BedeutungsLOSLASSEN

Neulich war ich in einer Bar und hab dich tanzen sehen. Eigentlich war es ein gemütlicher Abend mit Freunden, den ich mir nach einem langen Tag zwischen Nebenjob, Bibliothek und Uni auch redlich verdient hatte und ich war gerade dabei meinen Freunden von dem furchtbar aufdringlichen Typen auf der Arbeit zu berichten, als ich dich da zwischen den tanzenden Menschen erblickte. „Was ist denn?“, fragt mein Kumpel als ich mitten im Satz aufhöre zu erzählen und wie ein Eiszapfen erstarre. ‚Nichts‘, sind die ersten Worte die mir über die Lippen springen wollen, aber ich beiße mir auf die Zunge. Das sind meine Freunde. Denen muss und kann ich nichts vormachen.

Ich stelle mein Glas mit dem alkoholischen Inhalt auf dem Tisch zwischen uns ab und versuche mir meine Haare ins Gesicht fallen zu lassen, innerlich voller Panik, dass du mich erkennen könntest. „Der Typ da drüben.“, sage ich und deute mit dem Kopf in deine Richtung. „Der mit den schwarzen Locken auf der Tanzfläche.“ Meine Freunde verrenken sich eher weniger subtil in deine Richtung und ich bete, dass sich die Erde für mich auftut. Wovor ich Angst habe weiß ich nicht so wirklich, weil ich mich ja im Gegensatz zu dir nicht wie der letzte Arsch verhalten habe, aber das was da zwischen uns passiert ist lässt mich eben doch nicht los. So bedeutungslos es auch gewesen sein mag. Für einen von uns zumindest.

Du tanzt mit diesem Mädchen, deine Hände umfangen sie, du lachst und ich muss trinken um diesen Anblick zu ertragen. Meine Sorgen, dass du mich erkennen könntest sind vollkommen unbegründet, weil du nur Augen für sie hast. Diese Erkenntnis ist noch ein bisschen unangenehmer als wenn du mich hier mit meinen Freunden sitzend bemerkt hättest. Ich trinke Gin and Tonic und kann mich erinnern, dass das dein Lieblingstrink ist. Zumindest war er das mal, damals, als wir uns noch trafen.

„Wer ist das?“, fragt Martin, während Matthias immer noch versucht dich in der Menge ausfindig zu machen. Ich würde gerne ‚Niemand‘ sagen, aber du bist genau so wenig niemand für mich wie du nichts bist. „Oh mein Gott, ich weiß wer das ist!“, flüster-schreit Daniela über die Musik hinweg und haut mir mit weit aufgerissenen Augen auf den Oberarm. „Wer?“, fragt der Rest der Runde unisono im Chor und alle Aufmerksamkeit ist auf Dani gerichtet, die aufgeregt erzählt, dass du der emotionale Vampir bist mit dem ich ein halbes Jahr lang (und eigentlich nie wirklich) ‚befreundet‘ war. „Eeeecht?“, quietscht Sarah und starrt dich aus der Ferne in den Boden. „DAS ist er?!?!“

Ja, das ist er. Das bist du. Aber eigentlich ist das eine ziemlich zweifelhafte Aussage, denn nicht mal du weißt so wirklich wer du bist und mit den Erkenntnissen über das was du tust haderst du im Nachhinein immer ein bisschen und hoffst, dass du doch nicht so bist wie du nun mal bist. Das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe liegt schon eine Weile zurück. Es war auf dem Campus, vor dem nicht mehr ganz so neuen Chemie-Gebäude, das sich als Schauplatz für dramatische Abschiede wohl eher weniger eignete und wir waren uns einig, dass wir uns nicht mehr wieder sehen würden. „Na dann“, hab ich gesagt und ein bisschen gelächelt. „Wünsch ich dir ein schönes Leben mein Lieber.“ In solchen Augenblicken bin ich wohl theatralisch. Du hast nicht viel gesagt, außer eben, dass wir es wohl besser lassen sollten. Lange hast du mich angeschaut, wie ich da so schwach beleuchtet in der Dunkelheit neben dir und deinem Fahrrad stand. Du hast mich zum Abschied kurz umarmt und dann hab ich mich umgedreht und bin gegangen, so wie ich das schon viele Male zuvor getan habe, mit dem Vorsatz mich nicht mehr nach dir umzudrehen, aber noch nicht ahnend, dass es dieses Mal wirklich so sein würde.

