein bisschen.

Ein guter Start

Ich strecke mich behaglich in seinen Armen und lasse mich von ihm in meinen Nacken küssen und mit seiner Nase daran zärtlich streichelnd auf und ab fahren. Ich will die Welt anhalten und gleichzeitig alle möglichen weiteren Sekunden unseres Beisammenseins, unseres Zusammenseins, nicht verpassen. „Guten Morgen.“, flüstert er mit dieser tiefen, saften Stimme die trotzdem kratzig klingt in mein Ohr. Ich glaube nie mehr in der Früh eine andere Stimme hören zu wollen. Ob ich wohl eine ‚Wecker-Nachricht‘ aufnehmen könnte?

„Hey.“, flüstere ich zurück und drehe mich in seinen Armen um. Die letzten Reste Mascara hängen vermutlich noch an meinen Wimpern und mein Mund ist mit Sicherheit geschwollen vom vielen küssen, aber das macht nichts. Ich fühle mich schön, wie ich so in sein Laken gewickelt neben ihm aufwache und er mir die wilden Locken zärtlich aus dem Gesicht streicht und mir mit jedem Blick und jeder weiteren Berührung zeigt wie einzig ich für ihn bin. Wir müssen nichts sagen, weil wir das vielleicht auch gar nicht können, aber noch viel wichtiger ist: weil wir eben nicht müssen. Zwischen uns ist alles klar. Es ist alles gesagt. Mit einem Kuss auf meine Nasenspitze, dem sanften Kraulen meiner Hände in seinem Nacken, unseren Augen die strahlen und sprühen.

Wir haben uns überrascht. Genauer gesagt, hat das was da zwischen uns explodierte und von dem wir anfangs gar nicht so viel mitbekamen, uns überrascht. Wie dann eins genau zum anderen kam ist jetzt in diesem Moment auch gar nicht so wichtig. Ich frage mich ob es für unsere Geschichte überhaupt jemals relevant sein wird. Von Bedeutung ist nur das hier. Sind nur er und ich und das was uns verbindet. Und dafür gibt es viele und doch nur einen Namen.

Farbenfrohes Weiß

Sein Zimmer ist weiß. So weiß. Weißes Bett. Weiße Laken. Weiße Wände. Weiße Vorhänge. Ein weißer Teppich. Alles weiß. Bis auf den grauen Fußboden und das schwarze Klavier. Ich frage mich wie jemand der so alles andere als farblos ist so leben kann. Ich fühle mich ein bisschen wie Schneewittchen als er mit seiner Polaroid-Kamera ein Foto von mir in seinem Bett schießt. Rote Lippen, weiße Haut, dunkles langes Haar in mitten von Weiß. Weiß, weiß, weiß. Wie Schnee und doch so warm. Ich fühle mich zuhause.

Ich rekle mich behaglich in seinem Bett als er in die Küche geht, ein bisschen Essen zusammen sucht und Teewasser zustellst. Mit nackten Zehen husche ich übers Paket und öffne das Fenster. Ich atme ein und atme aus und schließe die Augen. Das hier ist schön, finde ich. Ganz objektiv. Der lange Vorhangstoff spielt sich ein bisschen um meinen nackten Körper und so findet er mich, als er mit zwei vollen Tassen Earl Grey in der Hand ins Zimmer zurückkommt. Es steht ihm, das Adamskostüm und ich werde nicht einmal rot bei seinem Anblick oder meinen Gedanken.

Seine Blicke sind genauso forschend, beobachtend, staunend, bewundernd und zärtlich wie die meinen, als wir uns da so, in mehrerlei Hinsicht, hüllenlos gegenüberstehen. Inmitten von Weiß. Neugierig, vorsichtig, vertraut und selbstsicher. Er gibt mir Sicherheit im Ich sein. Ich hoffe ich gebe ihm Sicherheit im Selbst sein. Wir haben es nicht eilig. Weder mit unseren Blicken noch mit sonst irgendetwas. Wir haben uns. Wir wissen es. Da ist Zeit. Und da ist noch so viel mehr.

Er drückt mir einen Kuss auf meine nackte Schulter und einen dampfenden Becher in die Hand und geht ans Klavier. Bei den ersten Takten der Melodie weiß ich was jetzt kommt und ich muss lächeln.

Du sitzt barfuß am Klavier

Nicht schonwieder, aber gerade und nach ein wenig Intro beginnst du mit dieser Stimme, die der aus dem Radio so gleich kommt, zu singen, dass du Liebeslieder nicht träumst sondern lebst und dabei von mir singst. Du und ich, wir sind wunderlich, nicht für dich, nicht für mich. Vielleicht für die, die es störte, wenn sie uns nachts hörten und noch des Öfteren hören werden. Jeden Morgen, danach bei dir. Ich nackt im Bett und du barfuß am Klavier. Du lebst Liebeslieder und singst dabei von mir.

Du und ich, wir sind jetzt wir und waren mal nichts. Du da, ich hier. Du hoffst ich will mal alles wissen, das wird dich nicht vertreiben. Du hoffst ich bleib noch länger, bei dir. Du sitzt nur gern für mich barfuß morgens am Klavier. Du hast von dem Liebeslied geträumt das du jetzt lebst. Du und ich, kann nie zu wenig, nie zu viel sein. Sonst würdest du hier nicht sitzen, barfuß am Klavier.

Und ich schaue ihn an, diesen Mann, wie er da so vor mir barfuß am Klavier sitzt und die Musik, das Liebeslied das er für mich, für uns spielt, in seinem weißen Zimmer von Wand zu Wand hüpft und dabei nicht nur den Raum erfüllt. Ich hoffe wir hören nie auf damit. Du mit dem barfuß am Klaviersitzen und ich mit dem nackt im Bett liegen. Mit dem nicht einsam gemeinsam herumsitzen und schweigen. Oder auch nicht. Mit dem nicht einsam gemeinsam liegen.

Ich singe nicht, aber ich schreibe. Und das ist mein Liebeslied. Noten- aber nicht tonlos. So sitzt ich barfuß vorm Laptop, schreibe Liebeslieder und träum dabei von dir.

Titelbild Flickr

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mir sind beim Lesen einfach die Tränen gekommen und nur so an meinen Wangen heruntergelaufen. Hab ich erst gar nicht gemerkt und kann auch nicht erklären wieso.. Vielleicht weil das Gefühl von der kurzen Unendlichkeit einfach so nachvollziehbar für mich ist. Hör niemals auf zu schreiben! Bist momentan in meinen Lernpausen mein Spirit Animal! :-*

    Gefällt 1 Person

  2. OoooooOooh! Danke Liebes! Na ich hoffe das Lernen geht einigermaßen voran und meine Artikel machens vielleicht ein kleines bisschen erträglicher. Ich habe meine Angstprüfung dieses Semester gestern hinter mich gebracht und jetzt nur mehr zwei Prüfungen übrig. Hab also mehr Zeit deine fantastischen Artikel zu lesen 😉 *spirit animal* :-*

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s