Es war eine Nacht voller Katastrophen, in der Trump allen Ernstes zum 45. amerikanischen Präsidenten gewählt wurde und du und ich das Schiff mit dem wir zusammen auf eine Odyssee aufgebrochen waren im Meer (meiner Tränen) versenkten. Ich bin ein wenig verwundert darüber wie viele Gefühle es in mir aufwirbelt dich hier zu sehen. „Wer ist denn das Mädchen?“, fragt meine Freundin und ich zucke mit den Schultern. Vielleicht ist das deine Tanzpartnerin, von der ich immer nur die Haargummis die sie in deinem Bett vergessen hatte zu Gesicht bekam, vielleicht ist das eine deiner ‚Freundinnen‘, vielleicht ist die schöne Unbekannte aber auch mehr als das. Vermutlich weißt du es selbst nicht. Ich würde mir gerne sagen, dass es bedeutungslos ist und ich das, dich, loslassen muss. Aber das entscheidet meine Vernunft nicht.

„Im ernst?“, schnauft Martin und zieht die Augenbrauen hoch. „DEN fandest du gut?“ Ich muss lachen. „Sieht ganz so aus.“, sage ich und schiele in deine Richtung. Ja doch, du hast immer noch was, schätze ich. „Hätte ich mir nicht gedacht, dass du auf sowas stehst.“, meint Sarah. „Da könntest du doch echt Besseres bekommen.“ Ich sage nichts dazu, weil ich weiß, dass das mit uns zwei sehr wenig mit denken zu tun hatte und nur weil man ‚Besseres‘ bekommen könnte, heißt das noch lange nicht, dass man das auch will. Aber dass ich mich zu dir hingezogen fühlte hatte sowieso nie etwas mit deinem äußeren Erscheinungsbild zu tun, sondern viel mehr mit dir als Person. Genau das macht es ja vielleicht auch so schwierig. Ich mochte dich einfach.

Wie ich da so sitze und dir beim Flirten mit einer anderen zusehe fällt mir ein, dass du noch meine zur Keksdose umfunktionierte Jausenbox hast. Ob du sie mir jemals wieder geben wirst? Vermutlich nicht. Du weißt wo ich wohne und theoretisch könnte ich mein Döschen mit dem praktischen Druck-Verschluss wohl auch zurück fordern, aber dafür müsste ich über den Graben rufen der uns beide nun trennt, nachdem wir die Brücken zwischen uns abgerissen haben und ich habe Angst, dass mir als Antwort nur mein leeres Echo zurück schallt.

Denkst du manchmal noch an mich? Wenn du jemanden laut lachen hörst zum Beispiel, eine Robbe im Zoo siehst, oder Frank Sinatra oder Max Raabe hörst? Drehst du dich manchmal nach einem Mädchen mit langen schwarzen Haaren um, weil du denkst das wäre ich? Radelst du hin und wieder einen Umweg an meiner Wohnung vorbei in der leisen Hoffnung ich würde dir begegnen? Was wurde aus der Flasche Portwein in deiner Küche, die du nur für mich gekauft hast und die wir nie getrunken haben? Ich habe lächerliche Fragen. Ich weiß. Und sie werden unbeantwortet bleiben.

Es tut weh dich so nah zu sehen und dir doch so fern zu sein. Ich vermisse dich. Nicht deinen nackten Körper an meinem nackten Körper, das war vor allem verwirrend und unreif, sondern dich. Einfach nur als Freund. Eine Zeit lang dachte ich, ich wollte nur mit dir befreundet sein, damit ich dieses ‚herum schlafen‘ mit dir vor meiner doch prägenden Erziehung rechtfertigen kann, aber mittlerweile weiß ich, dass ich mir auch da etwas vorgemacht habe. Ein schönes Leben habe ich dir damals bei der ‚Verabschiedung‘, die irgendwie nur eine Verschiebung des ganzen war, gewünscht und meinte es auch so. Trotzdem bin ich jetzt überrascht, dass du es zu leben scheinst.

Wie geht es dir? Wie geht es deiner Schwester in Australien, will ich dich fragen. Hast du sie besucht oder hast dus noch vor? Hat ihre Beziehung zu dem Typen gehalten, oder hat die Liebe die Entfernung nicht überlebt? Liest du noch so viel wie früher und versuchst dich als Dungeonmaster? Wohnen die Physiker noch in deinem Stockwerk, können sie jetzt besser Dart spielen und diskutiert ihr immer noch mit einem Mund voll Nudeln über den Sinn des Lebens und das was die Welt im Innersten zusammenhält? Es ist ein Schrei nach ‚lass mich Teil haben‘, lass mich Teil sein von dir und deinem Leben und das ist ganz schön erbärmlich.

Ich wusste nicht wohin mit mir an Weihnachten und bin dann über Umwege und Zufälle einfach früher nach Kenia gereist als geplant, möchte ich dir erzählen. Auch mit mehr Vorbereitung wäre ich nie auf das gefasst gewesen was mich dort erwartete. Es waren nicht nur die Menschen und die fremde Kultur die mich nachhaltig prägten, ich habe mich schon auf dem Flug dorthin unsterblich kitschig in einen Deutschen verliebt. In Kenia. Irgendwo im Nirgendwo, im Wüstenland. Wir haben mit kenianischen Stämmen ins neue Jahr getanzt und auf der viertägigen Reise vom Grenzland in die Stadt in einem buntbemalten Jeep Zukunftspläne geschmiedet. Alles nachdem ich in einer Nacht, als ich es nicht mehr in die Missionsstation zurück schaffte, beinahe gestorben wäre. Zu wissen, dass du nie davon erfahren hättest, schmerzt seltsam. Im Sommer gehe ich nach Amerika und danach wieder nach Kenia. Mein Opa ist gestorben. Meine Haare sind jetzt kürzer. Mein Ohr ist gepierced. Den Sessel den du so mochtest habe ich ausrangiert. Es hat sich viel getan bei mir. Bei dir auch?

Ich hoffe für dich und das Mädchen, das du da in deinen Armen hältst, dass du zuerst dich findest, bevor du wieder losziehst um jemandem für dich zu finden. Nach all der Zeit bist du immer noch rätselhaft für mich und es tut weh zu wissen, dass wir uns augenscheinlich voreinander entblößt haben, du dich mir aber trotzdem nie wirklich gezeigt hast. Anscheinend bin ich nicht die richtige Person um Licht in deine tiefen, dunklen menschlichen Abgründe zu bringen und das ist okay. Vermutlich hätte ich ohnehin zu viel Angst davor deine Dunkelheit auszuleuchten, nur um dort nichts zu finden.

Du hast damals beschlossen nicht mit mir befreundet sein zu wollen und in dieser Bar sitzend, am Gin-Tonic nippend und meinen Freunden dabei zuhörend wie viel oder wie wenig du wie der klassische Fuckboy aussiehst, lasse ich das nochmal Revue passieren. Es ärgert mich, dass ich dir so wenig bedeutet habe. Es ärgert mich, dass du dich auf einer Tanzfläche mit einem hübschen Mädchen drehen kannst und ich vermutlich schon mit den 25 anderen Frauen die dich für eine Zeit lang unterhalten haben, unter den Teppich gekehrt worden bin. Ich bin etwas Besonderes! Ich war für dich aber nichts Besonderes und das will ich immer noch nicht verstehen, vor allem nach allem was du gesagt hast. Aber das was du sagst und das was du tatsächlich fühlst sind bei dir ja immer zwei verschiedene Baustellen.

„Ich werde jetzt nachhause gehen.“, lasse ich meine Freunde wissen, lächle dem Kellner zu und gebe ihm nicht meine Nummer als er danach fragt. „Hey, jetzt lass dir doch nicht von dem Typen den Abend versauen!“, protestieren Matthias und Co. und wollen mich zum Bleiben überreden. „Oder wir können ja auch wo anders hingehen.“, schlagen sie vor. Aber der Abend ist für mich irgendwie vorbei. Ich halte nichts davon sich von Gefühlen ‚abzulenken‘ in dem man versucht sie zu betäuben und wenn das nicht mehr funktioniert, sie zu überspielen. Ich will jetzt alleine durch den Park nachhause gehen und dabei Orchestermusik hören und sentimental sein. Vielleicht stalke ich dich später noch auf Facebook, wobei du da ja eh nie was postest und ich dich schon lange ‚entfreundet‘ habe, aber dann ist es auch wieder genug und ich drehe mich weiter. Nicht um dich, sondern weg von dir. Bedeutungsloslassend.

Das hier soll jetzt kein trauriger Text sein, denn ich fühle mich nicht traurig. Auf meinem Weg nachhause drehe ich mich ein paar Mal um mich selbst im Kreis zu der Musik die aus den Kopfhörern an mein Ohr drängt und verwirre damit den freundlichen Drogendealer meiner Nachbarschaft, der jetzt wahrscheinlich denkt, dass ich nicht bei ihm kaufe, weil ich bei jemand anderem kaufe. Ich bleibe nicht bei ihm stehen um ihm zu erklären, dass ich einfach so drauf bin, ohne auf was drauf zu sein. Aber anlächeln tu ich ihn schon.

Wie ich da so unentdeckt von dir aus der Bar husche fühle ich mich unsichtbar, mit der Gewissheit es auch für dich zu sein. Vermutlich hast du Basti, oder Chris oder Felix, sollten sie mal nach mir gefragt haben einfach nur gesagt, dass wir uns nicht mehr sehen. Aber das ist nur halb wahr, nur für dich, weil ich dich nämlich schon noch sehe. Nur du mich eben nicht. Sehr wahrscheinlich haben sie aber gar nicht nach mir gefragt, weil sie mit deinem ‚Frauen-Verkehr‘ besser vertraut sind als ich und dem von Anfang an keine Bedeutung zugemessen haben.

Darüber will ich aber keinen Text schreiben, sage ich mir und tu es jetzt doch. So wie das nun mal ist, mit mir und meinem Menschen-Sein. Ich weiß ich werde keine Antwort auf die Fragen bekommen die ich dir in der Bar nicht gestellt habe, aber damit kann ich leben. Eine Zeit lang dachte ich ja damals du würdest dich nach ein paar Wochen wieder bei mir melden. Vielleicht vor meiner Wohnungstür aufkreuzen oder vor meinem Institut auf der Bank in der Sonne sitzen und auf mich warten, weil du erkennst, dass es ohne mich eben doch nicht geht. Weil es zwischen uns verwirrend ist, aber ohne uns unmöglich und du der Sehnsucht die du in dir spürst meinen Namen gibst. Aber all das ist nie passiert und irgendwann habe ich einfach vergessen nach dir Ausschau zu halten. Wie das halt so ist, wenn sich die Welt weiterdreht.

Für mich ist die ideale Beziehung die mit einem besten Freund, mit dem ich auch Sex haben will. Das traf irgendwie auf dich zu. Dir war das zu wenig. Oder zu viel? Ich habe immer noch nicht verstanden was du suchst, schätze aber dass du es selbst nicht weißt und in mir dachtest es nicht gefunden zu haben. Das nervt ein bisschen. Kratz am Ego. Aber davon hab ich glücklicher Weise eh recht viel, es ist also okay, wenn da ab und an am Lack gekratzt wird. Vielleicht fällt das ja auch unter sowas ähnliches wie Charakterbildung. Trotzdem fasse ich es nicht, dass du mich lieber komplett aus deinem Leben gestrichen hast, als dich mit mir und mit dir selbst auseinanderzusetzten. Vielleicht hast du das aber sogar getan und dann wäre das ein richtig heftiger Schlag in meine kleine Muffin-Top-Magengrube. Wieso verdammt teilst du dich eigentlich nie mit?

Solltest du das hier jemals lesen und dich darin wieder erkennen, dann gib mir doch bitte mal meine Keksdose zurück, weil ich ständig Kekse transportiere und diese eine kleine Dose eine ideale Höhe hat um sie darin nicht gleich zu erdrücken. Keksbrösel mit dem Finger aufzupicken ist mühsam. Ich bin mir sicher du verstehst das. Du musst sie  mir ja nicht persönlich vorbeibringen. Schicks doch einfach mit der Post. An der Adresse fährst du doch ohnehin ständig vorbei, schätze ich. Ansonsten bin ich auch mittwochvormittags nie zuhause, falls du sie mir vor die Tür legen willst. Die Eingangstür ist nach wie vor meistens offen.

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  1. „schwer verliebt“ würde ich sagen.

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